Zum Hauptinhalt springen

Scheinheiliges Instagram: Die Herzchen sind weg

Das soziale Netzwerk blendet in sieben Ländern die Likes aus. Was das bringen soll.

MeinungLucie Machac
Kein Herz fürs Herz: Bei Instagram-Posts bleiben «Gefällt mir»-Angaben in sieben Testländern ab sofort verborgen.
Kein Herz fürs Herz: Bei Instagram-Posts bleiben «Gefällt mir»-Angaben in sieben Testländern ab sofort verborgen.
Reuters

Was, Instagram hat die Herzchen abgeschafft? Es klingt wie ein schlechter Scherz – ist aber tatsächlich wahr. Die Foto- und Video-Plattform, auf der vor allem junge Menschen die perfekte Version ihrer Selbst posten, hat diese Woche einen Testversuch gestartet: Wie viele «Gefällt-mir»-Angaben die eigenen Beiträge erzielen, sieht in Italien, Irland, Kanada, Australien, Brasilien, Japan und in Neuseeland niemand mehr - ausser man selbst. Wann die Herzchen auch in der Schweiz verschwinden, ist noch nicht bekannt.

Mit diesem Tweet verkündete Instagram die Neuerung.

Für manch einen Insta-Selbstdarsteller ist das eine Katastrophe. Wie kann man der Welt da draussen jetzt noch zeigen, dass man toll ist? Wie soll man feststellen, ob das ideal inszenierte Selfie der Konkurrentin bei der digitalen Community ankommt? Und woran erkennt man die peinlichen Flops von Influencern, an denen man sich eigentlich orientieren möchte?

Der Druck, sich messen zu müssen, soll wegfallen

Likes in Form von Herzchen sind die eigentliche Währung auf Instagram. Je mehr davon ein Beitrag erzielt, desto populärer, schöner, cooler, ja geliebter darf man sich fühlen. Klar, tun viele alles, um die begehrten Herzchen zu ergattern. Gehen sie trotzdem leer aus, ist es ein Desaster fürs Ego. Das bestätigen inzwischen auch mehrere Studien: Instagram ist schlecht fürs Selbstwertgefühl und schadet der mentalen Gesundheit von Jugendlichen.

Deshalb – so die offizielle Begründung von Instagram – wolle man den Druck von den Nutzern wegnehmen, sich dauernd mit anderen messen zu müssen. Für besorgte Eltern und geplagte Teenager mag der Verzicht auf Likes wie eine Erlösung klingen. Endlich tut Instagram etwas! Für Influencer und ihr Business-Modell könnte es indes der Anfang vom Ende sein. Denn Nutzer und Firmen erkennen anhand der Anzahl Herzchen, wie gut das Produkt ankommt, das «ihre» Influencer bewerben. Dieser Erfolgsausweis fällt nun weg. Entsprechend ratlos bis wütend reagiert gerade die Influencer-Gilde in den betroffenen Ländern auf die neuen Regeln.

Die offizielle Erklärung von Instagram, warum die Likes testehalber abgeschafft werden.

Als gewöhnlicher Instagram-User fragt man sich derweil: Was erhofft sich Instagram von der ganzen Herzchen-weg-Aktion wirklich? Erst einmal wirkt das Ganze verdächtig nach einer Imagekorrektur. Das oberflächliche, auf Wettbewerb getrimmte Instagram will jetzt ein Ort des Austausches werden. Authentisch statt perfekt. Inhalt statt Fassade.

Instgram-Nutzer sind immer aktiv

Doch das ist, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit: Das Geschäft mit den Herzchen läuft nämlich gar nicht mehr so gut. Laut einer aktuellen Studie der Marketing-Plattform InfluencerDB engagieren sich Follower immer weniger, die Anzahl Likes sinkt. Kommt hinzu, dass sich Influencer gern ein paar virtuelle Follower und Herzchen dazu kaufen, um ihren Marktwert aufzupeppen. Verständlich, versucht es Instagram nun mit einer erzieherischen Massnahme – und versteckt die Likes kurzer Hand.

Ruhmsüchtige kann allerdings nichts aufhalten. Das macht die offizielle Begründung für den Verzicht auf Likes erst recht unglaubwürdig. Findige Instagrammer rufen ihre Fans bereits dazu auf, statt der Herzchen halt bitte möglichst fleissig Kommentare zu posten. Ein Daumen hoch – oder runter (!) – genügt. Oder: Ab sofort könnten Influencer auch Screenshots mit der Anzahl Likes posten, am besten stündlich. Hauptsache, die Welt weiss wieder, ob man top oder flop ist.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch