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Stiller Has: «Sollen doch andere Ski fahren!»

«So verdorbe» heisst das neue Album von Stiller Has. Endo Anaconda klingt darauf versöhnlicher als auch schon. Im Gespräch erzählt der Sänger, warum das so ist – und hält ein Plädoyer für die Liebe, die Jugend und Gin Tonic.

Endo Anaconda, ausgerechnet jetzt, während der Wirtschaftskrise, singen Sie von der Liebe? Endo Anaconda: In einer Zeit, in der Menschen ihre Partner nach einem Anforderungsprofil im Internet aussuchen, ist das eine sehr aktuelle Frage. Es geht mir um die Bereitschaft der Menschen, sich überhaupt noch auf so etwas wie Liebe und Leidenschaft einzulassen. Tendenziell ist es ja so, dass romantische Liebe ein überholter Begriff ist. Niemand will sich mehr auf etwas Unsicheres einlassen. Aber wenn man jemanden liebt, liefert man sich aus.

Das klingt fürchterlich pathetisch. Ja, aber der Gedanke daran ist wohltuend. Es braucht romantische Liebe, Sex, und vor allem Leidenschaft. Und im weitesten Sinne auch den Hedonismus, den man uns verbieten will.

Sie plädieren also für eine genussorientierte Lebenseinstellung? Es ist eine persönliche Entscheidung, wie man leben will. Ich wehre mich dagegen, dass jeder Genuss verboten wird, gleichzeitig aber die Lebenserwartung steigt und steigt. Vor hundert Jahren wurde der Absinth verboten, jetzt wird das Rauchen verdammt. Vor den Restaurants hat sich eine offene Szene gebildet, nur sind es keine Junkies, sondern Raucher.

Was ist das Problem daran? Das ist alles widersprüchlich: Man kann nicht die Alkis ins Alkistübli verbannen und sich gleichzeitig in der Bellevue-Bar volllaufen lassen. Die Bellevue-Bar ist für diejenigen, die sich Drinks noch leisten können.

Und woran halten Sie sich vorzugsweise? An meine Gin Tonics. Queen Mum ist damit über 100 geworden. Im Ernst: Mit meiner Generation ziehe ich wohl kaum umher, die ist gar nicht mehr unterwegs. Deshalb halte ich mich an die Jungen.

Zum Beispiel an den Berner Rapper Kutti MC – er ist ja der einzige Gast auf dem Album. In «König» verkörpert er den verschmähten Despoten. Mit Kutti MC verbindet mich nicht nur eine geschäftliche Zusammenarbeit, es ist gewissermassen auch eine private Zusammenarbeit: Wenn wir im Ausgang sind, ist er mein Papi.

Er ist Ihr Papi? Ja, er schaut, dass ich ein Taxi kriege, bevor ich hart lande. In seinem Stück «Mon Bébé» bin ich aber lustigerweise sein Vater. Überhaupt, es gibt viele talentierte junge Leute aus dem Hip-Hop-Bereich. Textlich steht mir diese Szene näher als der Berner Rock.

Weshalb? Wenn man den Anspruch hat, dass Lieder auch Literatur sind, dann kommt vom Hip-Hop mehr als vom Rock, textlich und inhaltlich. Mit dem Mundartrock tue ich mich manchmal schwer. Das geht so weit, dass ich eine Zeit lang Mühe hatte, überhaupt noch berndeutsch zu schreiben.

Und trotzdem schreiben Sie weiterhin Mundarttexte. Ja, weil ich Mundartrock nicht prinzipiell schlecht finde. Das Problem entsteht bloss, wenn nichts Neues mehr kreiert wird, wenn du anfängst, deine eigenen Sachen zu kopieren, anstatt dich selbst immer wieder neu zu erfinden. Das wird umso schwieriger, je länger du dabei bist.

Wie gehen Sie mit diesem selbstgemachten Druck um? Den musst du halt sieben, reinigen, durchstehen. Durchglühen. Das fängt bei den Beweggründen an, warum du überhaupt etwas schreibst. Die Auslöser dafür sind nicht nur lustvoll, die sind auch schmerzhaft. Aber sie entstammen immer dem Leben.

Das klingt nicht allzu schwierig. Es ist aber auch nicht allzu leicht, gleichzeitig ein guter Erzähler und ein guter Literat zu sein. Um so zu werden, musst du am Material schleifen. Im Idealfall singst du, und plötzlich stellen sich die Leute dabei ganz andere Sachen vor, als du ursprünglich beabsichtigt hast. Mit einem Mal passt der Text in ihr Leben. Dann aber taucht ein weiteres Problem auf: Es ist schwierig, diese Nähe auszuhalten – als Sänger und als Konsument.

Haben Sie nach einer Weile andere Beziehungen zu Ihren Songs? Sie lösen sich von mir, werden zur Skulptur. Ich muss das sehr ernst nehmen, kann einen Song auch nicht ewig spielen. Wenn er Fäden zieht, muss ich aufhören. Ich habe zum Beispiel ein paar hundert Mal «Znüni näh» gesungen. Jetzt ist es genug, ich muss aufhören, sonst kann ich das Lied nie wieder singen.

Ist das eine Alterserkenntnis? Ach, das Alter bringt höchstens eine gewisse Desillusionierung mit sich.

Inwiefern? Man akzeptiert die Umstände eher, zum Beispiel, dass wir die Wirtschaft weiter wachsen lassen, weil noch kein Konzept für etwas Neues existiert. Falsche Ideen müssen ja zuerst in der Praxis scheitern – und das geht in der Schweiz lange. Es braucht Geduld.

Und inzwischen gehen wir «Schifahre»? Die anderen sollen Ski fahren gehen, ich sicher nicht.

Ja, denn wenn sie auf «So verdorbe» vom Skifahren singen, klingt das eher wie ein Fluch. Ich hasse Skifahren! Ich musste in der Schule in Österreich immer Ski fahren. Und dann haben sie ständig diese blöden Talente gesucht. Und ich habe immer gelitten. Und jetzt, stell dir vor: Du sitzt am Morgen früh bei einem Kaffee im Bahnhof, hast eben die Nacht hinter dich gebracht, und dann kommen sie, schlagen sich diese Stahlkanten um die Schädel, weil sie «Schifahren» gehen. Dann gehe ich lieber ins «Dead End» zum Après-Ski.

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