Die Filmerin? Genau die

Schauspielchef Cihan Inan hat die Regisseurin Sabine Boss («Dr Goalie bin ig») nach Bern geholt. Sie bringt den «Verdingbub» auf die Theaterbühne. Eine Begegnung.

«Ich bin wieder angefixt»: Im Theater kehrt die Regisseurin Sabine Boss (51) zu ihren Anfängen zurück.

«Ich bin wieder angefixt»: Im Theater kehrt die Regisseurin Sabine Boss (51) zu ihren Anfängen zurück. Bild: Christian Pfander

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Super Kritiken, super Verkaufszahlen: Mit dem Film «Dr Goalie bin ig» nach dem Buch von Pedro Lenz gelingt Sabine Boss 2014 ein Meisterstück. Es ist die Geschichte eines Aussenseiters, eines geläuterten Drögelers, die sie so trefflich in Szene gesetzt hat. Es hagelte Lob und Preise. Den Schweizer Filmpreis, den Zürcher Filmpreis, den Berner Filmpreis.

Und jetzt macht sie Theater. Sie inszeniert in Bern «Verdingbub» nach der Filmvorlage von 2011, am 13. Oktober ist Premiere. Damit hatte niemand gerechnet, bevor der neue Schauspielchef von Konzert Theater Bern, Cihan Inan, diesen Frühling seine erste Saison vorstellte. Mit der Verpflichtung der 51-jährigen Zürcherin ist Inan ein Coup gelungen – der auf den zweiten Blick so ganz und gar nicht abwegig ist.

Jugend in der Zürcher Hausbesetzerszene

Denn Sabine Boss ist eine Rückkehrerin, und sie liebt es, wieder im Theater zu arbeiten. «Ja, ich bin wieder angefixt», sagt sie, als wir sie ein paar Tage vor der Premiere beim Berner Stadttheater treffen. Die Regisseurin ist guter Dinge, sie hat einen der letzten warmen Herbstnachmittage erwischt, um vom Theater, vom Film und von ihrer rebellischen Jugend zu erzählen.

Teds oder Punks? Die Pfarrertochter aus Aarau schlug sich auf die Seite der Punks, spielte nach der Matura 1986 mit Hansi Voigt, dem späteren Gründer des ­Onlinenewsportals «Watson» in der Punkband Duck and Cover und schloss sich der Zürcher Hausbesetzerszene an. «Aus dieser Zeit habe ich viel mitgenommen», sagt sie.

«Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, loslassen zu ­können. Die Ideen anderer zulassen, freie Hand geben und am Schluss ernten.»Sabine Boss

In den Vollversammlungen der Hausbesetzer setzte sich nur durch, wer vor die Leute stehen konnte und sie mit Witz abholte. So hält es Boss auch in der Theaterprobe oder auf dem Filmset. Sie gehört nicht zu den Diktatorinnen unter den Regisseuren. «Ich bin eine Perfektionistin. Aber ich habe gelernt, dass es wichtig ist, loslassen zu können. Die Ideen anderer zulassen, freie Hand geben und am Schluss ­ernten.»

Ihr zweiter Film war ein Publikumshit

Nach einer kurzen Radiokarriere ging sie an die Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) und studierte Film. Doch wie man mit Schauspielern arbeitet, lernte sie dort nicht, also heuerte sie beim Theater an. Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg machte sie Regieassistenz.

Bald danach führte sie erfolgreich Regie, unter anderem in Hamburg, und gewann Theaterpreise. Kurz darauf startete sie auch im Film durch und landete mit «Ernstfall in Havanna» mit Viktor Giacobbo und Mike Müller 2002 einen grossen Publikumshit – mit ihrem zweiten Film. «Es war eine spezielle Situation. Damals war ich von Zweifeln zerfressen und dachte, ich könne gar nichts», sagt sie.

Einige Jahre fuhr sie ihre Karrieren parallel, dann musste sie sich entscheiden. «Auf Dauer lässt es sich nicht vollzeitlich in zwei Kosmen leben.» Denn zur eigentlichen kreativen Arbeit komme das Netzwerken hinzu, das sei nicht zu unterschätzen.

Mittlerweile ist Sabine Boss Studienleiterin im Bereich Film an der ZHDK. Und nach acht Jahren Filmarbeit macht sie also erstmals wieder Theater. Dass sie gerade in Bern den Faden wieder aufnimmt, «das hat viel mit Cihan Inan zu tun». Schauspielleiter ­Inan, der selbst auf beiden Hochzeiten tanzt, kennt sie schon länger und wusste, dass sie wieder ins Theater wollte.

In den eigenen Zwängen gefangen

«Verdingbub» ist selbst so ein Tänzer auf zwei Hochzeiten. Der Filmstoff von 2011 wird erstmals als Theater aufgeführt. Die traurige Geschichte spielt im Emmental der 1950er-Jahre. Max wird auf einem Bauernhof verdingt, wird ausgebeutet und geschlagen, bis ihm die Flucht gelingt.

«Die Geschichte ist ein universelles Drama: Niemand kann aus seiner Haut heraus, ausser Max, der es schafft, die Dunkelmatte zu verlassen», sagt sie. «Es geht um menschliche Abgründe. Die Familie ist gefangen in ihren eigenen Zwängen. Mich hat schon immer interessiert, warum Menschen sich verletzen, obwohl sie eigentlich gar nicht wollen.»

Wenn Filmfans nun fürchten, Sabine Boss ans Theater verloren zu haben, seien sie beruhigt. Boss arbeitet derzeit an drei Produktionen, zwei davon sind spruchreif: «Manager» über Suizide bei Managern. Und die Verfilmung von «Die schöni Fanny» von Pedro Lenz. Vielleicht gibt es auch ein Wiedersehen im Theater. «Ich habe wahnsinnig Lust. Aber klar, jetzt muss ich zuerst diese Premiere raushauen und schauen, ob es den Leuten gefällt. Aber ich habe ein gutes Gefühl.»

«Verdingbub»: Premiere Freitag, 13. 10., 19.30 Uhr, Konzert Theater Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.10.2017, 10:15 Uhr

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