Wie Zürich früher klang

Das Tonhalle-Orchester feiert sein 150-Jahr-Jubiläum mit einer CD-Box mit Aufnahmen aus seiner Vergangenheit: eine spannende, klug geplante, oft überraschende musikalische Zeitreise.

19. Mai 1975: Gerd Albrecht dirigiert das Tonhalle-Orchester. Foto: Keystone

19. Mai 1975: Gerd Albrecht dirigiert das Tonhalle-Orchester. Foto: Keystone

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Zürich, 8. Dezember 1942: Volkmar Andreae dirigiert in der Zürcher Tonhalle Bruckners Sinfonie Nr. 7. Die Tempi sind verblüffend rasch, der Grundton wirkt sachlich, also für heutige Ohren geradezu modern. Gleichzeitig ist da aber auch ein Flair fürs Majestätische, das sich vor allem in den Steigerungen zeigt: Je lauter die Musik wird, desto schneller wird Andreae. Oder desto langsamer, die Wirkung ist dann ganz anders, aber ebenso stark. Und ja, das hat was – obwohl dieser Interpretationsstil heute längst verpönt ist.

Aber man sitzt nicht nur wegen der musikalischen Qualitäten dieser Aufnahme gebannt vor den Boxen. Sondern weil sie einen in eine Vergangenheit entführt, die man sonst nur aus Büchern kennt. Der Berner Volkmar Andreae war erst der zweite Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters – nach Friedrich Hegar, von dem es keine Aufnahmen gibt. 1906 hatte er sein Amt angetreten, und er blieb bis 1949: unvorstellbar lang für heutige Begriffe. Daneben komponierte er, leitete diverse Chöre und das Konservatorium und prägte damit das Zürcher Musikleben über Jahrzehnte.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Es waren bewegte Jahrzehnte. Das Orchester, 1868 formell gegründet, wurde von Andreae zum vollamtlichen, voll professionellen Klangkörper geformt. Zu einem Klangkörper auch, dessen Konzerte das Schweizer Radio gern und regelmässig aufnahm – was dazu geführt hat, dass die aktuelle Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel und der ehemalige NZZ-Musikredaktor Peter Hagmann einiges zu tun hatten beim Sichten dieses Archivs im Hinblick auf die CD-Box zum 150-Jahr-Jubiläum. Was sie schliesslich ausgesucht haben, ist repräsentativ, aber dennoch oft überraschend. Und es erlaubt – das ist das Beste an dieser Box – ganz unterschiedliche Hörwege durch die Geschichte des Tonhalle-Orchesters.

Der offensichtlichste ist jener, der von einem Chefdirigenten zum nächsten führt. Alle sind sie vertreten: Erich Schmid und Hans Rosbaud, die sich beide (und zeitweise durchaus als Konkurrenten) für die Moderne starkmachten. Rudolf Kempe, der als Berühmtheit nach Zürich kam und das Orchester technisch deutlich verbessert hat. Charles Dutoit, der als ganz Junger neben Kempe trat und vor allem das französische Repertoire betreute. Und dann Gerd Albrecht, der sich nach fünf Jahren im Streit vom Orchester trennte; Christoph Eschenbach, der als Pianist weit mehr geschätzt wurde denn als Dirigent; der ebenfalls glücklose Hiroshi Wakasugi: Auch in schwierigen Zeiten sind hörenswerte Aufnahmen entstanden. Nur Claus Peter Flor, der nach Wakasugis Rücktritt als ständiger Gastdirigent erfolglos versuchte, das Orchester aus dem Tief zu holen, fehlt in der Anthologie.

Was danach geschah, wird mit einer doppelten Würdigung von David Zinman dokumentiert. In Strauss’ «Sinfonia domestica», eingespielt vor seinem Amtsantritt, hört man noch vor allem, was es zu tun gab damals: klanglich, technisch, teamgeistig. Die vollzogene Auferstehung des Orchesters kann man dann überaus sinnfällig in Mahlers Sinfonie Nr. 2 – eben der Auferstehungs-Sinfonie – erleben. Mit diesen Farben, dieser Leichtigkeit, diesem verschworenen Zusammenspiel wird die Ära Zinman in Erinnerung bleiben.

Das Beispiel zeigt, worum es in dieser Sammlung geht: nicht um eine Best-of-Reihe, sondern darum, Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel eben jene eines grossartigen Orchester-Entwicklers. Oder auch jene der Zürcher Beethoven-Interpretation: Da prallt eine sehr bedächtige Fünfte Sinfonie unter Kempe auf eine wieselflinke Erste unter dem Alte-Musik-Spezialisten Frans Brüggen; fast dreissig Jahre und eine interpretationsgeschichtliche Revolution liegen dazwischen. Und man hört, wie das Feld bereitet wurde, auf dem Zinman dann seine international gefeierte Beethoven-Sicht entwickeln konnten.

Neben Brüggen kommen andere Gastdirigenten zum Zug: Bernard Haitink und Herbert Blomstedt, Esa-Pekka Salonen und Jonathan Nott. Und, auch dies eine schöne Geschichte: Othmar Schoeck, den man heute vor allem als Komponisten kennt, der aber oft auf dem Podium stand. Geradezu rabiat, ungemein theatralisch und im Detail ohne Rücksicht auf Verluste hat er 1943 Schumanns Sinfonie Nr. 4 dirigiert; man kann sich ungefähr vorstellen, wie inspirierend er auf die Musiker gewirkt haben muss. Dass er mit Gerd Albrechts gar nicht rabiater, aber umso farbenreicherer Aufnahme der Oper «Penthesilea» ein zweites Mal gewürdigt wird, ist mehr als verdient.

Bemühen um Schweizer Werke

Auch das betont die Werkauswahl: wie intensiv man sich in der Tonhalle um aktuelle Schweizer Werke gekümmert hat. Rosbaud dirigiert Moeschinger, Holliger dirigiert Holliger, Stenz dirigiert Dieter Ammann – auch diesem Faden folgt man mit Gewinn. Und spannt ihn ein ins Netz der internationalen neuen Musik, die derzeit wieder so zentral ist, dass man ihr auf der letzten der 14 CDs einen eigenen Schwerpunkt eingerichtet hat.

Aber auch diese Geschichte klingt anders nach dem Vorherigen. Schliesslich war auch Bruckner einmal neu, Volkmar Andreae hat sich früh für ihn eingesetzt und seine Sinfonien in den 1950ern als Erster integral eingespielt – nicht mit dem Tonhalle-Orchester allerdings, das er damals schon abgegeben hatte, sondern mit den Wiener Symphonikern.

Überhaupt verschiebt sich die Wahrnehmung der Gegenwart aus der Perspektive der Vergangenheit. Beim Hören von Berlioz’ «Symphonie fantastique», mit der der aktuelle, bald ebenfalls ehemalige Chefdirigent Lionel Bringuier seinen Einstand gegeben hat, erinnert man sich jedenfalls amüsiert an die Aufregung, die sein jugendliches Alter von 28 Jahren verursacht hat: Hegar und Andreae hatten ihr Amt beide mit 27 angetreten – damals, als die alte Zeit noch jung war.

Tonhalle Orchestra Zurich: Celebrating 150 Years (Sony Classical, 14 CDs).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2018, 22:21 Uhr

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