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Musik für mehr Beinfreiheit

Novalima setzen neue Trends in Sachen Clubmusik: Ihr Mix aus archaischer Instrumentalkunst und Hightechelectro klingt unverbraucht und macht aus steifen Stöcken entfesselte Tänzer.

Aus allen Ecken der Welt stammen die Musikerinnen und Musiker von Novalima. Gegründet wurde die Band darum auch in einem Chatroom.
Aus allen Ecken der Welt stammen die Musikerinnen und Musiker von Novalima. Gegründet wurde die Band darum auch in einem Chatroom.
zvg

Kurz nach der Jahrtausendwende treffen sich vier Latinos in einem Chatroom. «Lasst uns eine Band gründen», meint Grimaldo in Barcelona. «Cool, ich habe gute Beziehungen zu einem Aufnahmestudio», antwortet Rafael aus London, «wir wollen doch eine Platte machen, oder?» «Hombre, claro!», hackt Carlos in Hongkong in die Tastatur. Und in Lima tippt Ramón, der Einzige, der noch in der Heimat Peru lebt, in Grossbuchstaben: «KOMMT ALLE HER! EIN LATIN GRAMMY IST UNS SICHER!»

Schlechter Witz? Keineswegs. Etwa so begann 2001 die Geschichte von Novalima, einer Band, die so ziemlich das Hippste ist, was das World-Music-Genre derzeit zu bieten hat. Auf ihrer aktuellen Europa-Tour spielen sie die elektrisierende Tanzmusik ihres dritten Albums «Coba Coba». Pointe: Tatsächlich ist es in der Kategorie Latin Grammy als bestes «Alternative Album» nominiert. Ramón, der prophetische Mann aus Lima, konnte den anderen unlängst melden, dass «Coba Coba» in Peru Platinstatus erreicht hat und in den USA sowie in Kanada in die World-Music-Charts eingestiegen ist. Auch in Europa machen Novalima allmählich von sich reden – in Frankreich etwa vertreibt kein Geringerer als Manu Chao den Tonträger der kosmopolitischen Latin Band.

Kiste statt Trommel

Latin? Die Mitglieder von Novalima – inzwischen stolze neun – sind nicht alle Latinos. Die Essenz ihrer Musik ist schwarz, afrikanisch. Sie wird am äussersten Rand des südamerikanischen Kontinents gespielt, an der Pazifikküste. Wer in Peru aus dem kargen Hochland ans Meer reist, wähnt sich dort mit einem Mal ganz anderswo. In den farbigen, improvisierten Ortschaften leben die Nachkommen afrikanischer Sklaven, die von den Spaniern zum Zuckerrohrschneiden dorthin verschleppt wurden. Das Strassenbild, die Gerüche, das Essen und die Geräuschkulisse, die Musik haben nur wenig gemein mit der melancholischen Indiokultur der Anden. Die Ausgelassenheit der Menschen und eine allgegenwärtige, wo immer möglich ausgelebte Tanzlust erinnern eher an die Karibik. Son cubano und Reggae, mit Dub- und anderen elektronischen Studiotechniken verarbeitet, sind denn auch wichtige Elemente in Novalimas Musik. Doch den Kern bilden die Polyrhythmen Afroperus, vorangepeitscht vom stumpfen Cajón, der Perkussionskiste der Spanier, die den Sklaven einst die bauchigen, weithin hörbaren Trommeln verboten.

Trendy und tanzbar

An ihre singende Grossmutter, eine Sklaventochter aus Angola, erinnert sich Novalima-Sängerin Milagros Guerrero in einem Landó-Stück, und das für diesen Stil typische Call-and-Response-Schema scheint von Kontinent zu Kontinent und über Jahrhunderte hinweg zu reichen. Das traurige Lied mündet in einen repetitiven Refrain, der sich von der Last der Vergangenheit lösen will: «Tanzen wir! Feiern wir!» Auf «Afro», der Vorgängerplatte von «Coba Coba», interpretierten Novalima afroperuanische Traditionals, die meisten davon über hundert Jahre alt. Das war ein seltener Hörgenuss, der auch den seltsamen Klang der Quijada, eines mit knöchernen Stöckchen bearbeiteten Eselskiefers, einschloss. Jetzt aber haben sie die Funk-, House- und Chill-out-Sounds verstärkt, die ihren bisher ungehörten Mix von Anfang an so trendy machten – und so tanzbar. «Se me van los pies»/ «Mir laufen die Füsse weg», stellt einer der Musiker beim Spielen selber fest. Von hypnotischer Trance-Elektronik bis hin zu rasanten Tempi und vertrackten Rhythmen, denen nur die besten Tänzer gewachsen sein dürften, reicht das Liveprogramm. Ob die Mühle Hunziken dafür genug Beinfreiheit bietet?

Konzert: Mi, 14.4., Mühle Hunziken, Rubigen, 21 Uhr. Reservationen: 031 721'07'21.

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