Harte Hunde

Konzert Theater Bern präsentiert mit «Jemandland» ein Drama der Nachwuchsautorin Ivona Brdjanovic als Uraufführung. Es geht um Identität und Machtverhältnisse und um das Leben als Baustelle.

Milva Stark (Mitte) verkörpert virtuos die Figur Nathalie, die mit den Männern spielt. Foto: Annette Boutellier

Milva Stark (Mitte) verkörpert virtuos die Figur Nathalie, die mit den Männern spielt. Foto: Annette Boutellier

Helen Lagger@FuxHelen

Eigentlich sollte das Publikum jetzt bald Platz nehmen dürfen. Doch dann erscheint der Schauspieler Gabriel Schneider und gibt zu verstehen, dass man ihm folgen soll. Er führt zu einem Aschenbecher draussen vor der Tür. Als Figur Miroslav erzählt er nun rauchend seine Geschichte.

Er habe einen Flug in ein Land «für immer» genommen und für einen Vollidioten gearbeitet, bevor er sich selbstständig gemacht habe. Angeschnauzt habe man ihn wegen allem, sagt der Einwanderer aus Ex-Jugoslawien. Nur das Schachspielen mit dem Alten habe die Situation auf der Baustelle erträglich gemacht.

Symbolhafte Baustelle

Danach geht Miroslav zurück und führt das Publikum zur kleinen Bühne in der Vidmar 2. Die Bühne (Kim Zumstein) besteht aus Gerüsten und Plastikplanen. Eine Baustelle als Sinnbild für ein vertracktes Leben ist nicht sehr originell. Doch Regisseurin Sophia Aurich spielt gekonnt mit den einfachen Elementen.

Anfangs sieht man nicht, was hier gebaut wird. Ungeduldig wartet Nathalie (Milva Stark), die eigentlich Jelena heisst, vor der Plastikwand, hinter der ein neuer Raum entstehen soll. Sie möchte essen gehen. Doch ihr Mann Bernd (David Berger) denkt nur an seine Geschäfte. In dem Plattenleger Miroslav findet er schliesslich einen Partner. Dieser lässt den ehemaligen Philosophiestudenten Nenad (Luka Dimic) illegal für sich arbeiten. Nathalie, die frustriert in ihrer Ehe ist, setzt dem Tagträumer gefährliche Flausen in den Kopf. Das Drama mit vielen komischen und einigen surrealen Momenten nimmt seinen Lauf.

Das Stück ist das Debüt der Nachwuchsschriftstellerin Ivona Brdjanovic, die in Bosnien-Herzegowina geboren wurde und seit 1991 in Zürich lebt. Die 34-Jährige hat am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert.

Frage nach Heimat

In «Jemandland» wird das Thema Identität ausgiebig verhandelt. Miroslav ist weder in der alten noch in der neuen Heimat zu Hause. Er ist abgehetzt. Während er von seinen gesundheitlichen Gebrechen erzählt, wird ihm von oben Mehl aufs Haupt gesiebt. Es ist ein schräges Mittel, um den Alterungsprozess zu veranschaulichen. Miroslav hat nun weisses Haar und ist ein ebenso harter Hund geworden wie jener, der einst ihn angestellt hatte. Nenad klagt hingegen, dass er in seinem Land nichts dürfe, nicht einmal seine Frisur bestimmen. Er findet: Hast du zu langes Haar, bist du schwul, tust du dies, bist du Sozialist, machst du jenes, ein Verräter.

Wer gewinnt am Ende?

Es sind diese prägnanten Selbstbekenntnisse, die für die stärksten Momente im Stück sorgen. Die Begegnung mit Nathalie, die von Milva Stark virtuos verwegen dargestellt wird, bringt Nenad zum Träumen. Nathalie ist eine Figur wie aus einem Fellini-Film, die nur in Nenads Fantasie mal tatsächlich auf der Baustelle anwesend ist. «Es gibt Menschen, die brauchen Lektionen», sagt Bernd zu seiner Frau, die er masslos unterschätzt. Er ist überzeugt, sie aus dem Sumpf gezogen zu haben.

Am Ende kommt es zwischen Investor Bernd und Handlanger Nenad zum Duell auf der Baustelle. Es wird um Leben und Tod gezockt. Wer hat noch ein Ass im Ärmel?

Nächste Vorstellung: Sa, 18.5., 19.30 Uhr, Vidmar 2.

Berner Zeitung

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