Das Böse liegt so nah

Sex & Crime & schöne Musik: Das bietet Monteverdis «L’incoronazione di Poppea». Am Zürcher Opernhaus kommen noch entfesselte Sänger dazu und ein Regisseur, der sie einzusetzen weiss.

Am Ende gibts eine eiskalte Hochzeit und goldene Herzballons – dann ist das Fest vorbei, leider. Foto: Monika Rittershaus

Am Ende gibts eine eiskalte Hochzeit und goldene Herzballons – dann ist das Fest vorbei, leider. Foto: Monika Rittershaus

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Da haben sich zwei gefunden! Er: Das ist Nerone, also Nero, der skrupelloseste ­aller römischen Kaiser. Und sie: Poppea, seine machtgeile, manipulative Mätresse. Um ihre Affäre respektive Poppeas Haupt zu krönen, gehen sie über Leichen, im wörtlichen Sinne. Wer stört, wird aus dem Weg geräumt, wie auch immer. Am Ende triumphiert ihre Liebe oder was sie dafür halten. In Zürich sieht das so aus: Sie umarmt ihn und setzt ihm dabei den Absatz ihres Stilettos auf die Brust, grad so fest, dass es ein bisschen wehtut. Und er reisst sie an den Haaren, wenn er sie an sich reisst. Mehr Leidenschaft, Gewalt und Misstrauen geht nicht in einem Liebesduett.

Man kann es kurz machen: Diese Aufführung ist der Hammer. Aber es lohnt sich dennoch, sie ausführlicher zu besprechen. Denn es sind kluge Leute, die den Hammer führen – der Dirigent Ottavio Dantone ebenso wie der Regisseur Calixto Bieito, Spezialist für Sex & Crime und überhaupt alles Menschlich-Allzumenschliche. Und dann ist da noch Claudio Monteverdi, der den Hammer geschmiedet hat: Lange ist es her, 1642 wurde die «Poppea» in Venedig erstmals aufgeführt. Die Gattung Oper war noch jung damals und der Stoff denkbar ungewöhnlich: historische statt mythische Figuren, ein negatives Liebespaar, überhaupt kaum positive Charaktere, aber die schönste Musik für alle – eine Ungeheuerlichkeit.

Nicht nur Nerone und Poppea finden sich an diesem Abend, sondern alle, jubelndes Publikum inklusive. 

Regisseur Calixto Bieito macht sie wieder spürbar, diese Ungeheuerlichkeit, indem er das Stück ganz nahe an die Menschen heranrückt. Die Sängerinnen und Sänger trauen sich viel in seiner körperbetonten Inszenierung (man versteht, was die Bühnenbildnerin Rebecca Ringst vor der Premiere gesagt hat: dass Bieito die Gabe habe, angstfreie Räume zu schaffen). Das ist umso erstaunlicher, als jeder Sicherheitsabstand zum Publikum fehlt. Die Zuschauer sitzen auf der Bühne gleich neben der leuchtenden Plexiglastreppe, sie sitzen im Saal direkt vor der Ellipse, auf der sich die Figuren lieben, betrügen, quälen. Auf der sie sich auch präsentieren mit all ihren ­Ambitionen und Eitelkeiten und den schicken Kostümen von Ingo Krügler: Wir sind im Selfie-Zeitalter, und Monteverdis durch und durch selbstbezogene Figuren passen da bestens hin.

Liebe im Schaumbad

Deshalb sind auch die Kameras von Videodesignerin Sarah Derendinger überall. Sie übertragen live, was geschieht in den Gesichtern der Sänger – die deshalb keine Sekunde aus ihrer Rolle fallen dürfen. Die Kameras waren aber auch dabei, als sich Nerone und Poppea im Schaumbad vergnügten. Sie haben den flackernden Blick des Kaisers eingefangen, der nun von der Grossleinwand aus das Geschehen auf der Bühne zu überwachen scheint. Und sie zeigen den von Nerone befohlenen Selbstmord des Philosophen Seneca, während auf der Bühne die Oper weitergeht: Das schnelle Nacheinander von Brutalität und Erotik, das im Stück angelegt ist, gerät so zum noch weit krasseren Nebeneinander.

