Sie ist zart, aber zäh

Seit 25 Jahren ist Sina im Schweizer Popmusikgeschäft. Nun veröffentlicht die Walliser Sängerin ihr neues Album «Emma» – und fordert von der Männerbranche ein Umdenken.

«Ich bin nun bei den Geschichtenerzählern angekommen»: Sina hat die «Rockröhre» aus dem Lötschental hinter sich gelassen. Foto: Sabina Bobst

«Ich bin nun bei den Geschichtenerzählern angekommen»: Sina hat die «Rockröhre» aus dem Lötschental hinter sich gelassen. Foto: Sabina Bobst

«Amen» sagt Sina, als hätte sie eben ein Tischgebet aufgesagt. Sie erzählte aber bloss von ihrer Karriere und benutzte dabei Worte wie Dankbarkeit, Vertrauen, Wertschätzung und Loyalität, während draussen das Januarwetter so schwarz ist, als wäre die Apokalypse nicht sehr weit. Als sie dann das allerletzte Wort sagt, dieses Amen, muss sie selber lachen über das Pathos. Denn es ist nicht so, dass hier etwas zu Ende ist, schon gar nicht ihre Karriere. «Mein Flugi ist noch voll in der Luft», sagt Sina.

In einer Woche erscheint ihr neues Album. «Emma» heisst es, und die Walliserin klingt in ihren neuen Liedern nach einer Sängerin, die die Klischees von der «Rocklady» oder gar der «Rockröhre» aus dem Lötschental längst hinter sich weiss. «Ich bin nun bei den Geschichtenerzählern angekommen», sagt sie und nennt als Einflüsse Songwriterinnen wie Rosanne Cash oder Alison Krauss, die tief in den Countrytraditionen verwurzelt sind. Und die sie dann in ihre Lebenswelt herüberpflanzt, in der Alpenfolklore keinen Platz hat.

Moderne Volkslieder

Neue Songs wie «Wa nix me fehlt» erinnern vielmehr an alte Schweizer Klassiker wie «Stets i Truure», auch wegen der mehrstimmigen Gesänge, die sie mit ihrer Band und Gästen anstimmt. Sie sagt: «Ja, es sind moderne Volkslieder, die kleine Alltags­geschichten erzählen und sich gleichzeitig um die grossen Themen drehen – die Liebe, das Unglück und das Nachtrauern von verlorenen Träumen.»

«Höchste Zeit, dass der auch einmal an eine Frau geht.»Sina bekommt als erste Frau den Lebenswerkpreis der Swiss Music Awards.

Autobiografisch muss man diese komprimierten kleinen Erzählungen nicht lesen, denn Sina hat für das Gespräch nicht ohne Hintersinn in das Lenzburger Stapferhaus geladen, wo zurzeit die Ausstellung «Fake – Die ganze Wahrheit» gezeigt wird: «Ein anderes Wort für Fake News ist ja einfach auch Fantasie. Und diese Verbindung von Selbsterlebtem mit Fiktion ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit.»

Die Hörer treffen etwa auf den «Gitarru Ma», einen mit der Gegenwart hadernden Typen aus ihrem Dorf, der ihr seit ­langem auffällt – aber der ­überhaupt nicht Gitarre spielt. Oder sie treffen auf jene Frau, die von der Freiheit träumt und die Dorfstrasse in ihre Route 66 verwandelt. Aber ja, das Album, das nach ihrer Grossmutter benannt ist, sei persönlicher ausgefallen als ursprünglich geplant. Denn es geht ihr darum, dass sie lesbar bleibe. «Mehr kann ich nicht ­machen.»

«Ich schwöru»: Sinas Duett mit Büne Huber. Video: SinaSinger (Youtube)

Diese «Emma» kommt aber nicht einfach aus der Luft, aus der unaufhaltsamen Flugbewegung, sondern auch aus einer Position des Innehaltens. 25 Jahre ist Sina im Schweizer Pop schon dabei, eine Karriere, die jetzt mit dem Lebenswerkpreis der Swiss Music Awards gewürdigt wird. Sina ist die erste Frau, die die Auszeichnung erhält.

«Das war höchste Zeit, dass der auch einmal an eine Frau geht», sagt die 52-Jährige und fügt hinzu, dass den Preis auch ein paar andere Musikerinnen längst verdient hätten – so klein wie immer behauptet sei die Auswahl hierzulande ja nicht. Und sie fordert ein Umdenken in dieser Männerdomäne, auch wenn Musikerinnen heute wieder sichtbarer sind als auch schon: «Doch solange Männer an allen Schaltstellen dieser so modernen und hippen Musikszene sind, ist es schwierig.»

Munkeln im Dunkeln

Wenn man nicht nur innehält, sondern auch zurückschaut auf ihre Geschichte und den Spuren dieser Karriere nachgeht, beginnt natürlich alles im Wallis. Dort liegt unüberhörbar ihre Heimat, obwohl Sina, die eigentlich Ursula Bellwald heisst, das Tal schon seit so langer Zeit ­verlassen hat und längst im Aargau lebt.

Sie erinnert an Kirchen, die sie als katholisches Mädchen sehr oft besucht hat und in denen sie auch als Vorsängerin des Pfarrers Auftritte hatte. Sie erwähnt ihre erste Band Clear Darkness – «wir spielten Progressive Rock, fanden uns stark und cool und haben über die Schule gesungen, die wir scheisse fanden» – und den Oberwalliser Schlagerpreis, den sie mit ihrer Darbietung von «The House of the Rising Sun» gewonnen hatte.

Dank dieses Auftritts erhielt sie ihren ersten Vertrag, den noch ihr Vater unterschreiben musste, weil sie nicht volljährig war. «Meinem Vater war das Showbusiness suspekt, er verband es mit zwielichtigen Typen in rauchigen Etablissements», erinnert sich Sina. Aber er habe ihre Dringlichkeit gespürt. Sie machte die Handelsschule, ging dann als 18-Jährige nach Genf und sang als Sina Campell in Dancings, an Jubiläen von Blasorchestern. Mit solchen Auftritten hat sie ihre Sporen abverdient: «Das ist ein Teil von mir, und es zeigte mir: Ich bin zwar zart, aber doch zäh.»

Ihr grösster Hit: «Sohn vom Pfarrer». Video: SRF Musik (Youtube)

Wie siehts denn jetzt mit Sinas Publikum aus, 25 Jahre später? «Ich zähle noch zu jenen, die ein Publikum haben, das noch gerne eine CD in der Hand hat und kein Selfie, sondern eine Autogrammkarte will.» Sie erwähnt dann auch, dass sie froh sei, keine junge Künstlerin zu sein, weil es «gopferdeli viel schwieriger geworden ist, mit den eigenen Songs aus dieser ganzen Musikmasse herauszuragen». Und vergleicht sich mit einem vorinstallierten Browser eines Smartphones: Obwohl die Leute ja eigentlich die Auswahl hätten, bleiben sie dem Standardbrowser treu.

«Ich bin besser im Team»

Solche Aussagen – trocken, leicht ironisch, sich selbst nicht überhöhend: Sie passen zu einer, die im Schweizer Pop eine Rolle der Vereinigerin spielt und Leute zusammenbringt, die man in dieser Zusammenstellung nicht unbedingt auf einem Album erwartet. Auf «Emma» sind es Musiker wie der «Amerika»-Sänger Adrian Stern, der das Album produziert hat, die Berner Song­writer Trummer und Tinu Heiniger oder die Kabarettistin Olga Tucek: «Ich bin besser im Team», sagt Sina, es müsse ja nicht überall ihr Name draufstehen.

Denn sie mahnt ja auch an: «All die roten Teppiche und die allzu hellen Scheinwerfer, die mich nun ausleuchten, darf man schnell wieder einpacken und einrollen.»

Sina: «Emma» (Muve) erscheint am 1. Februar. Die Swiss Music Awards werden am 16. Februar in Luzern ­vergeben.

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