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Beklemmendes Spiel zwischen Mensch und Maschine

In seiner Berner Debütproduktion «Post Anima» zeigt der französische Choreograf Etienne Béchard federleichte Körper zu Livevideo­einspielern, zu Electro und zu Schubert. Die Premiere in den Vidmarhallen war ein wahrer Genuss.

Es gibt kein Entrinnen. Ein Schweinwerfer wandert über eine gesichtslose Figur, die wehrlos und erschöpft auf der schlichten Bühne liegt. Ein Chor untermalt die unheimliche Atmosphäre. Hinter einer der fünf porösen sandfarbenen Wänden dirigiert eine unsichtbare Macht mit fünf Seilen die am Boden liegende ­Gestalt.

An der Premiere von «Post Anima» ringen Maschinen und Menschen miteinander, mal nimmt die virtuelle Welt überhand, dann wieder dominiert die Realität. Gefangen in diesem ständigen Kampf zwischen Technisierung und Menschsein versuchen sich die sechzehn Tänzer und Tän­zerinnen von Konzert Theater Bern zurechtzufinden. Doch zum Schluss der Inszenierung verdichtet sich alles wieder zur Anfangsszene und das ganze Spiel beginnt wie in einer grossen Schlaufe von vorne.

Wir entfremden uns

Béchards 2014 für ursprünglich fünf Tänzerinnen und Tänzer geschaffenes und nun für Bern weiterentwickeltes Stück «Post Anima», was so viel wie «nach der Seele» meint, hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Unaufhörlich werden wir daran erinnert, dass wir uns gefangen zwischen virtuellen und realen Lebenswelten zusehends vom Menschsein entfremden. Tänzerinnen und Tänzer sickern wie Zombies durch die porösen Wände und tauchen in synchronen Zeitlupenbewegungen ein in eine futuristische Welt, die von elektronischen Sounds des chilenischen Filmmusikers Cristobal Tapia de Veer untermalt wird.

Tänzer sickern wie Zombies durch die porösen Wände und tauchen in synchronen Zeitlupenbewegungen ein in eine futuristische Welt.

Dann wieder räkelt sich das Ensemble zu Schubert oder Mozart wie Spinnen oder Skorpione am Boden. Die Synthese von elektronischer und klassischer Musik überzeugt ebenso wie die Körpersprache der Tänzer. Federleicht und lautlos bewegen sie sich durch den Raum und hinterlassen auch in den technisch anspruchsvollen Szenen eine Illusion von Leichtigkeit. Es ist ein wahrer Genuss, wenn sich ein Duo begleitet von Vivaldi mit hingebungsvollen Körperbewegungen tanzend in einer Symbiose wiederfindet.

Cineastisch bis schlicht

Immer wieder werden verschiedenen Szenen zeitgleich oder ­etwas zeitversetzt als Video­einspielung auf den sandfarbenen Bühnenwänden projiziert. Man taucht in Matrix-ähnliche Science-Fiction-Welten ab. Doch die hoch technisierten Livevideokameras zwingen den Zuschauern auch ungewohnte Perspektiven auf. Diesen cineastischen Teilen sind das schlichte, aber gekonnte Spiel mit Schatten und Licht und humorvolle an Zirkus erinnernde Szenen entgegengesetzt, die das düstere Spiel auf­lockern.

Obwohl die schnellen Wechsel zwischen den verschiedenen Szenen und Musikstücken sowie die fehlende dramaturgische Stringenz das Publikum herausfordern, macht dem ehemaligen Béjart-Tänzer auf der Bühne niemand so schnell etwas vor. Am Ende bleiben ein grossartiges Stück Choreografie und die Reflexion über die eigene Auseinandersetzung mit unserer technisierten Welt.

Nächste Vorstellung:Di, 19.30 Uhr, Vidmar 1, Liebefeld. Bis 2. April. www.konzertheaterbern.ch

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