Rock’n’Roll in der Idylle

Die sechste Ausführung des Cholererock in Hünibach war ausverkauft. Es gab auch einige gute Gründe hinzugehen: Der Liederzüchter Sarbach etwa oder Pablo Infernal aus Zürich.

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«Der Kontrast könnte kaum grösser sein», kommentierte Bandansager Josua Romano. Er meinte das Wetter im Vergleich zum Vorjahr. 2014 suchte strömender Regen den Kohlerenweg heim. Diesen Samstag zeigte sich der Himmel über der Quartierstrasse am Rande der Cholerenschlucht von seiner blauesten Seite. Nässe fanden die Besucher des sechsten Cholererock-Open-Airs in Hünibach höchstens bei der Sprinkleranlage, die zur Erfrischung des Publikums auf dem Aufbau der Zeltbühne installiert war.

Dort, auf der kleinen Bühne, trommelten die Red Sticks das Open Air so richtig ein. Die drei Perkussionisten aus Bern haben durch Youtube-Videos in öffentlichen Toiletten von sich reden gemacht. In Hünibach zeigten sie, dass sie das Trommelhandwerk nicht nur an Pissoirs, sondern auch an den traditionellen Instrumenten – Schlagzeug und alte Fässer – verstanden.

Elektrisch und akustisch

Es war abermals ein hochkarätiges Programm, welches das junge Organisationsteam dieses Jahr zusammengestellt hatte. Seinen nächsten Höhepunkt fand es im Auftritt von Pablo Infernal. Mit Hardrock und einer wilden Bühnenshow trieb die Zürcher Band den Dezibelmesser an die Grenze des Erlaubten – und die Stimmung in die Höhe. Dank ihrer Spielfreude und ihren Liedern in Led-Zeppelin- und AC/DC-Manier dürfte die Band auch in unseren Gefilden einige neue Fans gewonnen haben.

Und weil zu Rock’n’Roll auch Drugs gehören, scheuten sich die vier Jungs nicht, auf der Bühne die eine oder andere Zigarette anzuzünden. Vielleicht nicht gerade das beste Vorbild für die vielen Kinder, die mit ihren Eltern da waren, aber eine schöne kleine Rebellion im nachmittäglichen Familienidyll.

Lustig wie immer war Sarbach. Der Liedermacher, der meistens mit dem Velo an seine Spielorte radelt, kam für einmal zu Fuss. Lange war der Weg von seinem Wohnort Oberhofen ja nicht, trotzdem versetzte er die Organisatoren für einen Augenblick in Aufregung: Erst auf dem allerletzten Drücker erschien er und marschierte direktemang weiter auf die Bühne.

Dort unterhielt er, noch etwas verschwitzt, mit seinen absurden Abschlussarbeiten aus der Jazzschule Freimettigen, warf sich in Appenzeller Tracht, verkleidete sich als Blume und als Teufel, bastelte mit einem Brief der Steuerverwaltung einen Verzerrer für seine akustische Gitarre und spielte seinen Radiohit «Blüemli» – einmal gespielt im Radio Förderband, das sich daraufhin auflöste, so Sarbach.

Schlange vor dem Eingang

Den Abend läuteten die Retropoprocker Rambling Wheels ein, die vor vier Jahren für ihr Album «The 300'000 Cats of Bubastis» schweizweit Aufmerksamkeit erhielten. Die fünf Neuenburger boten ein Konzert, das je später der Abend, desto besser wurde und mit «The Four Hundred Blows», einem mehrstimmigen Lied mit Ukulelebegleitung, stimmungsvoll endete.

Dramatische Szenen spielten sich derweil um 21 Uhr vor dem Eingang ab: Drei Dutzend Leute standen verloren vor dem Tor. Sie durften nicht auf das Gelände, die Veranstalter verkündeten über Lautsprecher: Ausverkauft! Das erste Mal seit Bestehen des Open Airs (siehe Kasten). Doch für die Geduldigen unter den Zuvielen fand sich schliesslich doch noch Platz: Für jeden, der jetzt das Open Air verliess, durfte einer der Wartenden nachrücken. Gut 100 Besucher fanden auf diesem Weg noch Einlass.

Kostproben aus Übersee

Aber wieso gehen, wenn gleich der Headliner spielt: William White, der wohl bekannteste Reggaemusiker der Schweiz, spielte um halb zehn. Er war es, der die Massen angezogen hatte. Weit die Strasse hinauf drängten sich die Zuhörer vor der Bühne und schunkelten zur fröhlich-funkigen Reggaemusik, die White mit einer tollen siebenköpfigen Band zum Besten gab.

Den Abschluss des Festivals machten Undiscovered Soul. Die Thuner Band der Stunde, die vor drei Wochen im Vorprogramm von Lenny Kravitz spielte und für die Aufnahme ihres neuen Albums eigens nach Los Angeles flog, spielte bis weit nach Mitternacht Kostproben aus Übersee.

Thuner Tagblatt

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