Warten auf das Endorphin

Der Song «Unterwasserliebe» von OK Kid löst in unserer Autorin Andrea Knecht einen Gefühlsflash aus.

Andrea Knecht

Ach, diese Melancholie. Es dauerte, bis ich merkte, dass der Song «Unterwasserliebe» der deutschen Pop-Band OK Kid nicht sehnsüchtig pulsierende Verliebtheit beschreibt. Oder ein anderes Gefühl, das so schön ist, dass es ein wenig wehtut. Nein, in «Unterwasserliebe» geht es um Gefühle, die nur wehtun. Und um die Sehnsucht, dem Schmerz zu entfliehen. Aber das machte das Lied – nach anfänglicher Bestürzung – nur noch schöner für mich.

«Und wieder warten auf das Endorphin», singt Frontmann Jonas Schubert, warten auf die körpereigene Droge, die einen so frei von Schmerz werden lässt, dass man high ist, schwebt. Im Video folgt die Kamera zwei Männern ins Hallenbad, diese ästhetische Tristesse: Garderoben mit Klinkersteinböden, ein gekacheltes Becken, gefüllt mit unwirklich blauem Wasser – man riecht förmlich den Chlorgeruch, die geheime Droge der Kreisschwimmenden. «Augen auf im Aquarium», singt Schubert, und ich, die kaum etwas beruhigender findet, als Bahnen auf und ab zu schwimmen, denke an die hellen Linien, die das Licht durch das Wasser auf den gekachelten Grund wirft, an meine Hände, die vor mir im Wasser schweben.

Mit «Unterwasserliebe» geht es mir so, wie es einem mit Poesie eben manchmal geht: Man versteht nicht alles, aber sie löst einen Gefühlsflash aus. Melancholie. Wehmut. Ich bin nicht alleine damit: In Youtubes Kommentarspalte fragt eine Nutzerin, ob es im Lied um Selbsttötung geht. «Ich glaube, es geht darum, sich immer neu zu verlieben und sich dann darin zu verlieren, um alle Probleme ausblenden zu können», erwidert jemand. Ein Dritter schreibt, für jeden habe das Lied eine eigene Bedeutung.

Von MDMA-Konsum handle es, kommentiert ein Weiterer. Eine Person schreibt auf Englisch: «Ich wünschte, ich würde Deutsch verstehen. Eine der besten Bands für mich, aber ich verstehe kein einziges Wort.» Und während Schubert über schwebenden Synthie hinweg singt, «Nicht mehr zu atmen – Bis die Tropfen neue Wellen schlagen – Und der Frust endlich schweigt» denke ich, es geht uns allen gleich, wir verstehen die Worte vielleicht nicht, aber das Lied verstehen wir trotzdem.

Aare, Wasser, Tränen: In dieser Rubrik schreiben wir, wie Kultur und Kleinigkeiten uns nachhaltig zu bewegen vermögen.

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