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Bern im Theaterparadies

Die ­Einladung ans Theatertreffen Berlin ist eine grosse, aber bis jetzt einmalige Ehre für ­Konzert Theater Bern. Warum eigentlich schafft man das in Bern nicht öfters?

Traumwandlerisch: Deleila Piasko und Sebastian Schneider im Bühnenbild von Ersan Mondtag.
Traumwandlerisch: Deleila Piasko und Sebastian Schneider im Bühnenbild von Ersan Mondtag.
zvg/Birgit Hupfeld

Es ist die ganz exzessive Lustwandelei durchs Liebefeld. Vier Mittzwanziger tummeln sich auf der Vidmar-1-Bühne, getrieben und zerrieben von Partyfieber und dem gleichzeitigen Drang, die Welt zu verändern. «Die Vernichtung» von Ersan Mondtag, die im vergangenen Oktober Premiere feierte, ist formal ohne Vorbild: Die Figuren sehen aus wie aus einem expressionistischen Werk gerückt. Entrückt ist der Text, der zu Beginn so gar nicht zur Handlung passen will. Und als wäre das nicht genug, rauschen schliesslich die Farben unter einem Stroboskopgewitter, dass die Augen zittern.

Das Spektakel des Regie-Shootingstars Mondtag beeindruckte neben dem Publikum auch die Fachwelt – und sorgte dafür, dass Konzert Theater Bern (KTB) ans Theatertreffen Berlin eingeladen wurde. Es ist die höchste Ehre im deutschsprachigen Schauspiel – bloss zehn Stücke schaffen es jährlich in die Auswahl der Jury. Letztes Jahr haben die Juroren 377 Inszenierungen in 63 Städten besucht. Auffallend ist: Dieses Jahr sind besonders viele Schweizer eingeladen (siehe Kasten).

Warum erst jetzt?

Für Bern ist die Einladung eine Premiere. «Wir sind alle hocherfreut», sagt Direktor Stephan Märki zur frohen Botschaft aus Berlin. Ganz überraschend kam die Einladung indes nicht. Einerseits, weil Regisseur Ersan Mondtag in aller Munde ist, und andererseits, weil alle Juroren des Theatertreffens das Stück sehen wollten. «Insofern haben wir schon gehofft», sagt Märki. «Die Einladung ist eine schöne Anerkennung unserer künstlerischen Arbeit der letzten Jahre.» Diese habe erst dazu geführt, dass man Ersan Mondtag für das Haus gewinnen konnte.

«Ich war schon als Kind in meiner eigenen Welt  unterwegs»: Ersan Mondtag (30) posiert im eigenen Paradies – kurz vor der Premiere von «Die Vernichtung» im Oktober 2016.
«Ich war schon als Kind in meiner eigenen Welt unterwegs»: Ersan Mondtag (30) posiert im eigenen Paradies – kurz vor der Premiere von «Die Vernichtung» im Oktober 2016.
Beat Mathys
Sein Engagement sprengt den üblichen Gagenrahmen von Konzert Theater Bern. Der deutsch-türkische Theaterregisseur Mondtag ist der deutschsprachige Newcomer des Jahres. Sein Künstlername «Mondtag» ist eine Übersetzung seines türkischen Nachnamens Aygün.
Sein Engagement sprengt den üblichen Gagenrahmen von Konzert Theater Bern. Der deutsch-türkische Theaterregisseur Mondtag ist der deutschsprachige Newcomer des Jahres. Sein Künstlername «Mondtag» ist eine Übersetzung seines türkischen Nachnamens Aygün.
Der 28-Jährige Berliner lässt sich nicht reinpfuschen: «Ich bin ein autoritärer Regisseur, ja. Ich muss das nicht verbergen. Es ist keine positive Beschreibung, aber anders kann ich mich nicht durchsetzen.»
Der 28-Jährige Berliner lässt sich nicht reinpfuschen: «Ich bin ein autoritärer Regisseur, ja. Ich muss das nicht verbergen. Es ist keine positive Beschreibung, aber anders kann ich mich nicht durchsetzen.»
Beat Mathys
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Nun gehört also auch Konzert Theater Bern zum geadelten Kreis der Schauspielhäuser. Wobei: Andere Schweizer Theater gehören längst dazu. Das Schauspielhaus Zürich fährt sehr oft zum Theatertreffen. Das Theater Basel immer mal wieder. Wieso schafft es Bern nach 54 Jahren Theatertreffen erst jetzt?

Welten zwischen den Budgets

Einen Grund sieht Stephan Märki in der Ausrichtung der Städte. «Basel und Zürich geniessen eine andere überregionale Beachtung.» Wesentlich für das Ungleichgewicht sind aber finanzielle Gründe: «Zürich und Basel können Gagen und Arbeitsbedingungen anbieten, die Regisseure, die sich schon am Theatertreffen durchgesetzt haben, nun mal fordern.»

Zum Vergleich: Während Konzert Theater Bern mit einem Umsatz von 45 Millionen Franken die vier Sparten Theater, Oper, Orchester und Tanz stemmt, verfügt das Schauspielhaus Zürich nur fürs Theater über ein 48-Millionen-Budget. Bei Ersan Mondtag hatte KTB Glück: Das Theater nahm mit ihm das Gespräch auf, als sich beim Deutsch-Türken der grosse Erfolg gerade erst einstellte.

«Wir haben nur eine Chance, und das ist das Entdecken und ­Fördern junger ­Talente, in allen Sparten.»

Intendant Stephan Märki

Ist denn die erhöhte Aufmerksamkeit nur durch klingende Namen möglich? «Sie machen es einfacher», sagt Märki. So eine Einladung schaffe ein Haus dieser Grösse nicht jedes Jahr. «Wir haben nur eine Chance, und das ist das Entdecken und Fördern junger Talente, in allen Sparten», sagt er.

Mondtag lobt Bern

Der Intendant freut sich über die Ehre – und lässt sich die gute ­Laune nicht durch die neusten Nebengeräusche verderben. In den Kommentaren des Theaterportals Nachtkritik.de war gestern zu lesen, der Erfolg gehöre der freigestellten Ex-Schauspielchefin Stephanie Gräve, die Ersan Mondtag nach Bern geholt habe.

Mondtag will sich aber nicht von der Gräve-Fraktion vereinnahmen lassen und hat dies in einem Kommentar kundgetan. «Die Arbeit hat in der praktischen Ausführung letztlich mit Stephanie Gräve nichts mehr zu tun», schreibt er. «Es kann nicht sein, dass wir eine hervorragende Zusammenarbeit mit dem gesamten Berner Theater haben und hier durch irgendwelche Akteure Behauptungen aufgestellt werden, die das in eine komplett andere Richtung instrumentalisieren.» Er lobt die Arbeit der Werkstätten, «insbesondere der Maskenbildnerinnen, des Malsaals, der Kascheure und der Kostümabteilung.»

Vielleicht lassen sich andere verheissungsvolle Regisseure nach Bern locken, wenn ein Mondtag so des Lobes voll ist.

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