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Immer passend ins Theater

Wenn er ins Theater geht, dann niemals in Alltagskleidung. Der Berner Christof Schwab verkleidet sich im Sinne des Stücks. Für ihn ist es ein Ritual des Respekts.

Für Christof Schwab ist man als Teil des Publikums auch der Kunst gegenüber zu einer Wertschätzung verpflichtet.
Für Christof Schwab ist man als Teil des Publikums auch der Kunst gegenüber zu einer Wertschätzung verpflichtet.
Raphael Moser

Ist das jetzt ein Blickfang oder schon eine Herausforderung? Zum Gespräch erscheint Christof Schwab mit einem ausladenden Brillengestell aus gebürstetem Silber und einer Art Gilet aus Glattleder, über dem auf Brusthöhe ein handgeschmiedeter Meissel angebracht ist. Darüber eine braune Jacke aus – wie er betont – natürlich gegerbtem Leder, über der einen Schulter hängt ein Schal. Besonders auffällig ist die auf Bauchhöhe prangende, glatt geschliffene Eisenerzscheibe mit einem darüber baumelnden Silberlöffel.

Christof Schwab ist für seine auffällige Kleidung bekannt: Sei es eine Opernaufführung, ein Ballett oder ein klassisches Konzert in Bern – es ist sehr wahrscheinlich, Christof Schwab dort anzutreffen. Kostümiert ist er jedes Mal anders, aber immer bis ins letzte Detail durchdacht. Seine Aufmachung sei der Ausdruck einer Suche nach dem eigenen Selbst, erzählt der pensionierte Lehrer.

Werte und Wertschätzung

Während Schwab das Gesamtkonzept seines Gewands ausführt, sorgt der Löffel für ein konstantes Klimpern. «Was ich heute trage, soll die Materialien würdigen, die das Schicksal der Menschheit im Guten wie im Schlechten prägten, prägen und prägen werden: Eisen, Bronze, Leder, Wolle, Silber, Gold und Diamanten», so Schwab. Von Schilderungen zum materiellen, symbolischen und emotionalen Wert der vereinten Objekte gelangt er zu Wertefragen im gesellschaftlichen Kontext und in der Kunst. Seine feinsinnige Rhetorik lässt erahnen, dass sich dieser Mann viele Gedanken macht; und dies nicht nur zu dem, was er trägt.

Christof Schwab erzählt, dass der Akt der Kostümierung für ihn ein wichtiges Ritual sei: «Das Bereitlegen und Anziehen der Kleidungsstücke und Accessoires ermöglicht mir, mich innerlich und äusserlich auf den bevorstehenden Abend einzustimmen.» Bereits lange im Voraus halte er schriftlich fest, was er bei einem Anlass tragen werde, auch dokumentiere er die Robe jeweils fotografisch, fügt er an.

So sachlich wie Schwab diese Abläufe einer äusseren Verwandlung darlegt, so tiefgründig ist seine Motivation dahinter: «Im Kostüm geht es mir darum, wahrzunehmen, wie mein Äusseres auf mich und auf die anderen wirkt. Was von mir bin ich selbst, was von mir ist von anderen?»

Schwabs auffällige Aufmachung ist also weniger eine Selbstpräsentation als vielmehr ein Versuch der Sensibilisierung. Er räumt jedoch ein, dass sein Äusseres auch provozieren könne: «Ich bin mir bewusst, dass ich mit meinem Auftreten die Leute herausfordere. Sie müssen mich anschauen, auch wenn sie gar nicht wollen.» Von der Idee eines Influencers im Sinne einer stil- oder verhaltensprägenden Figur distanziert sich Schwab aber dezidiert. Im Gegenteil: «Erst wenn man seine eigene wichtige und sinnvolle Bedeutung und Eigenart innerhalb eines Ganzen erkennt, ist es möglich, dem eigenen Selbst mit Respekt, Dankbarkeit und Stolz zu begegnen.»

Für die Kunst

Eine Aufführung in Alltagskleidung zu besuchen, wäre für Christof Schwab undenkbar. Dies nicht nur, weil damit auch Routine und Lasten des Alltags mit in einen Konzert- oder Opernabend mitgetragen würden: Schwab ist der Meinung, dass man als Teil des Publikums auch der Kunst gegenüber zu einer Wertschätzung verpflichtet sei. Somit ist seine Verkleidung, die sich immer spezifisch auf eine Aufführung bezieht, nicht zuletzt auch als Zeichen der Anerkennung für die Kunstschaffenden zu deuten.

Respekt gegenüber der Kunst ist für Christof Schwab ausserdem der Grund, weshalb er meist allein an eine Veranstaltung geht. «Ich versuche flüchtige Pausengespräche zu meiden», erklärt er. «Es gibt nichts Oberflächlicheres als die Frage ‹Hat es Ihnen gefallen?›.» Umso mehr schätze er eingehendere Konversationen, wo Eindrücke, Erfahrungen und Gedanken zu einer Aufführung ausgetauscht werden könnten.

Versichert sei an dieser Stelle: Wer sich nicht von Christof Schwabs Aufmachung einschüchtern lässt, findet in ihm einen äusserst bescheidenen und offenherzigen Gesprächspartner, der einiges zur Kunst zu sagen hat.

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