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Mummenschanz – Träume aus Schaumstoff

Bei ihrem ersten Berner Auftritt seit fünf Jahren begeistert die Maskentheater-Truppe um Gründerin Floriana Frassetto mit subtiler Poesie und ungezügelter Fantasie.

Frühlingsgefühle: Die legendäre Mummenschanz-Raupe fixiert ein fallendes grünes Blatt.
Frühlingsgefühle: Die legendäre Mummenschanz-Raupe fixiert ein fallendes grünes Blatt.
Marco Hartmann

Am Anfang war das Papier. Im Theater National, das an der Berner Premiere am Mittwoch rappelvoll war, wird ein leeres weisses Blatt auf eine grosse Leinwand projiziert. Die Gestalt davor, im schwarzen Strumpfanzug, nimmt man kaum war, bis sie wie von Geisterhand geführt ein paar Linien auf den A4-Bogen kritzelt und sie gleich wieder verwirft. Die anderen Skizzen erwachen schnell zum Leben, Figuren entstehen, mit und ohne Augen.

Die Besucher im National, mehrheitlich 50 plus mit Enkelkindern, erleben während zweier Stunden, dass Träume zumindest aus Schaumstoff real sein können. Die zwei Stunden mit den Musiciens du Silence, wie sich Mummenschanz auch nennen, werden zu einem Abend der subtilen Poesie und der ungezügelten Fantasie. Man vergisst bereits in den ersten Minuten, dass die Stühle im ausverkauften Saal etwas hart und kalt sind.

Gründerin neue Generation

Das Schweizer Maskentheater versteht es, fast allen Gegenständen Leben einzuhauchen. Aus einer farbigen Tüte wird ein Gesicht, aus einem Klumpen Knete eine freundliche oder freche Fratze. So ist es auch bei «you & me», dem aktuellen Programm. Die Wesen sind programmgemäss selten allein auf der Bühne. Zum Ich gehört ein Du. Zu Beginn sind es zwei überdimensionale Hände, die sich um ein Ei streiten, kurz darauf zwei Raupen, die nach einem saftigen Blatt gieren.

Einige Figuren kommen einem bekannt vor. Der Wiedererkennungseffekt bei der Raupe, einem biegsamen Hohlkörper, in dem ein Schauspieler steckt, ist beabsichtigt. Aber Mummenschanz setzen die Aha-Erlebnisse sparsam ein und entwickeln die Idee weiter. Aus einem mannsgrossen Engerling wird am Schluss ein Schmetterling, der davonflattert.

Poesie ohne Melodie

Eine Unterwasserwelt mit allerlei Getier entlockt viele Ohs und Ahs bei den Zuschauern. Einen Begleitsound brauchen Mummenschanz nicht. Es ist per se ­poetisch, wenn das Seidenpapier der majestätisch dahingleitenden Quallen leise raschelt oder aus dem etwas steifen Tüllknäuel am Boden schmucke Seepferdchen entstehen und sich diese wiederum in zwei Schwäne verwandeln, deren Hälse beim Kuss ein Herz erkennen lassen.

Einzig beim Frosch summt die Fliege gut hörbar um dessen breites Maul. Beim hungrigen Vogel ist der Mensch im Kostüm artistisch derart geschickt, dass das Tier auch in einer 180-Grad-Verdrehung sein Grinsen nicht verliert.

Gelungene Gesellschaftskritik

Die Pause bringt einen Szenenwechsel. Jetzt haben Buchstaben, Zahnräder und zwei Geigen das Sagen. Letztere hoch virtuos und mit erkennbarer Weise. Ein Flashback erhalten treue Fans, wenn sich zwei Protagonisten mit einer Knetmasse stets neue Gesichter formen und sich schlussendlich gegenseitig an der Gumminase ziehen.

Dass die beiden während der Transformation als Affe und Äffin agieren, veranschaulicht den Kampf der Geschlechter auf raffinierte Weise. Geschickt lassen die jungen Akteure Sara Francesca Hermann, Christa Barrett, Oliver Pfulg und Kevin Blaser Gesellschaftskritik einfliessen. Sie veranschaulichen das in einer Szene mit vier Kids, die mit ihrem Mobile beschäftigt sind.

Wer hat das schnellere Teil, wer macht die besseren Selfies? Bis einer des Quartetts die mit quietschendem Draht markierten Geräte zum Kopfhörer verformt und den Fokus weg vom Handy und hin zur Musikband leitet. Ein Wunschtraum, vielleicht. Sicher ist, dass dieser fantastische Abend das Du dem Ich nähergebracht hat.

«you & me»: Theater National, bis 26. Februar.

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