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So klingen die Rap-Alphatiere von Chlyklass 2020

Das Berner Rap-Kollektiv Chlyklass veröffentlicht unverhofft nochmals ein Album. Warum die Crew eine Retraite machte und wieso sie sich in den meisten Songs um sich selber dreht.

Sibylle Hartmann
Die Chlyklass-Rapper bei ihrer ersten und einzigen Probe vor dem Tourstart am Samstag im Kofmehl zum neuen Album «Deitinge Nord».
Die Chlyklass-Rapper bei ihrer ersten und einzigen Probe vor dem Tourstart am Samstag im Kofmehl zum neuen Album «Deitinge Nord».
Raphael Moser

«Giele, welchen Song spielen wir nun anstatt ‹Summer für immer› als letzte Zugabe?», fragt Serej in die Runde. «Ich bleibe bei ‹Summer für immer›, da bin ich ganz Span», setzt sich Greis dafür ein, dass die Fans mit ihrem grössten Hit im Ohr nach Hause gehen können. «Nein, den haben wir bereits bei der letzten Tour zum Schluss gebracht», winkt Baldy ab. «Dann fragt mich nicht», sagt Greis.

Es ist Mittwochabend im Berner Wankdorffeld in einem grauen Industriegebäude, wo das Berner Rap-Kollektiv Chlyklass seit fünf Jahren sein Studio hat. In drei Tagen ist der Tourstart im Kofmehl in Solothurn.

Die erste und einzige Probe ist in vollem Gange. Zwischen alten und brandneuen Songs gibt es immer wieder lautstarke Diskussionen. Ein ganzes Rudel Alphatiere mit lauten Stimmen und Mikrofonen in der Hand kommt da jeweils zusammen, um dann doch immer einen Konsens zu finden. Sich gemeinsam von Track zu Track durch die Setliste hangeln. Gegenseitig füreinander einspringen, weiss einer seinen Part in einem alten Hit nicht mehr. Bei «Deitinge Nord» ist dies nicht nötig, der Song ist schliesslich noch ganz frisch.

Genauso frisch wie das gleichnamige Album, das am Freitag erscheint. Das erste nach fünf Jahren. Das dritte in zwanzig Jahren. Ein Album, mit dem niemand gerechnet hat. Und das dennoch mit Spannung erwartet worden ist. Auch wenn nur noch Baze, Greis, Serej und Diens in eigenen Projekten Musik machen, ist Chlyklass der Legendenstatus in der Schweizer Rapszene gewiss.

Mit dem Zusammenschluss von Wurzel 5, PVP und Baze machten sie sich 1999 zum Wu-Tang Clan der Schweiz und prägten den Schweizer Rap ebenso massgeblich wie die New Yorker den amerikanischen Hip-Hop. Mit ihrem letzten Album «Wieso immer mir?» schafften sie es sogar an die Spitze der Schweizer Hitparade.

Ein Nostalgiealbum

War der letzte Tonträger ein imposantes Werk mit 25 Songs von diversen Produzenten, kommt «Deitinge Nord» mit gerade mal 10 Tracks aus, ausschliesslich mit Beats von DJ Link und DJ Clumb.

Und so ist es ein Nostalgiealbum geworden, das klingt, wie Chlyklass von jeher geklungen hat. Nach 90er-Rap. Nur noch vereinzelt haben es Themensongs wie «Nid üses Revier» über die Beziehung zwischen Hund und Mensch oder «Si sy übrigens überau» über den Überwachungsstaat auf das Album geschafft.

Der Rest ist «representen», wie Serej es nennt. Es geht schlicht um die Crew selber. Etwa die Hommage an die Raststätte Deitingen-Nord, wo die Chlyklass nach jedem Konzert östlich von Bern haltmacht auf ihren berühmt-berüchtigten Heimfahrten, wo stets zu viel Alkohol floss und man zum Beat gegen die Decke schlug. Und einmal fast einen Fahrer entlassen hätte, weil er sich weigerte, in Deitingen-Nord zu halten.

Baldy, Phantwo, Baze und Greis (v.l.) vor der Probe. Bild: Raphael Moser
Baldy, Phantwo, Baze und Greis (v.l.) vor der Probe. Bild: Raphael Moser

«Gibt es keine Bässe in diesem Song?», fragt Baze in Richtung DJ Skoob, der die Probe zusammenhält und die Beats in gewünschter Reihenfolge abspielt. «Das liegt an den Boxen», entgegnet dieser. Wirkt Baze bei der Probe etwas gelangweilt, als er seine Parts von einem Stuhl aus rappt, glänzt er auf dem Album umso mehr.

In sieben der zehn Songs ist er es, der den Refrain singt. Manch Chlyklass-Fan der ersten Stunde mag seine wütige, kratzige Stimme vom ersten Album vermissen, aber sein mittlerweile veritabler Gesang macht Songs wie «Neui Trainerhose» oder «Nümm normau» hitverdächtig.

Selbstironisch und nostalgisch: Das Video zur Vorab-Single «Nümm normau». Video: Youtube/ChlyklassTV

Gerade wegen seiner musikalischen Weiterentwicklung und derjenigen von Greis und Serej konnte man gespannt darauf sein, wie Chlyklass im Jahr 2020 tönt. «Das hat uns eigentlich nie interessiert», sagt Serej vor der Probe im Gespräch. Sie hätten ein Album machen wollen, das vor allem auf der Bühne Spass macht.

«Wir müssen uns nicht mehr neu erfinden oder verbissen etwas erreichen.» Und so liessen sie sich auch über zwei Jahre Zeit von der Idee bis zum fertigen Album. Erstere entstand im September 2017. In einer Retraite. Ja, genau, Chlyklass hat tatsächlich eine Retraite gemacht. Mit einem gemieteten Haus in den Freiburger Alpen und allem Drum und Dran.

Ein Stückwerk

Während andere Bands solche Rückzugsorte nutzen, um ein ganzes Album zu schreiben, ist «Deitinge Nord» häppchenweise entstanden. Die beiden DJs Link und Clumb produzierten ein Dutzend Beats, und die MCs konnten sich nach Lust und Laune deren bedienen und ihre Texte darüberschreiben.

Der rote Faden des «Representen» ist zwar klar zu erkennen. Auch musikalisch hat das Album eine klare Linie. Dennoch bleibt es ein Stückwerk. Hätten sie doch gleich in der Retraite Songs geschrieben anstatt darüber diskutiert. Und doch noch ein bisschen mehr danach gesucht, wie Chlyklass 2020 klingen könnte.

Vielleicht ein bisschen mehr nach dem weissen, süsslichen Dunst, den Greis bei der Probe ins Studio bläst, anstatt nach jedem Part für eine Zigarette nach draussen zu eilen.

Oder vielleicht ein bisschen mehr nach dem schlichten braunen Pulli von Poul Prügu, der dem Fotografen erklärt, er komme direkt von der Arbeit und habe sich nicht mehr in die Hip-Hop-Kluft stürzen können. Aber auch 2020 immer noch ein bisschen nach Dosenbier in der einen, das Mikrofon in der anderen Hand, wie am ersten Tag.

Tourstart im Kofmehl Solothurn, Samstag, 21 Uhr. Plattentaufe im Bierhübeli am 25.4. (ausverkauft), Zusatzkonzert am 26.4.

Poul Prügu (r.) und Greis (2.v.r.) besprechen die Setliste. Bild: Raphael Moser
Poul Prügu (r.) und Greis (2.v.r.) besprechen die Setliste. Bild: Raphael Moser
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