Kiffen mit Nirvana

Warum uns die Musik, die wir in der Jugend hören, ein Leben lang prägt.

Vor ein paar Tagen sah ich mir an einem Kiosk in Südfrankreich mit meinen zwei Töchtern Geburtstagskarten an: die Titelbilder von «Paris Match» aus verschiedenen Jahren. 1964 heiratete Johnny Hallyday, Michael Jackson hatte irgendwann in den Achtzigerjahren ein legendäres Paris-Konzert, und so weiter. Die Titelseite von 1994 – die Nachricht von Kurt Cobains Suizid – liess alle möglichen ­Erinnerungen in mir hochkommen. Obwohl das für mich damals einfach ein weiteres ­Kapitel der sowieso völlig irren Nirvana-Story gewesen war, die Courtney Love dann bruchlos fortsetzte.

Denn Musik ist absolute Gegenwart. Als vor 50 Jahren Woodstock stattfand, war sich wohl keiner bewusst, dass da gerade Pop-Historie geschrieben wurde. Genau deshalb prägt uns, was wir zwischen 10 und 18 hören: Da man selbst noch keine Geschichte hat, verfolgt uns das zufällige Jetzt der Jugend ein Leben lang.

Wenn ich flächigen Leidens-Rock höre, der ­irgendwie an Nirvana erinnert, geht mir noch 20 Jahre später das Herz auf. Das Gleiche gilt für die Beastie Boys, für Rage Against the ­Machine, irgendwie sogar für den epischen ­Gitarren-Blödsinn der Guns N’ Roses. Diese ­Musik spricht zu jenen Bereichen in mir, wo mein Ich in ewiger Jugend wohnt, während draussen scheinbar die Zeit vergeht.

«Die Musik unserer ­Jugend hat eine ganz eigene ­seelische Temperatur.»

Udo Lindenberg, Leonard Cohen oder Stevie Wonder, die Musik meiner Eltern, sie rührt mich auch, aber das ist ein stilles Gefühl, eher wie der Geruch alter Bücher vom Dachboden. Denn die Musik unserer ­Jugend hat eine ganz eigene seelische Temperatur: die Melancholie, die nur jener kennt, der die Welt der Kindheit gerade verloren hat, aber dummerweise noch in ihr festsitzt. Für mich ist Nirvana der Soundtrack von Teenagern, die im Keller der Eltern oder im Pfadiheim kiffen. Fällt dieser Widerspruch weg, hört man Kurt Cobain ein paar Jahre später in der Berliner Studenten-WG, dann ist er ­lebenstechnisch schon passé.

Aber die Geschichte geht weiter. Im Auto zurück in unser Ferienhäuschen hören wir die CDs meiner 12-jährigen Tochter: Namika und Lina. Namika singt diesen westdeutschen R’n’B, bei dem die Stimme mitten in der Zeile plötzlich eine Oktave höher springt. Es ist alles romantisch, etwas esoterisch und ab und zu überraschend ernsthaft. Immer wieder kommt Namikas nordafrikanische Grossmutter vor, «die so viel gab und so wenig nahm» und jetzt «bei Gott» ist.

Lina ist der Gegenentwurf. Da ist null Tragik und Migrationshintergrund, sondern Neue Deutsche Welle reloaded. Auf dem Cover ihrer aktuellen CD inszeniert sich Lina als Nena-Double, «denn es muss für die ganze Familie funktionier’n», wie sie ironisch kommentiert. «Was ist die Deutsche Welle?», fragt meine jüngere Tochter, die gerade mal 9 ist. Sie singt jede Zeile mit, etwaige Metaebenen lässt sie links liegen.

Recht hat sie, sie ist ja keine Pop-Historikerin. Musik ist Gegenwart, sonst nichts.



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