Heile Welt auf der Alzheimerstation

Gesprächsprotokolle aus der Alzheimergemeinschaft: Konzert Theater Bern widmet sich im Musiktheater «Alzheim» einem sensiblen Thema – mit Feingefühl und Humor.

Alltägliches wird für sie auf einmal zur Herausforderung: Die Patienten von «Alzheim», darunter Lisa (Heidi Maria Glössner, Bildmitte).

Alltägliches wird für sie auf einmal zur Herausforderung: Die Patienten von «Alzheim», darunter Lisa (Heidi Maria Glössner, Bildmitte).

(Bild: Philipp Zinnike/zvg)

In aller Seelenruhe schneidet Meinhard mit der Schere ein Stück aus seiner Jacke heraus. Absurde Handlungen sind auch bei anderen Insassen der Demenzstation zu beobachten: Buddha (Robin Adams) spielt unaufhörlich imaginäres Tennis und Brabbler (Joey Zimmermann) verstaut seinen Werkzeugkasten im Kühlschrank, während er in einer unverständlichen Sprache plappert. Er ist sichtlich stolz auf seine Herkunft, wie sein Käppi mit Schweizer Kreuz signalisiert. Wie die anderen verbringt er aber seinen Lebensabend im fernen Thailand.

Angst und Verzweiflung

Der Theaterautor Jürgen Berger hat längere Zeit in einer thailändischen Institution recherchiert, wo die Demenzkranken, ihre Angehörigen und die Pflegekräfte in einer offenen Gemeinschaft zusammenleben. Seine Interviews und Eindrücke bilden die Basis des Librettos zu «Alzheim». Das manchmal chaotische Nebeneinander von Figuren und die teils skurrilen Handlungen evozieren bisweilen das Bild einer frühen Irrenanstalt. Doch es werden auch Geschichten erzählt: Da sind das Liebespaar Mariann (Grazia Pergoletti) und Meinhard (Jürg Wisbach), dessen Krankheit sich anfänglich in existenziellen Ängsten äussert.

«Die wollen mir Grund und Boden nehmen», ruft er ungläubig aus. Oder Magda und Gustl (Marcus Calvin), der zu Beginn seine Spaghetti nicht mehr mit der Gabel aufgedreht kriegt. Je länger die Krankheit dauert, umso schwieriger wird es auch für die Angehörigen. «Ich schaff das nicht allein», singt Claude Eichenberger alias Magda in höchster Verzweiflung. Wie damit umgehen?

«Alzheim» von Jürgen Berger und des Schweizer Komponisten Xavier Dayer bietet eine Lösung an, die nahe am Ideal in Nordthailand angesiedelt ist. Es ist eine Welt, in der den Patienten und ihren Angehörigen eine neue Form des Zusammenlebens ermöglicht wird, in der es eine engelsgleiche Pflegerin gibt (Marielle Murphy), in der Patienten untereinander kommunizieren können wie etwa Lisa (Heidi Maria Glössner) und Margret (Evgenia Grekova).

Regisseur Ludger Engels richtet eine Welt ein, in der die Grenzen zum Normalen nicht aufgehoben sind, aber verschoben sein dürfen, wie es auch die Bühne von Ric Schachtebeck widerspiegelt: Im Zentrum steht der grosszügige Garten mit seinen bequemen Stühlen und umringt von Gummibäumen. Ebenfalls draussen untergebracht ist der Kühlschrank. Hier darf Meinhard auch mal ins Flügelinnere gucken und die souveräne Violinistin Isabelle Magnenat die Bühnenmitte betreten.

Musik statt Worte

In dieser Welt findet das Unsagbare, das diese Krankheit hervorrufen kann, in der Musik Xavier Dayers einen geglückten und dankbaren Ersatz. Die äusserst fein herausgehörten Zwischenspiele sind von Kontrasten geprägt. Statische Passagen wechseln mit schnellen ab, klangliche Höhen und Tiefen werden ebenso ausgelotet wie eine breite Palette von lauten und leisen Tönen.

Immer aber findet das von Dirigent Jochem Hochstenbach engagiert geführte dreizehnköpfige Ensemble des Berner Symphonieorchesters zur klanglichen Balance, so wie zum Schluss auch die Figuren auf der Bühne sich in einer Art neuen Heimat finden. Zum Glück gibt es die heile Welt des Theaters.

Weitere Aufführungen: bis zum 13. Januar, KTB Bern, jeweils ab 19.30 Uhr, Vidmar 1.

Berner Zeitung

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