Auch das Orchestra La Scintilla ist den Sängern näher denn je. Es sitzt im Zentrum der Ellipse und (über-)steuert von hier aus die Emotionen mit üppigem Continuo und prägnant eingesetzten Soloinstrumenten. Die überlieferten Handschriften der Oper geben nur spärliche Hinweise auf die Besetzung; Ottavio Dantone hat sie im Sinne grösstmöglicher Farbigkeit gedeutet. Düster klingt diese Musik oder grotesk, ekstatisch oder ungemein zärtlich. In jeder Gemütslage sinnlich also, die Sängerinnen und Sänger brauchen nur noch abzuheben.

Und sie tun es, alle fünfzehn. Die barockerfahrenen und die anderen; jene, die sich schon kannten aus dem Zürcher Ensemble oder dem Internationalen Opernstudio, und jene, die erstmals auf dieser Bühne auftauchen. Es ist ein zusammengewürfelter Cast, mit französischer, englischer, spanischer Muttersprache (nur die Italiener fehlen, seltsamerweise); aber selten erlebt man eine derart eingeschworene Truppe. Nicht nur Nerone und Poppea finden sich an diesem Abend, sondern alle, jubelndes Publikum inklusive.

Die Amme ist ein Bodyguard

Da ist, um beim Prolog zu starten, ein wirklich reizendes Trio der höheren Mächte (Jake Arditti, Hamida Kristoffersen, Florie Valiquette), das über die Bühne tobt, mit Unterwäsche um sich wirft und dem liebeshungrigen Valletto (Gemma Ni Bhriain) Trauben aus der Tupperware-Dose klaut. Da sind auch die beiden Ammen, die bei Monteverdi von Männern gesungen werden und die Bieito nun tatsächlich als Männer zeigt: Als Politberater, Bodyguards, Schlafliedsänger, Prügelknaben – Emiliano Gonzalez Toro und Manuel Nuñez Camelino sind alles, was die Mächtigen halt so brauchen.

Auf der ernsten Seite begegnet man Ottone (Delphine Galou), der Poppea liebt; Drusilla (Deanna Breiwick), die Ottone liebt; und Ottavia, der Stéphanie d’Oustrac tatsächlich kaiserliche Grösse verleiht. Sie alle leiden unter Nerone und Poppea, aber auch für sie gilt: Sieh, das Böse liegt so nah . . . Nur Drusilla, das Luxusweibchen, bei dessen Auftritten immer alles goldig zu glänzen beginnt im Opernhaus, erweist sich zuletzt als starker Charakter. Und auch Seneca, dem Nahuel Di Pierro seinen abgründigen Bass leiht, kommt nicht schlecht weg. Immerhin zwei von fünfzehn.


Bilder: «Oper für alle»


Bleiben die beiden, um die sich alles dreht. Als Nerone gibt der Countertenor David Hansen sein Opernhausdebüt – und dreht im Laufe des Abends mächtig auf. Immer irrer, neurotischer, radikaler singt er, dabei gnadenlos präzis. Die Stimme, die zunächst eher dünn wirkte, entwickelt da eine magnetische Kraft, der nicht nur Poppea erliegt. Poppea ihrerseits ist die in Zürich bestens bekannte Julie Fuchs, derzeit schwanger, aber mit vollem Körper- und Stimmeinsatz dabei. Frei und virtuos, lupenrein, aber nie steril gestaltet sie ihre Partie: eine Wucht, in jeder Hinsicht.

Am Ende gibts eine eiskalte Hochzeit und goldene Herzballons fürs Publikum. Noch eine letzte Runde auf dem Ellipsenlaufsteg, ein letztes Posieren vor der Kamera. Ein Zuschauer auf der Bühne gibt der Fortuna Florie Valiquette einen der vielen Slips zurück, die ihr unterwegs abhandengekommen waren, und erhält ein Küsschen dafür. Dann ist das Fest vorbei, leider. Aber es wird wiederholt, bis zum 12. Juli: Man sollte es nicht verpassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2018, 19:04 Uhr

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