Stinkender, schlammiger Fluss

Nah am Wasser

Wie die Hoffnungslosigkeit eines Buches unsere Autorin betroffen und um den Schlaf geraubt zurücklässt.

Mit ihrem Werk «Gott der kleinen Dinge» vermag Arundhati Roy zu bewegen.

Mit ihrem Werk «Gott der kleinen Dinge» vermag Arundhati Roy zu bewegen.

(Bild: Keystone)

Andrea Knecht

Als ich die letzte Seite von Arundhati Roys «Der Gott der kleinen Dinge» zu Ende las, lag ich in einem Zelt im Jura. Es war Nacht, und der Regen prasselte auf die Plane nieder.

Schlafen konnte ich nicht – ich war zu erschüttert. Und mit den Gedanken noch mitten in der Geschichte, in Ayemenem, einer Kleinstadt im Südwesten Indiens: Da sind die Zwillinge Rahel und Estha, 7 Jahre alt, neugierig, verspielt und altklug.

Die kindliche Unbeschwertheit wird durch einen Übergriff auf Estha jäh gestört. Der Missbrauch ist das erste in einer Reihe von Ereignissen, die sich an Brutalität übertrumpfen. Dabei schlängelt sich der schlammige Fluss Meenachal wie ein stinkender roter Faden durch die Geschehnisse.

Es war nicht die Brutalität, die mich so betroffen zurückliess. Nicht die Grausamkeit, mit der das indische Kastensystem einer Liebesbeziehung be­gegnet. Nicht die Vermeidbarkeit des Todes von Sophie Mol, der Cousine der Zwillinge.

Es war die Hoffnungslosigkeit, mit der Roy das Buch enden lässt. Keinen Funken Hoffnung gibt es da. Und auch keinen Silberstreifen am Horizont. Es bleiben nur Bitterkeit und Schuldgefühle, während die üppige Kulisse dieser Geschichte von Tourismus und Umweltverschmutzung zerfressen wird.

Ich war betroffen, wie zerrüttet die Autorin ihre Figuren zurücklässt. Ich war betroffen und beeindruckt. Denn so ist es wohl manchmal, das Leben: hoffnungslos und unver­­söhnlich.

Unermüdlich trommelte der Regen auf das Zelt, es würde die ganze Nacht weiterregnen. Irgendwann fiel ich in einen unruhigen Halbschlaf, träumte von überreifen Früchten, drückender Hitze und er­trunkenen Kindern.

Aare, Wasser, Tränen: In dieser Rubrik schreiben wir,wie Kultur und Kleinigkeiten uns nachhaltig zu bewegen vermögen.

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