Viel Bier, wenig Strom

Altmodisch und zukunftsträchtig zugleich: Am Lakelive-Festival in Biel spielten The Sharecroppers nachhaltigen Country.

The Sharecroppers spielen Americana am Lakelive-Festival.

The Sharecroppers spielen Americana am Lakelive-Festival.

(Bild: sam)

Punkto Umweltverträglichkeit haben Open-Air-Festivals keine wirklich weisse Weste. Viel Stromverbrauch, viel Abfall. Wie man es anders angehen kann, zeigte am Sonntagabend eine lokale Band, die am Lakelive-Festival beim Bieler Strandbad auftrat, im Rahmen der «Biererie», wo lokale Brauereien ihre neusten Kreationen kredenzen.

Statt auf der Zeltbühne spielen The Sharecroppers ihren Country, Bluegrass und Rockabilly-Sound stilecht im Gras davor. Ein einziges Mikrofon und ein paar Miniverstärker müssen reichen, Beleuchtung gibt es keine – trotz des regnerisch grauen Wetters draussen ist sie auch gar nicht nötig. Es ist, als würden die legendären Louisiana-Hayride-Festivals reanimiert, wo Elvis Presley in den Fifties seine ersten grossen Konzerte gab, damals noch einigermassen CO2-neutral.

Das anwesende Publikum weiss die lokalen Hopfentropfen sowie den direkten, ungekünstelten Sound der Sharecroppers zu schätzen. Mag sein, dass deren rurale amerikanische Songs nicht wirklich ins urbane Setting des selbst ernannten Innovationszentrums Biel passen, wo Robert Walser dank Thomas Hirschhorns Inszenierung derzeit überall ist und eine grosse Baustelle vom Entstehen eines neuen «Campus» zeugt.

Im nahe gelegenen Bahnhof spielt ein einsamer Jüngling lustlos seine Zeitgeistsongs mit einer Anlage, die doppelt so gross ist wie diejenige der Sharecroppers – die SBB und die Detailhändler vor Ort sponsern eine Bühne, die gemäss Werbeflyer dafür sorgen soll, dass «Emotionen den Bahnhof mit Begeisterung erfüllen».

Bei den Sharecroppers versprühen die Musiker tatsächlich Begeisterung und eine Spielfreude, die immer mehr aufs Publikum überschwappt. Kopf der Band ist Martin Schori, einst der führende Popdandy am Platz, ein Mann mit legendärer Plattensammlung, der Bands wie The Go-Betweens und The Fall nach Biel holte. Nun schwört Schori auf amerikanische Songs, seien es Klassiker aus den Fünfzigern oder eigene – und streckt sie mit etwas Latin, was auch Perez Prados Tanzknaller «Patricia» ein Revival verschafft.

Ein Mikrofon und ein paar Miniverstärker müssen reichen, Beleuchtung gibt es keine.

Schoris Mitmusiker verstehen ihr Handwerk, sind dauernd in Bewegung, stecken die Köpfe vor dem (einzigen) Mikrofon zusammen wie einst die Beatles und sind offensichtlich in ihrem Element. Mit Erich Berger weiss die Band zudem einen Mann in ihren Reihen, der als Meister der Telecaster-Gitarre gepriesen werden darf. Messerscharf, aber mit spielerischer Leichtigkeit kommen seine Licks, kein Ton ist zu viel, furztrocken der Sound. Würde Elvis noch leben, könnte sich Berger zu seinen legendären Gitarristen Scotty Moore und James Burton gesellen.

Während die Band in den Endspurt geht, baut auf der Bühne bereits die nächste ihre Materialtürme auf – bald herrscht wieder Business as usual. Vorher aber mischen sich die Sharecroppers noch unter die Leute, diesmal ganz ohne Strom und Mikrofon. Eine wahrlich altmodische Art, Musik zu machen. Aber auch eine zukunftsträchtige.

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