Überall Musik

Soundcheck

In Bern ist der Musiksommer ausgebrochen. In allen Himmelsrichtungen gab es Bands zu entdecken: zum Beispiel im Osten – am Ostfest.

Die Münchner Formation Karl Hector & The Malcouns zeigte, wie man 2019 Funk, Afrobeat und Krautrock vermengt.

Die Münchner Formation Karl Hector & The Malcouns zeigte, wie man 2019 Funk, Afrobeat und Krautrock vermengt.

(Bild: Olivia Schneider)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Kein geraniengeschmückter Balkon in dieser Stadt, der an diesem Wochenende nicht von Musik aus der Ferne berieselt worden wäre. Der Sommer verleiht Bern einen mediterranen Touch. In jedem Quartier hängen wieder die blau-gelb-roten Lichtgirlanden, stehen wieder die improvisierten Bühnen, die Food-Trucks und -Stände. Musik, wohin das Auge und die Ohren reichen. Da fährt man federleicht durch die Stadt und kann in kleinen und grösseren Gartenfestchen hineinplatzen, wie es einem gerade zumute ist. Kann sich am lauen Vorabend etwa im Innenhof des Generationenhauses dem Be-Jazz-Sommer hingeben, ein bisschen Sommerliebe tanken in der Badi Ostermundigen, sich mit subversiver Energie am Zaff-Fest aufladen lassen, am Gloryfestival einer hübsch bernisch-familiären Stimmung frönen.

Oder man fährt in den Osten, Burgernziel, und kehrt bereits zum zweiten Mal ein letztes Mal im Ostfest ein – der Berner Bad-Bonn-Kilibi gewissermassen. Dort, wo in den letzten Jahren so eine Art kleine Alternative zum anderen alternativen Kulturzentrum entstanden ist: im Alten Tramdepot – sehr charmant, urban-chic, mit den alten Gleisen im unebenen Asphalt und glitzernden Pfützen vom letzten Regen. Schon 2018 hiess es, das sei jetzt die letzte Ausgabe gewesen, weil eben – das Alte Tramdepot abgerissen und Wohnungen gebaut werden sollen. Nun dauerte das halt wie üblich länger. Jetzt aber stehen die Profile, und das Ostfest 2019 war wohl definitiv die letzte Ausgabe an diesem Ort.

So stolpert man also in dieses Fest hinein – hört am Mittwoch etwa dem Sänger Stahlberger in rotem Rollkragenpullover zu, wie er seine klugen, melancholisch-bizarren Elektropop-Geschichten erzählt, lässt sich Donnerstagnacht im Keller unter dem Punto – bei schrecklich wenig Sauerstoff, aber umso mehr Disco- und Zigarettenrauch – von DJ Hazina mit ihren sphärischen und congalastigen Beats in halluzinatorische Zustände versetzen.

Oder lauscht am Freitagvorabend einer Progressive-Rock-Band, die sich Soldat Hans nennt und deren Frontmann mit der Gitarre und dem Schnauz wie der wiederauferstandene Frank Zappa aussieht.

Und irgendwann ist es Samstagabend geworden, die Leute schwärmen noch von Lia Sells Fishs Auftritt, da vernimmt man plötzlich Afrobeat-Rhythmen und wird ganz Ohr. Auf dem Programm steht nur: Karl Hector & The Malcouns. Schnell wird klar, dass es sich beim Gitarristen und Bandleader um den Münchner Jan Weissenfeldt alias JJ Whitefield handelt, der Anfang der 1990er-Jahre mit seinen «Poets of Rhythm» ein bisschen europäische Funkgeschichte geschrieben hat, indem er den 1970er-Funk wunderbar zeitgemäss wiederbelebte – und damit einen wahren Hype auslöste.

Seine neue Formation Karl Hector & The Malcouns ist seit Anfang der 2000er-Jahren eine Art Fortsetzung dieser Geschichte. Der Funk ist noch immer da, nur ist jetzt noch Ethio-Jazz- und psychedelischer Krautrock dazugekommen, orientalische Klänge, viel Perkussion, mit klaren Referenzen für Fela Kuti und den Afrobeat. Im März haben Karl Hector & The Malcouns ihr drittes, viel gelobtes Album «Non Ex Orbis» veröffentlicht. Das ist multikulturelle Musik, Musik aus globalisierten Zeiten, wie gemacht für heisse Sommernächte in alternativen Kulturzentren.

Die vielköpfige Band spielt ohne Unterbruch ihre zwei Dutzend Instrumente: Djemben, Schlagzeug, Gitarre etwa, aber auch Posaune, Klarinette, die einzige Frau der Band spielt furios und herrlich dreckig auf der elektrischen Orgel. Ein halbes Dutzend Männer in schwarzen Tanktops geben derweil vor der Bühne sterbende Schwäne. In der Hitze und den ausschweifenden Liedern, die nur so ineinander übergehen, treibend, vibrierend, mit laszivem Rhythmus, verschwimmt die Zeit immer mehr, und plötzlich kommen ein wenig vergessen gegangene Gedanken wieder auf: wie schön Freiräume doch sind und wie schade, dass es immer weniger werden.

Das Musikfieber geht gleich weiter: Am Donnerstag beginnt das Strassenmusik-Festival Buskers.

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