Auch der Zeitumkehrer kanns nicht richten

Jahrelang hat die Harry-Potter-Schöpferin J. K. Rowling alle Fortsetzungsangebote abgelehnt. Sie wäre gut beraten gewesen, bei diesem Entscheid zu bleiben.

Potter-Fortsetzung im Theater:?Uraufführung in London.

Potter-Fortsetzung im Theater:?Uraufführung in London.

(Bild: zvg/Manuel Harlan)

Es ist kein Musical und auch ­keine Zauberershow im Sinne Copperfields: Das mit marketingwirksamer Geheimniskrämerei angekündigte Theater «Harry Potter and the Cursed Child» wurde am Samstag im Palace Theatre in London uraufgeführt.

Seit Sonntag ist das Skript dazu erhältlich, vorerst allerdings nur auf Englisch. Die deutsche Version mit dem Titel «Harry Potter und das verwunschene Kind» soll am 24. September folgen. Doch das Skript zeigt: An einen achten Roman kommt das Theaterstück nicht ran, auch wenn ein paar Wendungen überraschen.

Handlung beginnt in Zukunft

Die Handlung setzt in der ­Zukunft ein, die das letzte Buch der Potter-Saga angetönt hatte: Es ist 19 Jahre später, Harry ist ein überarbeiteter Angestellter im Ministerium für Magie und ist verheiratet mit Ginny Weasley. Ihr mittlerer Sohn Albus tut sich schwer damit, Harry Potters Erbe anzutreten.

Und Harry leidet unter seinen Unzulänglichkeiten als Vater, hatte er selbst doch nie einen. Somit ist «der Junge, der überlebte» im Familienalltag ­angekommen und kämpft, trotz Zauberkraft, mit menschlichen Makeln.

Achtung Spoiler!

Bereits im ersten Akt (Achtung Spoiler!) wird man als Leser in ein Gerücht eingeweiht: Scorpius Malfoy, vermeintlicher Sohn von Harrys früherem Erzfeind Draco Malfoy, soll von Lord Voldemort gezeugt sein, dem Zauberer, den Harry am Ende der Potter-Saga besiegt hatte. Da Harrys Narbe wieder schmerzt, geht die Angst um, der dunkle Lord könne in ­irgendeiner Form zurückkehren.

Albus hat die Neigung, sich in Schwierigkeiten zu bringen, von seinem Vater geerbt. Mit seinem Freund – ironischerweise Scor­pius Malfoy – versucht er, die ­Geschichte der Gegenwart neu zu schreiben. Einmal mehr spielt der Zeitumkehrer eine Rolle, der sich im dritten Buch der Potter-Saga als grosse Hilfe erwiesen hatte.

Humor bleibt

Mit diesem Gerät versucht Albus, in die Vergangenheit der sieben bisherigen Potter-Bände zu reisen, und richtet dabei aber grösseres Unheil an. Trotz ernster Lage, die Charaktere behalten ganz nach rowlingscher Manier ihren Humor.

Hingegen erlaubt die dialogische Form des Theaterstücks kaum Seitenstränge. Die Breite des Geschehens, die vielen Nebenhandlungen, die man aus den Romanen kennt – von Teenagerproblemen wie ­Liebeskummer bis zu sportlichen Höchstleistungen im Zaubersport Quidditch –, vermisst man in der Fortsetzung.

­Kritiker loben Spezialeffekte

So lobten ­Kritiker denn auch vor allem die Spezialeffekte des Stücks, das Rowling zusammen mit den Regisseuren Jack Thorne und John Tiffany geschrieben hat. Das US-Magazin «Variety» allerdings spekuliert: Vor 20 Jahren habe Harry Potter eine ganze Generation zum Lesen gebracht – vielleicht werde «The Cursed Child» das Gleiche für das Theater tun.

Die Vorstellungen bis nächsten Frühling sind jedenfalls schon ausverkauft. Eine Verlängerung der Spielzeit bis Dezember 2017 wurde bekannt gegeben, die 250 000 Tickets gehen diese Woche in den Verkauf.

Berner Zeitung

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