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Musik der grossen Worte

Ihre Musik ist ruhiger geworden, sie selbst bleiben laut: Die Goldenen Zitronen eröffnen am Freitag das Musikfestival Saint Ghetto in der Dampfzentrale Bern.

Engagierte Pappkameraden: Die Goldenen Zitronen gelten als musikalische Eingreiftruppe der linken Alternativkultur.
Engagierte Pappkameraden: Die Goldenen Zitronen gelten als musikalische Eingreiftruppe der linken Alternativkultur.
zvg

Ihre Anfänge führen zurück ins Hamburger Punkmilieu der Achtzigerjahre. Die besetzten Häuser rund um Fischmarkt und Buttstrasse am Hafen waren das Epizentrum des Hamburger Untergrunds. Laute Demonstrationen, schummrige Clubs, wilde Privatpartys – und mitten drin die Goldenen Zitronen: Die Band ist eine Institution und gilt seit 1984 als musikalische Eingreiftruppe der linken Alternativkultur, die mit politischen Statements unbequeme Fragen aufwirft. Zum Beispiel anlässlich der Pogrome gegen Asylsuchende in Rostock 1992. Ebenso unermüdlich wehren sie sich gegen die Vereinnahmung durch die Musikindustrie.

Nachdem die Goldenen Zitronen als Vorband der Toten Hosen Mitte der Achtzigerjahre durch Deutschland tourten und «Bravo» und «Bild» die Band in den Himmel lobten, merkten die Musiker, dass etwas falsch lief. Sie waren auf bestem Weg, das Label «Protestband» verpasst zu bekommen – doch den Goldenen Zitronen ging es um mehr. Sie wandten sich von der aufkeimenden Spass-Punk-Bewegung ab und begannen musikalisch zu experimentieren. Der Sound wurde avantgardistischer, die Rollenverteilung innerhalb der Band löste sich auf, improvisatorische Elemente fanden Eingang in die Musik.

Die Radikalität der Texte

Auf den jüngsten Alben «Lenin» und dem eben veröffentlichten «Die Entstehung der Nacht» bewegt sich die Musik der Goldenen Zitronen oft in elektronischen Gefilden. Das Ganze klingt ruhiger, aber auch vertrackter und assoziativer als in den wilden Anfängen. Was blieb, ist die Radikalität der Texte. Im Song «Positionen», der auf soziale Netzwerke wie Facebook gemünzt ist, heisst es: «Jeder kann ein kleiner König sein im Sinne des Erfinders. Doch bei der Masse an Juwelen bleibt keine Zeit mehr für die Krönung.»

Die Affinität zum Wort äussert sich auch in Bandnebenprojekten. Ted Gaier arbeitete regelmässig mit der Schweizer Theatertruppe 400asa zusammen; Schorsch Kamerun hat als Regisseur am Schauspielhaus Zürich und an anderen renommierten Theaterbühnen inszeniert.

Position beziehen

Auch nach 25 Jahren ist Protest für die Goldenen Zitronen keine Pose, sondern ein Mittel, um Position zu beziehen: So trat Ted Gaier unlängst als Mitinitiant des viel diskutierten Hamburger Manifests auf. Unter dem Titel «Not in Our Name» wehrt sich eine Gruppe von Künstlern gegen die Vereinnahmung der Alternativkultur zum städtischen Standortfaktor: «Wir wollen keine günstigen Ateliers als Alibi in einer Stadt, die nur für Besserverdienende da ist», heisst es im Manifest. Zum Auftakt des Festivals Saint Ghetto greift die Dampfzentrale das Hamburger Manifest auf und diskutiert mit Ted Gaier und Berner Kunstschaffenden, wie sich in der Schweiz die Situation der Alternativkultur zwischen Anerkennung und Vereinnahmung entwickelt hat.

CD: Die Goldenen Zitronen, «Die Entstehung der Nacht», Indigo.

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