Die Fremde

Eine Frau schweigt und wird für eine Ausländerin gehalten. Das Theater an der Effingerstrasse präsentiert mit «Venedig im Schnee» eine entlarvende Komödie.

«Venedig im Schnee» läuft derzeit im Theater an der Effingerstrasse.

«Venedig im Schnee» läuft derzeit im Theater an der Effingerstrasse.

(Bild: zvg Severin Nowacki)

Helen Lagger@FuxHelen

Zwischen Nathalie (Sabine Lorenz) und Jean-Luc (Peter Bamler) herrscht die perfekte Harmonie. Die beiden wollen heiraten und sind gerade frisch zusammengezogen. «Chouchou» nennen sie sich gegenseitig. Doch bald wird das Paar durch den ­Besuch von Jean-Lucs Studienfreund Christophe (Helge Herwerth) und dessen merkwürdig stummer Freundin Patricia (Karo Guthke) empfindlich gestört.

Die Komödie «Venedig im Schnee» stammt aus der Feder des 1966 in Paris geborenen Gilles Dyrek. Das 2003 uraufgeführte Stück wurde rasch zum Kassenschlager in ganz Frankreich. Markus Keller inszeniert am Theater an der Effingerstrasse die deutsche Fassung von Annette und Paul Bäcker. Französisch betont wirkt die Übersetzung leider etwas aufgesetzt.

Schweigende Schickse

Christophe ist ein Snob, der italienischen Wein verachtet, während Jean-Luc und Nathalie vom Blick auf den Eiffelturm aus ihrer Wohnung schwärmen. Patricia passt nicht recht zu diesen typischen Vertretern einer politisch korrekten Mittelklasse, die gerne in die Toskana reist. Sie und Christophe hatten gerade heftigen Streit.

Als sie deshalb schmollt und kein Wort spricht, halten Nathalie und Jean-Luc sie für eine Ausländerin. Patricia macht das Spiel mit, erfindet das Land Chouwenien und spricht fortan in einem an Serbisch, Kroatisch und Italienisch an­gelehnten Kauderwelsch. Chris­tophe kann den Wahnsinn nicht stoppen und macht gute Miene zum bösen Spiel.

Eine Schickse? Nathalie meint es gut mit ihrem Gast. «Schick sie einkaufen», rät sie Christophe, weil man so schnell eine Fremdsprache lernen könne. Patricia verzieht das Gesicht. Ist sie vielleicht jüdisch und hat Schickse verstanden? Bis sich Patricia frei nach «Chouchou» als Chouwenierin outet, tappen ihre Gastgeber im Dunkeln und treten von einem Fettnapf in den nächsten.

Projizierte Vorurteile

Das kommt alles reichlich an den Haaren herbeigezogen daher. Doch hinter dem teils allzu absehbaren Schenkelklopferhumor verbirgt sich eine gehörige Portion Kritik an der Borniertheit von Nathalie und Jean-Luc, die ihre ganzen Vorurteile auf Patricia projizieren. Das Stück sagt viel darüber aus, wie wir das angeblich Fremde bewerten.

Karo Guthke glänzt in der Rolle der Patricia, die ihre Gastgeber an der Nase herumführt, und begeistert mit verrückten Wortschöpfungen, wilden Gesten und einer spontanen Tanzeinlage. Als Nathalie und Jean-Luc schliesslich damit anfangen, ihren Hausrat zu verschenken, um das arme Chouwenien zu unterstützen, platzt Christophe der Kragen. Und Nathalie schmollt plötzlich auch. «Venedig im Schnee» spielt auf eine Schneekugel an, die Jean-Luc ihr einst geschenkt hat. Will er die jetzt tatsächlich Patricia vermachen?

Weitere Vorstellungen: bis zum 2. 1., Theater an der Effingerstrasse.

Berner Zeitung

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