Viel Liebe und ein bisschen Zeitgeist

Eros Ramazzotti sang im Zürcher Hallenstadion. Immer noch bombastisch, aber ziemlich schmalzfrei.

Seine Fransenjacke schmiss Eros Ramazzotti während «Per il resto tutto bene» in die Kulissen.

Seine Fransenjacke schmiss Eros Ramazzotti während «Per il resto tutto bene» in die Kulissen.

(Bild: Getty Images)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Plastikmüll im Meer, Smog über den Städten: Auch bei Eros Ramazzotti geht es nun um den Umweltschutz. Exakt in der Mitte seines zweistündigen Auftritts im gut besetzten Hallenstadion werden zwei Spots für eine saubere Welt geschaltet, inklusive Slogan: «Together we can do it». Dazwischen setzt sich Ramazzotti an einen futuristischen Flügel und singt «In primo piano». Ein Liebeslied, eines seiner vielen. Einen Umweltsong hat er nun mal (noch) nicht im Repertoire.

Man könnte das unpassend finden, oder anbiedernd. Aber das wäre nicht fair. Ramazzotti ist ein netter Kerl, er tut, was er kann, seit Jahrzehnten schon. Wenn er zwischendrin einen Zipfel Zeitgeist zu erhaschen versucht – mit diesen Spots, oder auf seiner aktuellen CD «Vita ce n’è» mit Helene Fischer und Luis «Despacito» Fonsi als Duo-Partner –, dann sind das nur Details. Ramazzotti bleibt Ramazzotti.

Das hat er vor allem seiner Stimme zu verdanken: Dieses nasale Timbre, dieses helle «a» – das macht ihn unverkennbar. Zwar ist er mittlerweile 55, aber die Stimme ist jung geblieben. Bubenhaft, wenns nötig ist. Wenn er in «Adesso tu» den Ragazzo aus der Peripherie gibt, tut er das immer noch verblüffend glaubwürdig.

Treue Community

Das Stück eröffnet den akustischen Block: Eros allein mit seiner Gitarre, den bunten Projektionen auf der geschwungenen Bühnenrückwand und seinen grössten Hits, die er nahtlos aneinanderfügt. «L’Aurora», «Una storia importante» – das Publikum singt mit. Es ist älter geworden mit ihm, in der Mehrheit weiblich, in der noch viel grösseren Mehrheit italienisch verwurzelt. Eine treue, zufriedene Community, die zu einem guten Teil bereits am 7. April wieder ins Hallenstadion pilgern dürfte: Dann tritt hier Claudio Baglioni auf, der als künstlerischer Leiter des Schlagerfestivals von San Remo gerade seine lange etwas gedämpfte Popularität erneuert.

Ramazzotti ist im Unterschied zu Baglioni immer oben geblieben, seit er 1984 mit «Terra promessa» in San Remo durchgestartet ist. Auch diesen Song hat er dabei auf seiner Welttournee, die noch bis Ende Jahr dauern wird, weil man ihn ohne wohl nicht von der Bühne liesse. Rund ein Dutzend Titel sind sozusagen obligatorisch in einem Ramazzotti-Konzert – das sind bemerkenswert viele.

Und neue dürften dazukommen, das aktuelle Album liefert einige Kandidaten. Da ist der Titelsong, «Vita ce n’è»; den Refrain kann man sich leicht merken. Oder «Per il resto tutto bene», ein tatsächlich gesellschaftskritisch angehauchtes Stück, währenddessen der Sänger seine Fransenjacke in die Kulisse schmeisst (ein Bühnenarbeiter steht bereit, um sie aufzufangen: Auch das ist Massarbeit).

Abschied mit Pferd

Musikalisch bieten diese Songs das Übliche, wenn auch etwas anders verpackt; Ramazzotti mag die Begleitung inzwischen härter, trockener. Eine neunköpfige Band und zwei Sängerinnen liefern, was er braucht: Immer noch bombastisch, aber schmalzfrei.

Nur im Schlussfilmchen kann er sich den Kitsch nicht verkneifen: Da reitet er auf einem Pferd durch Rebberge davon. Umweltfreundlich, immerhin.

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