Karls implodierende Schoggifabrik

Nach dem Riesenerfolg «Silo 8» feierten Karl’s Kühne gestern Premiere mit «Fabrikk». Das neue Stück ist wie Schokolade: zart, bitter, süchtig machend.

Die Chinesen degustieren das Ginseng-Praliné – und bestellen gleich Millionen davon: Tamtam in der Schokoladenfabrik bei Karl's kühner Gassenschau.

Die Chinesen degustieren das Ginseng-Praliné – und bestellen gleich Millionen davon: Tamtam in der Schokoladenfabrik bei Karl's kühner Gassenschau.

(Bild: Sophie Stieger)

Ruedi Baumann@Ruedi_Baumann

Karl’s kühne Gesellen haben ein Problem: Seit ihrer Gründung vor 27 Jahren werden sie an ihren bisherigen Auftritten gemessen. Gestern Abend an der Premiere im Winterthurer Industriepark war der Druck so gross wie noch nie: Kann ein Stück besser und gigantischer sein als «Silo 8», das Karl’s Kühne fünf Jahre am Stück und vor insgesamt 580'000 Zuschauern gespielt hatten? Erste, sehr provisorische Antwort: gigantischer: ja, besser: nein.

Die 1400 Zuschauer – darunter Moritz Leuenberger, Emil Steinberger und Viktor Giacobbo – standen und stampften. Doch «Fabrikk» hat einen Haken: Der Schluss ist so überraschend und eindrücklich, dass man ihn nicht verraten darf. Künftige Zuschauer – 90'000 Plätze sind bereits weg – kämen sich sonst vor wie Krimileser, die den Täter schon kennen. Soviel sei gesagt: Die Bühne, eine detailgetreu nachgebildete Schokoladenfabrik mit Originalmaschinen von Cailler aus Vevey, implodiert, statt zu explodieren, dank 60-Tonnen-Hydraulikpressen.

Die Schweizer Versuchung mundet nicht

Die Geschichte: Der italienische Maître Chocolatier Angelini (Luigi Prezioso) hat mit seiner Truppe aus ausländischen Hilfskräften und Schweizer Problemfällen ein wunderbares Praliné entwickelt, «dank Schweizer Qualitätsarbeit». In der Fabrik gehts lustig und locker zu und her. Man flirtet und streitet – die Französin Marie (Nicole Steiner) breitet ihr Liebesleben aus, der ungehobelte Reto Baumgartner (Paul Weilenmann) mit dem Rossschwanz wäre lieber Terence Hill als Handlanger, und die Sizilianerin Giovanna (Maria Augusta Balla) singt während der Arbeit so schön, dass alle anderen einstimmen. Dazu hantiert die Crew slapstickartig mit Mischkübel, Messer und Dressiersack.

In dieses gemütliche Fabrikleben platzt Manager Victor Witschi (Daniel Bill) und bleckt die Zähne: Die Chinesen zeigen Interesse an Schweizer Pralinés, eine Delegation steht schon vor der Tür. Doch trotz Wunderkerzen und viel Tamtam schmeckt dem Chinesen die süsse Schweizer Versuchung nicht. Er will ein Ginseng-Praliné, das Angelini in zwei Stunden auch kreiert. Der Chinese ist nun happy – und bestellt gleich 50 Millionen Schachteln der Pralinés.

Das Drama mit dem Schoggifass

Jetzt beginnt die Hektik, und ein Drama folgt dem anderen. Arbeiter werden von Förderbändern verschlungen, die schöne Jelena (Theresa Davi) gerät in die Kakaowalze, der linkische deutsche Praktikant Uwe (Guido Frank) fällt ins Schokoladenfass und wird zum Riesenpraliné. Dies wiederum motiviert die schokoladensüchtige Putzfrau Ruth (Brigitt Maag), sich etwas schneller als in Zeitlupe zu bewegen.

Zu Beginn der ersten Nachtschicht kommts zum Eklat: Die Kakaobohnen gehen aus, Manager Witschi panscht die Schokolade mit nach Fisch stinkendem Öl. Doch die Arbeiter machen da nicht mit und streiken. Nun verkauft Witschi die ganze Fabrik kurzerhand nach China. Ein militärisch-zackiger Trupp von Chinesen («billiger, schneller, stellen keine dummen Fragen») wuselt wie Ameisen aus einer Frachtkiste und macht sich an Abbruch und Verlad der Fabrik.

Vieles ist typisch Gassenschau. Schauspieler und Musiker sind mit Ausnahme von drei Neuen identisch mit der «Silo 8»-Crew. Anders hingegen sind die Showeffekte. Es gibt kaum Feuer, Explosionen und Verfolgungsjagden, die Zuschauer leben weniger gefährlich als auch schon. Dafür gibts herrliche Effekte mit Wasser und eine Verfolgung in einer riesigen Tretmühle, die am Kran hängt. Die Technik ist brillant, die Geschichte aktuell. Doch die Poesie aus «Silo 8» fehlt. Man lacht viel – aber keine Tränen der Rührung. Als echte Strassenkünstler können Karl’s Kühne dieses Manko in den nächsten fünf Jahren wohl locker ausbügeln.

Tages-Anzeiger

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