Zum Hauptinhalt springen

«Mein Biss ist noch voll da»

Auf seinem neuen Album «Dark Matter» macht sich der Randy Newman über Wladimir Putin lustig. Im Gespräch erklärt der 73-Jährige, warum er keinen (guten) Song über Donald Trump schreiben konnte.

Musiker Randy Newman ist gerne weg von Zuhause.
Musiker Randy Newman ist gerne weg von Zuhause.
zvg

Ein gemütlicher älterer Herr mit Bauch, Brille und – wie sich schnell herausstellt – ordentlich Schalk im Nacken empfängt in der Suite eines Berliner Hotels. Randy Newman, inzwischen 73 Jahre alt, zählt seit fünf Jahrzehnten zu den herausragendsten Singer-Songwritern. Zahlreiche seiner Lieder, etwa «You’ve Got a Friend», «Short People» oder «You Can Leave Your Hat On» wurden, teils in der Version anderer Musiker, zu Evergreens.

Jetzt hat der sechsfache Grammy-Gewinner nach langen Jahren, in denen er vor allem als Soundtrackkomponist für Animationsfilme wie «Cars 3» eingespannt war, mal wieder ein neues Album gemacht. «Dark Matter» ist ein Genuss. Da ist alles drin vom sachten Pianolied bis zu Blues, Bläser, Orchester, von der Liebesschnulze bis zum neun­minütigen Politsong.

Mr. Newman, Ihr neues Album klingt bemerkenswert fröhlich.Randy Newman: Ja, nicht wahr. Es ist sogar total fröhlich. Und das, obwohl es «Dark Matter» heisst. Ich bin recht stolz auf dieses Album.

Worauf besonders?Dass ich nicht nachgelassen habe. Mein Biss ist noch voll da. Eine Sache hat sich allerdings verschlechtert: Ich muss heute härter arbeiten. Ich kann nicht mehr bloss am Piano sitzen und warten, dass die Ideen anklopfen.

Haben Sie deshalb neun Jahre für «Dark Matter» gebraucht? Oder wegen Ihrer Soundtrackarbeit für Animationsfilme?Nein, das sind lahme Ausreden. Ich habe einfach eine schlechte Arbeitsmoral. Ich arbeite nicht so gerne, ja, ich bin faul. Bei der Filmmusik muss ich mich zusammenreissen, denn ohne Musik kann der Film nicht anlaufen. Bei meinen eigenen Alben fehlt mir dieser Druck.

Sie sind ja ohnehin in einem ­Alter, in dem man nicht mehr arbeiten müsste.Ich weiss. Das ist aber auch kei­ne Lösung. Ich sehe tatsächlich kaum einen Künstler in meinem Alter, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Warum auch? Zu Hause applaudiert dir niemand. Es ist ein Privileg, für Leute zu spielen, die Geld dafür bezahlen, dich zu sehen. Und manchmal bin ich einfach gerne mal weg von zu Hause. Unterwegs zu sein, ist übrigens gut für meine Ehe. Ich merke an den SMS meiner Frau, dass sie mich vermisst. Sie ist viel netter, wenn ich nicht da bin.

Was reizt Sie bei Frauen? Schönheit? Intellekt?Kompatibilität. Der Sinn für Humor. Ich mag es, wenn mich jemand zum Lachen bringt. Ich bin im Alltag auch ziemlich lustig, wissen Sie. Natürlich auch in meinen Songs. Manchmal scheint meine Musik sehr ehrfürchtig zu sein. Aber viele Songs sind auf derbe Weise witzig.

So wie «Putin». Fast hat man den Eindruck, Sie hätten einen Narren an dem Mann gefressen. Sie singen: Wenn er sein Shirt auszieht, wünschten Sie sich, eine Frau zu sein.(lacht) Ich finde seine Fotos mit nacktem Oberkörper umwerfend. So etwas machen doch sonst nur Teenager. Der Ton des Songs ist in der Tat ein befürwortender, ihm zugewandter. Ich wollte ihn menschlich machen.

Ist der Albumtitel «Dark Matter» eigentlich als typische Newman-Ironie zu verstehen?Nein, eher als typische Newman-Notlösung. Erst wollte ich es «The Great Debate» nennen, dann ging der ganze Politikmist los, und mit dem Titel hätte ich Erwartungen geschürt, die ich weder hätte erfüllen können noch wollen.

Wo ist überhaupt Donald Trump? Kam er zu spät, als dass Sie ihn noch mit einem Song hätten berücksichtigen können?Nein, er kam noch rechtzeitig. Ich hatte überlegt, aber ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich schrieb einen Song, der von Trumps Penis handelt, der war mir jedoch nicht lustig genug. Was soll man auch über Trump schreiben?

Glauben Sie, der Präsident liebt sein Land?Nein. Er mag die Leute, die ihn gewählt haben. Und er liebt sich selbst.

Sie sagten einige Zeit vor der Wahl, dass er es nicht ins Weisse Haus schaffen werde.Ja. Es schien mir unvorstellbar. Ich schrieb für mein vorheriges Album «Harps and Angels» den Song «A Few Words in Defense of Our Country» über die damalige Bush-Regierung. George W. Bush war ein wirklich schlechter Präsident. Aber Trump lässt Bush nun wirken wie eine Lichtgestalt.

In jenem Lied sagten Sie das ­Ende der Vormachtstellung der Vereinigten Staaten voraus. Ist es nun so weit?Ich denke schon. Historisch betrachtet hat sich kein Land ewig oben gehalten. Die Römer, die Briten, es war alles irgendwann vorbei. Die USA waren jetzt ­führend seit dem Ersten, sicherlich seit dem Zweiten Weltkrieg. Trump ist ein grosser Rückschlag für unser Land. Ich weiss nicht, ob wir mit ihm fertigwerden. Ich habe gerade die Hitler-Biografie von Volker Ullrich gelesen, die Parallelen sind frappierend. Du behauptest, dass die Zeiten schlechter sind als sie sind, du suchst dir einen Feind, du machst absurde Versprechungen, den Schweinestall auszumisten. Trump ist kein Monster, das die Weltherrschaft sucht, aber irgendwer in seinem Team muss dieses Buch gelesen haben.

Sind das tolle Zeiten für einen Songwriter?Nein, das ist nicht toll. Was da über meinem Kopf hängt, ist zu gross, damit werde ich als Musiker und Satiriker nicht fertig.

Sie haben sehr viele Klassiker geschrieben. Wie muss man es anstellen, damit ein Lied berühmt wird?Man muss Songs komponieren, die gefällig sind. Hätte ich möglichst viele Hits haben wollen, dann hätte ich mehr Stücke wie «Feels Like Home» geschrieben, den mögen die Menschen sehr gern. Ich selbst finde den überhaupt nicht spannend, weil er nicht von Charakter vorangetrieben wird, der Song ist quasi unbewohnt. Balladen gehen auch immer gut, «Marie», «Everytime It Rains». Die Leute schätzen geradlinige Liebeslieder. Ja, sogar meine eingefleischten Fans finden die lieblichen Lieder, die aufs Massenpublikum zielen, am besten. Alles Banausen (lacht).

Randy Newman: «Dark Matter», Warner.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch