Im Nebel von Trauer und Schuld

Emmenmatt

Die Freilichtspiele Moosegg zeigen Simon Gfellers «Schwarmgeist» – ein dunkles Stück mit herzzerreissenden Szenen.

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Martin Burkhalter@M_R_Bu

Nein, leichte Kost ist das nicht. Schon das Jahr, in dem das Stück «Schwarmgeist» spielt, lässt nichts Gutes erahnen: 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg. Auf einem Hof im Emmental lebt Familie Reist mit Knecht und Magd. Ueli, der «Regent», wie es so schön heisst, wird eingezogen und lässt seine Frau Stüdi mit den zwei Kindern zurück. Von seiner Schwester Elise, die auch auf dem Hof wohnt, verabschiedet er sich nicht einmal. Ihre tiefe Frömmigkeit lässt ihn auf Distanz gehen.

Göttliche Fügung

Zuerst, da ist alles noch den Umständen entsprechend schön und gut auf diesem Hof im Emmental. Magd Stine Moser und Knecht Martin Ruef suhlen in amourösen Gefühlen und stehen der Hofherrin tatkräftig zur Seite. Auch die putzmuntere Nachbarin Käthi Dreier gehört quasi zur Familie und ist voller Liebe für den ­Sämu, das ältere Kind.

Idyllische Verhältnisse, wären da nicht der Krieg und die Angst um Ueli. In ihrer Sorge wendet sich die wankelmütige Hofherrin Stüdi Reist an ihre Schwägerin Elise. Diese verspricht ihr, für ­Ueli zu beten und Gottes Beistand, wenn sie selber denn nur gottesfürchtig lebe und voll und ganz auf den Herrn vertraue. Nur wenig später erreicht sie ein Brief, der von Uelis Verwundung berichtet. Wie sich zeigt, hat er sich lediglich beim Marschieren den Knöchel verstaucht. Stüdi Reist, erleichtert über diese Kunde aus dem Krieg, glaubt an gött­liche Fügung und wird ihrer Schwägerin hörig.

Dann aber erkrankt ihr Sämu. Während alle anderen ärztliche Hilfe holen wollen, will die beeinflusste Stüdi Reist das Schicksal ihres Sohnes einzig in Gottes Hände legen. Es kommt, wie es kommen muss: Sämu überlebt die Krankheit nicht.

Nur drei Rollen beibehalten

Simon Gfellers «Schwarmgeist» ist ein eher selten gespieltes Stück, wie Regisseur Simon Burkhalter in seiner Einleitung sagte. Und weil es vor allem aus langen Monologen besteht, hat der junge Regisseur das Stück kurzerhand umgeschrieben und ihm einen zeitgemässen Anstrich verpasst. Lediglich drei der ursprünglichen Rollen hat er beibehalten. Gleichzeitig hat Burkhalter das Ganze auch sprachlich in die heutige Zeit geholt und vom mittleren ins obere Emmental verschoben. Nur ganz spitzfindige Zuschauer und Zuhörer merkten, dass der so typische Singsang mit den breiten «es» nicht von ­allen Schauspielerinnen und Schauspielern durchwegs gleich gut geführt wurde.

Sprachliche Höhepunkte

Wer aber sprach, fabulierte, ja wetterte, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, war Danièle Themis. Geradezu sensationell ist sie in ihrer Rolle als Nachbarin Käthi Dreier: eine resolute, lebensfreudige, stämmige Frau, die mit einem breiten Berndeutsch das Zwerchfell eines jeden Zuschauers zum Vibrieren bringt. Sie ist auch an einer der eindrücklichsten Szenen des Stücks beteiligt. Dann nämlich, wenn sie sich mit der im reli­giösen Wahn gefangenen Elise Reist einen Schlagabtausch über den Glauben liefert.

An dieser Stelle erreicht die ­Inszenierung einen Höhepunkt, weil der Dialog einerseits eine ernsthafte Auseinandersetzung liefert, anderseits aber mit herr­lichen, typisch emmentalischen Pointen und Kalauern gespickt ist. Das Beten sei wie ein Schluck Wasser, wenn einem heiss und man durstig sei, sagt Käthi einmal sinngemäss. Wenn aber einer den ganzen Tag nur am Wasserrohr hange, könne kaum etwas Richtiges zustande kommen.

Käthi Schaffer-Gutknecht als gottesfürchtige Elise Reist überzeugt in dem Stück als kalte, distanzierte Matrone, die dem Zuschauer mit ihrer bornierten Art den letzten Nerv raubt. Ebenso eindringlich gibt Sarah Luisa Iseli die Stüdi Reist, die nach dem Tod ihres Sohnes in ihrer Trauer und Schuld nach und nach den Verstand verliert. Da läuft es einem nicht nur einmal kalt den Rücken herunter. Das, obschon gerade diese Trauerszenen mit anschliessender Beerdigung etwas gar lang geraten sind.

Ein weiterer Protagonist

Wie auf der Moosegg so üblich, gibt es noch einen weiteren überaus wichtigen Protagonisten in diesem Stück: den Ort selber. Die Bühne in der Waldlichtung neben dem Hotelgebäude verleiht dem Stück eine Authentizität, wie man sie sich nur wünschen kann. Und regelrecht ins Magische kippte die Szenerie, als die Geschichte immer trauriger und dunkler wurde, gleichzeitig, wie bestellt, Nebelschwaden aus dem Tal heraufkamen und in den dunklen Baumkronen hängen blieben.

Ein dunkles Stück also ist dieser «Schwarmgeist». Schwer und intensiv. Eines, das perfekt auf diese Bühne passt, ein Stück aus dem und für das Emmental.

«Schwarmgeist» – Aufführungen bis 19. August, jeweils ab 20.15 Uhr. Tickets und Informationen: www.freilichtspielemoosegg.ch.

Berner Zeitung

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