«Polo Hofer ist die Queen Elizabeth der Deutschschweiz»

Am Montag wird Mundartrocker Polo Hofer 70 Jahre alt. Wir haben Freunde, Musiker und Weggefährten nach ihren besten Polo-Anekdoten gefragt.

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Seit Monaten ist er auf Abschiedstour, bald erscheint sein letztes Album «Ändspurt» – und am Montag wird er 70. Höchste Zeit für ein paar gute Polo-Hofer-Anekdoten.

Beat «Fisch» Hofer, jüngerer Bruder von Polo Hofer:
Polo war ein sehr schüchternes Kind, das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen. Da unsere Eltern ein Kleidergeschäft hatten, mussten wir Kinder ab und zu Päckli zu den Kunden bringen. Polo konnte das nicht. Er war sogar zu schüchtern, um ans Telefon zu gehen. Als Brüder waren wir sehr verschieden. Mich zog es schon immer ans Wasser, Polo hat lieber gelesen und gezeichnet. Er hat alle Karl-May-Bücher gelesen und anschliessend Cowboys und Indianer auf Schuhschachteln gezeichnet und sie bei sich im Zimmer aufgestellt.

Apropos Schuhschachtel: Einmal, es war ein Jahr, in dem es unglaublich viele Maikäfer gab, hat Polo ganz viele Käfer in eine Schuhschachtel gesteckt und in sein Zimmer genommen. In der Nacht dann wurden die Käfer aktiv und haben es geschafft, den Deckel der Schachtel zu bewegen. Das war ein Treiben in diesem Zimmer, überall waren Maikäfer. Polo hat einen Riesenschreck bekommen, und es dauerte eine Weile, bis kein Käfer mehr im Zimmer war.

Heute? Da treffen wir uns ab und zu am See und essen gemeinsam eine frische Forelle, die ich gefangen und zubereitet habe.

Max Rüdlinger, Schauspieler:
Für «Das Schweigen der Männer» drehte Filmemacher Clemens Klopfenstein mit Polo und mir in Ägypten in der Lobby eines Fünfsternhotels. Es lief nicht besonders rund. Es waren aber auch harte Zeiten für Klopfenstein und Polo, denn Ägypten ist nicht gerade berühmt für seine Weine. Es gab nur gerade einen roten und einen weissen. Ich erinnere mich eigenartigerweise, dass Polo auf dem Rückflug von Assuan nach Kairo tutete: «Egypt Air proudly announces a delay of one hour.» Er befand, das Beste an dem Land sei, dass es Durst gebe. Für «Die Vogelpredigt» stattete ich mich selbst mit einer roten Wildlederjacke aus, damit man mich neben dem aus unzähligen Auftritten präsenzgestählten Polo auch noch wahrnahm. Der Dreh musste verschoben werden, da Polo sich einer Bauchspeicheldrüsenoperation hatte unterziehen müssen. Das kann ja heiter werden, dachte ich, wenn der Kerl auf Entzug ist. Ich war dann beruhigt, als ich feststellte, dass seine Alkoholdiät darin bestand, nach sechs Uhr abends keinen Weissen mehr zu trinken.

Sandee, Sängerin:
Die Schule hat damals ein Musical aufgeführt. Ich war in der neunten Klasse, ein riesiger Polo-Hofer-Fan und hatte unabhängig vom Musical einen Song über Polo geschrieben. Als der Musiklehrer mich in der Pause den Song mit der Gitarre singen hörte, wollte er ihn unbedingt im Musical drin haben. Polo war damals gerade 45 geworden, und in der Presse war zu lesen, dass es Zeit zum Aufhören wäre.

Ich schrieb die Textzeilen: «Si säge 45gi, das isch doch viu z aut füre Rock, aber Du zeigschnes, bisch haut ke so stuure Bock.» Später, als Chorsängerin von Hanery Amman, stand ich dann das erste Mal zusammen mit Polo Hofer auf der Bühne. Das war auf dem Bundesplatz vor circa 10000 Leuten. Ich stand da, sah Polo, sah all diese Leute, sang «Rosmarie und i» mit ihm und dachte für mich, wow, was für ein Weg, den du da zurückgelegt hast vom Schulhof bis hier. Und jetzt wird Polo 70 und rockt noch immer Er hat es wirklich allen gezeigt.

Alexander Tschäppät, Stadtpräsident Bern:
Polo Hofer ist so etwas wie die Queen Elizabeth der Deutschschweiz. Wer in einem Zeitraum von hundert Jahren geboren wurde, kannte und kennt ihn: Polo, die Sechsgenerationenfigur. Und wie bei der englischen Königin erinnert man sich auch bei Polo kaum an die Zeit, bevor er im Rampenlicht auftauchte, und man kann sich nicht vorstellen, was sein wird, wenn er nicht mehr da ist.

