Monolog unter Schneemännern

Nach Arno Camenischs «Ustrinkata» hat das Theater Bern einen weiteren Schweizer Erfolgsroman auf die Bühne gebracht: «Der Goalie bin ig» von Pedro Lenz. Trotz viel geringerem Aufwand weit gelungener – dank dem Alleindarsteller Jonathan Loosli.

Jonathan Loosli in «Dr Goalie bin ig».

Jonathan Loosli in «Dr Goalie bin ig».

(Bild: Annette Boutellier)

Auf der kleinen Bühne in der Vidmar 2 stehen ein halbes Dutzend echte Schneemänner. Sie vertreten den Freundeskreis des Erzählers «Goalie», der nach einem Jahr Gefängnis in seine Stammbeiz «Maison» zurückkehrt und unbeabsichtigt einen Kriminalfall aufklärt - nicht zu seinem Besten.

Warum die Leute «vereist» sind, wird zunächst nicht klar, denn der Goalie hat sie alle sichtlich gern, die Serviertochter Regula sogar noch lieber. Und Goalie fasst, wie er in Dialekt erzählt, auch wieder richtig Fuss, bleibt clean, findet Wohnung und Job und bekommt Schulden zurückbezahlt.

Der Esoteriker und Grämmlidealer Stofer bietet dem alten Kumpel sogar Ferien in Spanien an, die dieser mit Regula zusammen antritt. Die Beziehung klappt aber dann doch nicht, weil sich die Angebetete von Goalies Gerede genervt fühlt.

Begnadeter Laferi

Dass der Ex-Knasti ein begnadeter Lafericheib ist, demonstriert Regisseur Till Wyler von Ballmoos gleich zu Beginn mit einem im Roman nicht vorgesehenen Teil: «Goalie» Loosli ist zunächst ein normaler Zuschauer, der dem Publikum die Wartezeit aufs Stück mit einem gemeinsamen Sprachspiel verkürzen möchte.

Das Publikum ist aufgerufen, Begriffe zu nennen, aus denen Loosli kurze Geschichten strickt. An der Premiere wurde beispielsweise ein Affenkönig durch ein Salami-Wettessen erkoren und Blutegel mittels Holzapfelpaste entfernt.

Danach monologisiert Goalie über seine Erlebnisse seit der Entlassung aus dem Knast, zeitweise stellt er auch Dialoge mit verstellter Stimme nach. Dabei geht ihm ein Licht auf, das seinen Freundeskreis ganz anders aussehen lässt...

Kinderkrankheit Optimismus

Und so baut sich denn der Hintergangene aus den mittlerweile nur noch aus Trümmern bestehenden Schneemannteilen (Bühnenbild: Evi Bauer) ein neues Ich. Er zieht aus dem Heimatstädtchen Schummertau in die Hauptstadt, gewinnt im Preisausschreiben, fährt den Hauptpreis aber gleich wieder zu Schrott.

Macht nichts, Goalie leidet, obwohl er es in Abrede stellt, an der «Kinderkrankheit Optimismus». Und «wenn's hinger besser usgseht aus vorn», dann blickt er halt zurück. Die Vergangenheit darf man erzählen, wie man will. Flunkern hilft beim Überleben.

Mehrwert

Das ist auch eine der Prämissen im Stück «Ustrinkata», das in Bern parallel mit «Der Goalie bin ig» läuft. Es spielt ebenfalls in einer Beiz und geht in ähnlicher Weise dem Herstellen von Erinnerung durch das Erzählen nach.

Dass «Ustrinkata» auf der Bühne weniger gut funktioniert als «Goalie», liegt unter anderem an der grösseren Intimität von letzterem - und die ist nicht nur dem kleineren Raum, sondern auch dem intensiven Spiel des Solisten Loosli geschuldet.

Obwohl er den Autor Pedro Lenz beim Vortragen nicht zu überbieten vermag - keiner kann das - sorgt Loosli dafür, dass die Bühnenfassung einen emotionalen Mehrwert zu Hörbuch und Dichterlesung liefert.

Ob das auch die geplante - realistische, also nicht monologische - Filmfassung unter der Regie von Sabine Boss leistet, wird sich zeigen müssen.

jam/sda

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