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So klingt der neue Stille Has

Blues von der gefährlichen Seite der Aarebrücke: Morgen erscheint «So verdorbe» von Stiller Has. Hören Sie rein.

«So verdorbe» ist nicht verdorben. Aber besoffen ist das neue Album von Stiller Has. Von Sex, von der Liebe und von ihrer kleinen, rässen Schwester, der Sehnsucht. Es ist, als hätte Bob Dylans linkische, mit Frauengeschichten gespickte Bluesplatte, die er jüngst mit «Together Through Life» einspielte, in der Berner Altstadt ein Echo erzeugt. Es geht um die Versprechen von Fleisch, Schnaps und Kokain, es geht ums Preisschild, das daran hängt.

Und es geht um all die Leute, die einem in einer Kleinstadt beim Exzess zusehen: «D Aareschleife ziehd sich zue.» Die Zeile aus «Schifahre» erinnert an «Rouch», wo es 1998 hiess: «Me füehlt sich so dehei, s'chönnti fascht scho weh tue.» Auch heute geht dazu ein räudiger Blues um, bloss ist die Szenerie keine Dorfbeiz im Emmental, sondern die Hauptstadt. Was für ein Kontrast zum heimatsunseligen Identitäterää, das der Schweizer Pop derzeit aufführt.

Koksende Skifahrer

«Schifahre» ist der Schlüsselsong der Platte, ihre Themen sind hier zu surrealen, räuschigen Bildern arrangiert. Er erzählt von einem Sonntagmorgen, an dem sich die Nationalsportler – die Skifahrer wie die Kokser – begegnen und das buspere Bern im Spiegel des frischen Morgens in die blutunterlaufenen Augen seiner Schattengestalten blickt. Der Sänger hängt derweil beim Whisky fest. Die spitzen Licks der Bluesgitarre ziehen die letzten Fäden, die ihn noch im Leim halten:

Der Song ist hart und umso auswegloser, als er unmittelbar auf «D' Helfti» folgt. Hier gelobte der Sänger sich zu mässigen; aber wer genau hinhört, erkennt nicht nur ein Lob-, sondern auch einen Abgesang auf die Vernunft. Anaconda ist hier ganz bei sich:

Das liegt nicht zuletzt daran, dass mit seiner neuen Band – Salome Buser (Bass, Orgel), Markus Fürst (Schlagzeug) – seine kühnsten Träume von einer schlagenden Rock-'n'-Roll- und Bluesband wahr geworden sind. Angeleitet vom fantastischen Schifer Schafer an der Gitarre, spielt sie eine schorfige, dann zarte Musik, die über einem tiefen Bluesgrund für jeden Song eine eigene, dichte Atmosphäre aufbaut.

Der Has im Liebeskater

Mal hören wir den Blues als keuchenden, rasselnden Raucherhusten, mal als versifften Boogie, mal als tief über Venedig hängenden Bodennebel. «Venedig» ist das Kernstück der Trilogie über einen Liebeskater, der sich unter die Windjacke des Sängers schleicht, während er sich über die Wasserkanäle seiner Begleiterin entzieht. Dazu kommen zwei italienische Nummern von Gabriella Ferri, die «amore» auf «dolore» reimen und in diesem wehen Zusammenhang gut auf die Platte passen. Schifer Schafer stochert mit der Gitarre noch ein wenig im brackigen Wasser der Lagune, bevor der Sänger die sinkende Stadt verlässt. Weil: «Näbel het's o z' Gäbelbach.»

Nicht alle Lieder sind so stark. Die Derbheit des Titelstücks etwa ist ziemlich forciert:

Und in «König» bleibt Endo Anaconda mit seinem Gast Kutti MC deutlich hinter dem ergreifenden «König für immer» zurück, mit dem der nämliche Berner Rapper seine aktuelle CD abschliesst:

Eine Offenbarung ist dafür «Chlyne Tod»: Umkreist von einer ausgehungerten Gitarre, macht sich der Sänger auf die Jagd nach einem sehr, sehr dringenden koitalen Höhepunkt. Denn: «Vielleicht gits o d' Liebi nid / Und es bliibt numme d' Sehnsucht zrügg / Und die geit länger, viel viel länger / Als jedes läbeslange Glück.»

Es war erst letzten Sonntag, als das Saalpublikum der Fernsehshow «Die grössten Schweizer Hits» mit Florian Ast sang, es wolle «Se-he-he-hex vom Morge bis am Abe». Ist es zu viel verlangt, bald eine Einladung an Endo Anaconda zu schicken? Es wäre schön, das Publikum singend zu wissen: «Chlyne Tod, chlyne Tod / Ah, biss mier is Gnick.»

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