Der Mensch ist bloss eine Billardkugel

Frank Castorf wagt sich erstmals an Friedrich Dürrenmatt. Am Pfauen faszinieren fünfeinhalb Stunden «Justiz» – trotz der typischen Zügellosigkeit des Ex-Volksbühnenchefs.

Verzweifelt: Wahrheitssucher Spät (ein grossartiger Alexander Scheer) lässt den Kopf sinken; und Jan Bülow als Späts Kollege guckt hinreissend verzweifelt: Die Zukunft ist eine Blackbox. Fotos: Matthias Horn

Verzweifelt: Wahrheitssucher Spät (ein grossartiger Alexander Scheer) lässt den Kopf sinken; und Jan Bülow als Späts Kollege guckt hinreissend verzweifelt: Die Zukunft ist eine Blackbox. Fotos: Matthias Horn

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Der Abend in Zahlen?

5,5 ­– Stunden dauerte die Premiere von «Justiz» am Pfauen am Wochenende: die Bühnenadaptation von Friedrich Dürrenmatts unbarmherzigem und überbordendem Roman darüber, dass aus den Mühlen unserer Justiz keineswegs stets die Gerechtigkeit herausrieselt. Und dass Schuld angesichts der vorbeiziehenden Erdzeitalter sowieso relativ ist; eine Möglichkeit wie die Unschuld. Alles bleibt auf ewig intransparent.

30–40 – musikalische Zitate akzentuierten diese 330 Minuten und befingerten mal zarter, mal gröber unser Innenleben: von Ernst Osterwalders Soldatenlied «Die Nacht ist ohne Ende» (1941) über Dominique Grandjeans verträumte Selbstauflösungsfantasie «Campari Soda» aus den Siebzigern und die rockige Revolutionskritik aus der Nachwende-Ära «Sehnsucht nach dem Rattenfänger» von Ex-DDR-Liedermacher Gerhard Gundermann bis hin zum «Pink Panther»-Theme-Song. Dazu wurde dem Aufführungswummer ein dauermassierender Soundteppich untergelegt (Musik: William Minke).

Julia Kreusch spielt die vergewaltigte höhere Tochter so, dass man schwer schlucken muss.

10 – Schauspielerinnen und Schauspieler geben das Personal des Romans, den der Schriftsteller 1957 begann, kurz weglegte – und erst 1985 fertigstellte. Dabei verwandelte er den Krimi vollends in eine philosophische Pilgerfahrt. Und die Zürcher Darsteller beten sich sozusagen von Station zu Station, in aufgewühlten Monologen, verschwitzten Dialogen und kriminalistischen Reenactments: so ein fantastischer Alexander Scheer als der junge, hungrige Rechtsanwalt Spät, der, trotz seines Widerstands, von Kantonsrat Kohler engagiert wird, der in der rappelvollen Kronenhalle einen Literaturprofessor erschossen hat; Robert Hunger-Bühler in Schwarz, mit Sonnenbrille hat was von einem lebenslustigen Blues Brother. Aber in seinem Kohler steckt auch ein ungerührter Gott, der Menschen wie Billardkugeln an die Bande stösst und sie hilflos weitertrudeln lässt. Durch Späts Einsatz kommt der Mörder Kohler frei, der Fall wird abgehakt; Spät will ihn daher töten und versinkt im Suff.

Tusch für den Auftritt von Herausgeber Friedrich Dürrenmatt, der im Teil III des Romans seine eigene Unmoral als Fiktionsarchitekt und Möglichkeitenjongleur ins Visier nimmt – Tusch auch für Ueli Jäggi als Dürrenmatt!

Robert Hunger-Bühler vor dem Café. Die Zeit läuft.

9 – Jahre alt ist Mikis Kastrinidis, der Sohn von Regisseur Frank Castorf, der in Zürich an der Seite seiner Mutter Irina Kastrinidis spielt, einer Ex-Freundin Castorfs, und hier die gänsehauterzeugend rachsüchtige Tochter Kohlers, Hélène. Diese war einst von dem Literaturprofessor und anderen vergewaltigt worden. Mikis Kastrinidis hat keine Statistenrolle in Castorfs siebter Arbeit am Schauspielhaus Zürich inne, sondern er repräsentiert die verkrüppelte Tochter eines Wirtschaftsmagnaten – die ihrerseits die Vergewaltigung der schönen Hélène bestellt hatte.

Und Dürrenmatt hat sogar noch mehr Verwicklungen auf Lager. Schliesslich gehts nicht um die Lösung des Falls, sondern um die Unmöglichkeit dieser Lösung – jeder Lösung in Anbetracht unserer unübersichtlichen, von innen verfaulten Existenz.

Kind (Castorfs neunjähriger Sohn) am Klavier in dunkler Züri-Nacht.

3 – real existierende Bauten in der Stadt Zürich wurden hier von Aleksandar Denic auf eine Drehscheibe gehoben und zu einem modernistischen Bühnenwunderbauwerk samt Justitia-Skulptur ineinandergeschachtelt: das Corbusier-Haus aus dem Seefeld, das Belcafé der Bellevue-Haltestelle und das Sexkino Roland von der Langstrasse. Es ist verwinkelt wie jenes Labyrinth der Lüste, das Denic 2017 für Castorfs Dostojewski-Raserei in den Schiffbau hob.

1 – ist jedoch die wichtigste Zahl. Frank Castorf, dieser Textfresser und Master of Collage, durfte diesmal – der Diogenes-Verlag bestand darauf – nichts Fremdes hineinklittern, wie er es sonst gern tut. Nur 1 einziger Autor liefert hier die Textpassagen. Allerdings ist der eben Dürrenmatt, mit dem sich der Ex-Volksbühnenchef noch nie auseinandergesetzt hat und in dessen Werk er sich nun hemmungslos hineinstürzt. Da wird, sanft gekürzt, der wilde 240-Seiter mitgenommen – und vieles andere Dürrenmattsche.

Zum Beispiel Dürrenmatts bitterböser «Schweizerpsalm III» von 1971. Dort dürstet das lyrische Ich, wie Rechtsanwalt Spät, nach «Gerechtigkeit». Doch, so heissts im Psalm, der sich direkt an die Schweiz richtet: «Die Ärsche deiner Staatsanwälte und Richter / lasten so schwer auf ihr / dass ich das Wort Freiheit kaum mehr ertragen kann / das du ständig im Maule führst». Den schmutzigen Waffenhandel, die Empfänglichkeit für die Millionen von ausländischen Steuerhinterziehern, den verlogenen Glauben an die Armee, die Unerbittlichkeit gegenüber Andersdenken: Die Nationalhymne des als Nestbeschmutzer beschimpften Autors nimmt alles aufs Korn. Das Stück «Justiz», für das Castorf die Bühnenfassung erstellte, auch.

Da kotzt Jan Bülow die «Mist»-Tirade aus Dürrenmatts «Herkules und der Stall des Augias» heraus: Er jault den verzweifelnden, bisexuellen Freund Späts ebenso hinreissend auf die Bretter wie das Bauernopfer der Justizaffäre. Und die Live-Cam zoomt auf jeden Schweisstropfen in seinem verzerrten Gesicht.

Ein Zoom an die kaputten Figuren

Der (1993 von Hans Geissendörfer verfilmte) Roman wird bei Castorf zum – Theaterfilm. Die Bühnenscheibe kreist, dreht uns die Fassaden dieses Huren-umschwirrten Beton-und-Glas-Würfels zu: ein Gleichnis der Pseudo-Transparenz und Dekadenz. Und wir sind die Voyeure, schauen via Live-Cam hinein, wenn Daphne – eine ausserordentliche Julia Kreusch – brutal vergewaltigt wird oder der fette Immobilienhai seine Reden schwingt und seine Gipfeli verschlingt (Nicolas Rosat, saukomisch).

Andreas Deinert zoomt uns permanent spuckenah an die kaputten Figuren heran. Aber Castorf produziert damit zugleich eine durchgehende, für ihn ungewöhnliche Ästhetisierung: Unsere Welt – gesehen durchs kalte Kameraauge – ist nur scheinbar zum (Be-)Greifen, zum Anfassen und Erfassen.

Ja, aus dieser beherzten Romantransplantation entstand was Sehenswertes; freilich nichts Schultaugliches. Hätte jetzt noch jemand genauso ungeniert die allzu ausufernden Monologe, die öden Plotaufdröselungen, die unnötigen Tanzeinlagen zusammengestrichen, wären wir wehrlos begeistert mitgerollt wie Kohlers Billardkugelmenschen; 100 Pro.

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