Zum Hauptinhalt springen

Schaurig schön

Sängerin Chrysta Bell verwandelte die Berner Dampfzentrale kurzerhand in einen zwielichtigen Abschlussball.

Mystisch: Chrysta Bell.
Mystisch: Chrysta Bell.
Martin Burkhalter

Blitz. Blitz. Minutenlang blitzt die riesige Leinwand hinter der Bühne wie ein Stroboskop in dem dunklen, von Kunstnebel verhangenen Raum. Blitz, blitz, die Dampfzentrale wird zu einem Ort ohne Bezug, zu einem Traum im Traum. Dann betritt sie die Bühne, gross, elegant, mystisch. Mit der Boa aus schwarzen Federn ist Chrysta Bell eine Erscheinung, ganz Wesen der Nacht. Plötzlich sind Stockschläge zu hören, Drumsticks, die den Takt angeben, ein Basslauf kommt dazu, dann die Gitarre, und mit dem Einsetzen ihres hypnotischen Gesangs verliert die alltägliche Welt ihre Konturen. Die Zeit löst sich auf.

Chrysta Bell sieht nicht nur aus wie eine Figur aus einem David-Lynch-Film, sie ist es auch. Hat sie 2017 doch die Rolle der Tammy Preston in Lynchs «Twin Peaks»-Fortsetzung gespielt. Aber Bell ist eben nicht nur Schauspielerin, sondern seit über 20 Jahren Musikerin. Zwar war die 1978 geborene Texanerin bereits als Sängerin der Band 8 ½ Souvenirs bekannt. Aber erst durch die Freundschaft mit David Lynch wurde sie berühmt. «Als ich sie das erste Mal bei einem Auftritt sah, kam sie mir vor wie eine Ausserirdische. Die schönste Ausserirdische aller Zeiten», sagt er über sie. Bells Solo-Debüt «This Train» hat Lynch noch mitgeschrieben und produziert. 2017 veröffentlichte sie ihr erstes eigenständiges Album «We Dissolve». Mit ihrem jüngsten Werk «Feels like Love» ist sie nun auf Tour.

Gerade in Scharen sind die Leute nicht in die Dampfzentrale gekommen. Vielleicht 50 stehen vor der Bühne, trinken Bier, Mate, hier und da schimmert ein Glas Rotwein im Halbdunkel. Es ist eine verschworene Truppe, die meisten Anhänger des Lynch-Universums, existenzialistisch angehauchte Gestalten in dunkler Kleidung.

Was sie zu hören bekommen, ist ein Mix aus neuen Liedern und immer wieder Songs, die Bell mit David Lynch zusammen geschrieben hat. Post-Punk, Rockballaden, Dream-Pop-Songs, bluesige Cold-Wave-Stücke, mit einem Schuss Verzweiflung und Weltschmerz. Höhepunkte sind aber ihre eigenen Kompositionen, Songs mit Industrial-Rock-Einschlag, wie «52 Hz» oder der dunkle Blues «Devil Inside Me».

Durch die bunten, schrillen, dann wieder mystisch-melancholischen Visuals auf der Leinwand, der mystischen vamphaften Femme fatale auf der Bühne, die mit ihrer Stimme der Portis-head-Sängerin Beth Gibons in Nichts nachsteht, wähnt man sich bald wahrlich in einer Art «Twin-Peaks»-Rockoper.

Und während man durch diese Halbwelt segelt und irgendwann nichts mehr klar zu benennen weiss, ist man froh, dass Chrysta Bell nach einer Popballade gleich selber die Metapher für den Abend findet: «Mit euch in diesem Halbdunkel vor der Bühne komme ich mir vor wie auf einem von David Lynch ausgerichteten Highschool-Abschlussball.» Dankeschön!

In der Rubrik «Soundcheck» sind wir in der hiesigen Musikszene unterwegs.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch