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So klingen bisher unveröffentlichte Stones-Stücke

«Exile on Main Street» von den Rolling Stones, ein Epizentrum der Rockmusik, erscheint neu gemastered und mit Zusatzstücken. Eine Hommage inklusive Hörproben.

Lebende Legende: Mick Jagger, Frontmann der Rolling Stones.
Lebende Legende: Mick Jagger, Frontmann der Rolling Stones.
Keystone

Mick Jagger mag das Album nicht besonders, weil seine Stimme darauf zu wenig klar zu hören ist. Keith Richards mag das Album sehr, kann sich aber schlecht daran erinnern, weil er bei den Aufnahmen Heroin spritzte und dauernd über seiner Gitarre einschlief. Mick Taylor wiederum, der damalige Leadgitarrist, wurde von den beiden andern dauernd geplagt, nichts war ihnen gut genug. Bill Wyman und Charlie Watts schliesslich, die Rhythmusgruppe: Sie konnten das ewige Warten nicht ertragen und tauchten manchmal gar nicht erst auf, als man endlich hätte aufnehmen können.

Aber nicht in einem Studio. Sondern im feuchten, finsteren Keller der Villa Nellcôte bei Nizza. Dorthin waren die Rolling Stones 1971 vor den britischen Steuerbehörden geflüchtet. Und dort arbeiteten sie weiter an ihrem neuen Album – mit allem, was damals dazugehörte: ungebetene Gäste, rauschhafte Feste, Dealer und Polizisten, Kokain und Champagner, Sex in allen Lagen, Streit und Suff. Und etwas Musik.

Zurückhaltende Kritik

Als «Exile on Main Street» 1972 erschien, nach zwei schleppenden Jahren mit Aufnahmen in London, Nellcôte und Los Angeles, reagierten die Kritiker zurückhaltend. Die grösste Rock 'n' Roll-Band der Welt, wie sie sich gern nannte, hatte kein Rock-Album aufgenommen, sondern ihre Musik mit Blues, Honkytonk, Hillbilly und Country, Rockabilly, Soul und Gospel legiert. Die Musik klang so düster, wie das Plattencover von Robert Frank aussah, dem Schweizer Fotografen. Ein Cover ganz in Schwarz und Weiss, genau wie die Musik.

Heute gehört «Exile on Main Street» zu den besten Rockplatten überhaupt. Um zu verstehen, warum das ausgerechnet den fünf bleichen Briten gelang, muss man zu den Anfängen der Band zurückgehen, konkret: zu ihrem Auftritt im Santa Monica Civic Auditorium von Los Angeles 1964, als die Stones eben begonnen hatten, in Amerika bekannt zu werden. Damals waren sie für die «T.A.M.I.»-Show gebucht worden, sie sollten mit vielen andern Bands auftreten, schwarzen und weissen.

Zu ihrem Schrecken realisierten sie, dass die Produzenten sie als Hauptgruppe gebucht hatten, was bedeutete, dass sie nach James Brown mit seiner explodierenden Funk-Musik auftreten sollten, seinen brünstigen Schreien und Tanzeinlagen. Die Stones protestierten heftig, aber vergeblich. James Brown liess ihnen ausrichten, er werde sie von der Bühne fegen. Er kam, sang, schrie, tanzte – und fegte alle weg, die vor ihm aufgetreten waren. Dann kamen die Stones, sangen, spielten – und überzeugten alle, sogar ihre schwarzen Kollegen. Nach dem Konzert kam Brown in ihre Garderobe und gratulierte.

Bastard der Kulturen

Die Anekdote macht klar, was die Rolling Stones anderen weissen Gruppen voraus hatten: Sie hatten nie vergessen, wem sie ihre Inspiration verdankten, machten daraus aber etwas Eigenes: eine Kombination aus Keith Richards' Rock-'n'-Roll-Gitarre und Mick Jaggers ironisch-erotischem Gesang. In ihren besten Stücken kontrastiert Hitze mit Kühle, Schwarz mit Weiss, Kraft mit Eleganz. Auf «Exile on Main Street» brachten sie diese Gegensätze ein letztes Mal zur Kollision, dann kam sich Richards mit seinen Drogen abhanden, Jagger übernahm das Kommando und steuerte die Band Richtung Jetset, Perrier und Sponsoren.

Das Album feiert seine eigene Geschichte, indem es alle Stile verwendet, aus denen sich der Rock 'n' Roll, dieser multikulturelle Bastard, zusammensetzt. Zum einen führen die Stones hier mehrere ihrer schweren, mittelschnellen Rocknummern auf, die ihre Einflüsse ohne Rückstände verschmelzen. Und die keine Band besser spielen kann als sie, Stücke wie «Rocks Off», «Casino Boogie», das swingende «Ventilator Blues» oder «Tumbling Dice», das die Band bis heute an den Konzerten spielt.

Zerbrechliche Balladen

Der Rest des Doppelalbums erinnert an die musikalische Geschichte der amerikanischen Populärkultur, schwarz, weiss und arm. Demonstrativ covert die Band zwei sehnige Bluesnummern, Slim Harpos «Hip Shake» und «Stop Breaking Down» von Robert Johnson, und sie spielt sie als sexuelle Verlockung. Überdeutlich wird auf dem Album auch die Countrymusik zitiert, die Richards über alles liebt und die Jagger so oft zur Parodie verkommen liess. Nur hier nicht, wie sein zärtlicher, melancholischer Gesang auf den akustisch arrangierten Stücken «Sweet Virginia» oder «Sweet Black Angel» vormacht. Keith Richards' Freund Gram Parsons war bei den Aufnahmen dabei, bis man ihn wegschickte, weil er mit den Drogen nicht klarkam. Von Parsons hat Richards alles über die rebellischen Countrysänger von Bakersfield gelernt, «und obwohl Mick nie dergleichen tat», wie er sich erinnerte, «hörte er genau zu, als Gram und ich zusammen spielten.»

Nach diesen zerbrechlichen Balladen verdunkelt sich die Musik gegen Ende der Platte wieder, Shuffles und schnelle Rocknummern wechseln sich ab. Gegen Ende singt Jagger die Gospelnummer «Shine A Light» ohne einen Hauch von Ironie. Sie handelt von Brian Jones, dem ehemaligen Gitarristen der Band, der 1969 ertrank. Wenig später würde auch Gram Parsons an einer Überdosis Drogen sterben. «You only leave the Rolling Stones in a box», hat Richards einmal über die vielen Leichen gesagt, die um ihn herum liegen blieben. Die musikalische Atmosphäre auf diesem Album wird vor allem ihm zugeschrieben, seiner Liebe zu den Vorbildern. Genau genommen hat auch Mick Jagger, sein Freund und Partner, nie mehr so roh, so verletzlich und so verzweifelt gesungen wie hier.

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