Mit Irland versöhnt

Shirley Grimes ist zurück. Mit grossartigen Songs, kompakter Band und einer entspannten Haltung zur Heimat, die ihr lange gefehlt hat.

Angekommen und geblieben: Shirley Grimes auf dem Waisenhausplatz in Bern.

Angekommen und geblieben: Shirley Grimes auf dem Waisenhausplatz in Bern.

(Bild: Raphael Moser)

Michael Feller@mikefelloni

Ein Auto bremst vor dem Fussgängerstreifen. Der rote Lockenkopf, der von der Rückbank aufs Trottoir hüpft, ist unverkennbar. Shirley Grimes. Berner Folksängerin aus Irland, in der örtlichen Musikszene eine grosse Nummer, mit einer Stimme, die Geschichten trägt – und ein bisschen Heimweh.

Die Männer im Auto, Bassist Wolfgang Zwiauer und Gitarrist Tom Etter, fahren weiter. Wie sich gleich herausstellen soll, müssen sie für den Abend noch ein Fest vorbereiten. Wir treffen Grimes just an ihrem 46. Geburtstag zum Interview, Absicht war das nicht. Ihr macht das nichts aus. «Dann hab ich wenigstens ein Geburtstagsfoto», sagt sie und wirft sich beim Meret-Oppenheim-Brunnen in Pose.

Harmonisch mit Nachbar

Wolfgang Zwiauer und Tom Etter sind nicht nur die neue Band, mit der Grimes ihr neues Album aufgenommen hat, «Hold On» (siehe Box). Mit Zwiauer teilt Grimes auch abseits von Aufnahmestudio und Bühne ihr Leben. Und Etter, der gleich neben Grimes im Murifeld wohnt, ist ein Freund der Familie.

«Für Tom war es nicht einfach, als Dritter zu einem Musikerpaar zu stossen, das schon zwanzig Jahre zusammen Musik macht», sagt Grimes. Hören tut man das nicht, der Züri-West-Mann harmoniert wunderbar mit seinen Nachbarn. Das Trio ist Grimes’ kompakteste Band seit ihren Anfängen in der Schweiz, nachdem sie von Irland eingewandert war.

Shirley Grimes kam in Killaloe, einer Kleinstadt im Südwesten Irlands, zur Welt. Sie wuchs in einem musikalischen Land auf, aber nicht in einer musikalischen Familie. Sie spürte, dass ihr katholisch geprägtes Umfeld nicht passte. Ein wichtiger Moment war, als ihre grosse Schwester ihr mit ihrem ersten Lohn eine Gitarre kaufte.

«Ich glaube, sie hat gesehen, was die Musik mit mir macht. Das werde ich ihr nie vergessen.» Als Teenager begann Grimes in Pubs aufzutreten, Irish Folk, «so wie jeder andere auch», wie sie sagt. «An jeder Ecke hört man in Irland talentierte Leute. Sie sind nicht alle technisch brillant. Aber sie machen die Musik mit unglaublicher Tiefe.»

Von null auf hundert

Doch Grimes wollte weg. Als 18-Jährige verschlug es sie nach Bern. «Kaum war ich in der Schweiz, gings los.» Bald realisierte sie: Hier wird nicht in jeder Kneipe leidenschaftlich gesungen. Sie begann mit Bassist Bänz Oester und Schlagzeuger Gilbert Paeffgen zu spielen. Rasch lernte sie viele Leute kennen. «Nach zwei Monaten hatte ich eine Visitenkarte von Philippe Cornu in der Tasche» – und bereits 1992 spielte sie auf der Hauptbühne des Gurtenfestivals.

Und wieder ein Jahr später gab sie ihr erstes Album heraus, «Songs of seas and ferries», das war 1993. Ihr Trio reihte Konzert an Konzert. «Ich habe hier wohl ein Vakuum gefüllt.» Ihr Irish Folk war angesagt, und die Stimme unter den roten Locken ergriff die Schweiz.

«Ich kümmere mich nur noch um Sachen, die Tiefe haben.»

Der damals 20-jährigen Shirley Grimes wurde alles zu viel. Vier Jahre lang sperrte sie die Gitarre in den Schrank und wollte nichts mehr von der Musik wissen. Dann, 1997, lernte sie Wolfgang Zwiauer kennen, verliebte sich, sang wieder – «and the rest is history», sagt Grimes und lacht. Der Rest der Geschichte bis heute: zwei Kinder, fünf weitere Alben – und die jüngste Platte kommt heute in den Handel.

Auch wenn die neue Musik leicht klingt: Es war eine schwierige Geburt. Ein fieser Tinnitus verzögerte die Arbeit. Plötzlich hörte Shirley Grimes die Dinge nicht mehr, wie sie waren. «Wenn ich eine Note sang, hörte ich es auf dem einen Ohr richtig und auf dem anderen falsch.» In dieser Zeit wurde das Hören anstrengend – und zugleich wertvoller. Der Tinnitus hat Grimes aufs Wesentliche radikalisiert. «Ich kümmere mich nur noch um Sachen, die Tiefe haben.»

Im November geht das Trio auf Tour. Tom Etter und das Ehepaar Grimes-Zwiauer. Gibt das nicht Zoff, wenn man mit dem Partner auch noch auf die Bühne steigt? Grimes lacht. «Doch, immer. Vor jedem neuen Album führen wir riesige Diskussionen, ob wir weiterhin zusammen Musik machen wollen. Das ist kein Geheimnis. Ich glaube, manchmal ist meine Musik wie ein Käfig für Wolfgang, der den ganzen Abend durchimprovisieren könnte. Andererseits verstehen wir uns einfach blind. Wir haben uns musikalisch viel zu sagen.»

Und die Heimat? Die ist mittlerweile auch in Bern, wo ihre Familie ist und gross wird. Ihre 17-jährige Tochter ist als Backgroundsängerin auf dem Album zu hören. Mir der Enge Irlands, vor der sie einst floh, als sie so alt war wie ihre Tochter heute, hat sich Grimes inzwischen versöhnt.

«Das Unwohlsein kam jahrelang wieder zurück, als ich zurückreiste, da wurde ich immer wieder zur 17-Jährigen, die weg wollte.» In den letzten Jahren habe sich das aufgelöst. Jetzt geniesst sie die Herzlichkeit der Iren, wenn sie das Land ihrer Jugend besucht. «Irgendwann musst du erwachsen werden.» Alles Gute, Frau Grimes!

Live: 2. und 3. November, Bäre Buchsi, Münchenbuchsee

Berner Zeitung

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