Polo Hofer machte den Berner Mundartrock nicht nur massentauglich und zu einem Schweizer Kulturgut, er gehörte auch zu jenem Kreis von Querdenkern, die vor fünfundvierzig Jahren als die «Härdlütli» mit ihrem politischen Programm viel heutzutage Selbstverständliches als Idee lancierten. Und wenn man sich heute vorstellt, dass Polo zusammen mit Sergius Golowin und anderen Berner Originalen den damaligen Nummer-1-Staatsfeind der USA in Bern, den sogenannten LSD-Papst Timothy Leary, in Bern bewirtete, jagt einem dies so etwas wie eine Art Anarchohühnerhaut ein.

Leary wurde in Bern übrigens weder von den Behörden noch von der Polizei behelligt. Vielleicht sollten wir diesen Geist der Toleranz und Gelassenheit, der damals in den Berner Beizen und Altstadtkellern herrschte, wieder vermehrt in unseren Tagesablauf einbauen, so als Antistressprogramm.

Leduc, von den Chartstürmern Lo&Leduc:
Als Teenager hat es mich einst an ein Polo-Hofer-Konzert verschlagen. Es war Silvester, und wir kletterten über den Zaun eines Festgeländes. Das Programm war uns unbekannt, aber das ist an Silvesterpartys auch meist sekundär. Primär wollten wir über den Zaun klettern. So fand ich mich per Zufall mit zerrissenen Hosen inmitten des Publikums wieder. Anscheinend perfekt positioniert, fing ich den Schlagzeugstick auf, der ins Publikum geschmissen wurde.

Leider schaffte er es nicht nach Hause, wohl nicht einmal auf den Heimweg, wir haben uns sozusagen aus den Augen verloren. Das war mein einziges Konzerterlebnis mit Polo Hofer. Ich hoffe aber, mich noch revanchieren zu können und mit Eintrittskarte eines der letzten Konzerte von Polo zu besuchen. Oder er klettert einfach bei einem unserer Konzerte über den Zaun. Wir hätten Freude, und ich lade ihn hiermit zur Kletterpartie ein.

Marianna Polistena, Musikerin:
Die besten Anekdoten über Polo erzählt Polo selbst. Man gebe ihm ein Stichwort und dann kommt die Story, die meist sehr unterhaltsam ist. Wie es ist, mit Polo auf der Bühne zu stehen? Da gibt es zwei Phasen in meiner Erinnerung. Die erste Phase war von 1978 bis 1982, mit Polos Schmetterding. Ich war Mitte zwanzig und genoss es, viele Gigs spielen zu können. Polo war Sänger und Frontman und zog sein Ding durch.

Die zweite Phase von 1997 bis 2002 mit Ménage a trois (Polo, Martin Diem und ich) war ganz anders. Wir waren älter und reifer, suchten Songs aus, die uns gefielen, und spielten ein paar kleine, feine Konzerte. Da lernte ich Polos Haltung als Sänger und Drummer (ja, er sass da immer an seinem kleinen Drumset) richtig schätzen. Es gibt Sänger, die virtuoser, stimmlich flexibler und technisch versierter sind als er, aber seine Spielfreude und seine Demut der Musik gegenüber suchen ihresgleichen. Und da ist immer auch ein Spalt ins Unbekannte offen, nie entsteht Routine, es ist, als ob der Song zum ersten Mal gespielt würde, das erfreut mein Herz!

Marc «Cuco» Dietrich, Musiker und Schauspieler:
Polo und ich kennen uns «gefühlsmässig» schon lebenslänglich! Ich habe ihn als Haudegen und echten «68er» immer bewundert und seinen Liedern und Texten gerne zugehört. Wir haben in den Achtzigern zusammen unter anderem den Sam&Dave-Song «Wart doch, i chume» aufgenommen und standen vor drei Jahren in seinem Musical «Alperose» wieder mal zusammen auf der Bühne. Zudem besuchen wir regelmässig das legendäre «Pyri», unsere gemeinsame Stammbeiz!

Eine kleine Anekdote: Letztes Jahr habe ich Polo in Oberhofen mit meinem Smart «aufgeladen» und dann sind wir zuhinterst ins Justistal gefahren und haben unseren gemeinsamen Freund Bürki Käru in seinem Alpbeizli besucht. Es war schön, irgendwie «e gschänkte Tag». Ich wünsche dir, Polo, vor allem gute Gesundheit und noch viele wunderschöne Momente in deinem bunten und ausgefüllten Leben!!!

Berner Zeitung

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