Vorhang auf!

Das Theater füllt Lisa Möslis Leben aus. Die 24-Jährige steht jedoch nicht auf der Bühne, sondern besucht mit der Gruppe «Voyeure Bern» wöchentlich Theatervorstellungen. Im Anschluss wird über das Erlebte diskutiert.

«Voyeurin»: Lisa Mösli schaut genau hin und hinterfragt nach einer Vorstellung jeweils, was ihr auf der Bühne serviert worden ist.

«Voyeurin»: Lisa Mösli schaut genau hin und hinterfragt nach einer Vorstellung jeweils, was ihr auf der Bühne serviert worden ist.

(Bild: Raphael Moser)

Begeisterung bricht meistens keine aus, wenn die Lehrerin oder der Lehrer den Besuch eines Theaterstückes ankündigt. Als zu verkopft empfinden die Schülerinnen und Schüler den Stoff auf der Bühne. Altbacken, nicht vereinbar mit ihrer Lebensrealität.

So dauert es bei den meisten ­einige Jahre, bis sie – wenn überhaupt – wieder vor einer Bühne Platz nehmen. Entsprechend ist die Generation U-30 selten vertreten in den Rängen.

«Junge Leute wissen oft nicht, wie vielfältig Theater ist», bedauert Lisa Mösli. Die 24-Jährige aus Bern muss es wissen: Pro Woche besucht sie eine Theatervorstellung, mindestens. Meistens sind es mehr. «Ich habe eine unglaubliche Lust, dem Spiel zuzuschauen», beschreibt sie ihre Leidenschaft.

Von der Bühne an die Uni

Zum Theater fand sie dank ihren Eltern: Sie schickten die damals Sechsjährige in den Theater­verein in Zug, wo sie wohnte. «Ich liebte es, mich zu verkleiden und in andere Rollen zu schlüpfen.» Als Zuschauerin ins Theater ging sie damals selten: «Im Kanton Zug ist die Theaterszene sehr klein. Da liegen andere Beschäf­tigungen näher.» Bis zur Matur spielte Mösli im Theaterverein mit.

Mit dem Umzug nach Bern änderten sich ihre Theatergewohnheiten: Lieber sass sie vor einer Bühne, als selber zu spielen. Der Grund liegt in der Ausbildung: Vor drei Jahren begann Lisa Mösli ihr Studium an der Universität Bern – Theaterwissenschaften und Germanistik.

Dass man Theater studieren kann, realisierte sie erst am Infotag der Uni. «Ich hatte keine Ahnung, was man in diesem Fach genau lernt. Aber das Theater begleitete mich schon so lange, das musste einfach passen.»

Das tut es. Für ihr Studium liest Mösli Texte zur Geschichte, Theorie und Dramaturgie des Theaters und analysiert selber Aufführungen. Wissen, das sie zwar ständig in sich trägt, nicht aber bei jedem Theaterbesuch aktiviert: «Wenn ich ein Stück anschaue, überlege ich nicht ständig, welche Theorie darauf anwendbar ist.»

Kein Ort der Entspannung

Rein zum Genuss setzt sie sich aber nicht in die Vorstellungen: «Das Theater ist nicht der Ort, wo ich hingehe, um vom Alltag abzuschalten. Dazu mache ich lieber Yoga.» Anspruchsvolle Stücke mag sie.

«Das Theater ist nicht der Ort, wo ich hingehe, um vom Alltag abzuschalten. Dazu mache ich lieber Yoga.»Lisa Mösli

Solche, die sie zwingen, sich mit sich selber oder mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Im Moment am liebsten solche, welche die Rollen der Geschlechter in der Gesellschaft hinterfragen.

Gerne bespricht Lisa Mösli ­ihre Eindrücke nach der Vorstellung mit anderen Leuten. Etwa mit den «Voyeuren Bern». Zwanzig Personen zwischen 15 und 25 Jahren, die von September bis Juni jeden Donnerstag zusammen in Bern ins Theater gehen.

Seit drei Jahren gehört die Studentin zu dieser Gruppe, leitet sie seit bald zwei Jahren zusammen mit ihrer Studienkollegin Selina Hauswirth. Die beiden planen, wann die Voyeure welches Stück schauen.

Ungeniert diskutieren

«In der Schule lernen wir, über Literatur zu sprechen. Fürs Theater fehlt uns oft die Sprache. Viele trauen sich darum nicht, ihre Meinung zu einem Stück auszudrücken», bedauert Lisa Mösli. Herzstück der «Voyeure»-Treffen sind darum die Diskussionen direkt nach den Vorführungen.

Sorgen, sich zu blamieren, muss sich dabei niemand machen. Alle dürfen ihre Wahrnehmungen ungefiltert teilen, egal, ob mit Fachwörtern ausgedrückt oder nicht, schliesslich studieren nicht alle «Voyeure» Theater.

Mösli schätzt dieses ungezwungene Format: «Dank den Perspektiven der anderen entdecke ich oft noch eine zusätzliche Dimension der Inszenierung und ändere meine Meinung.» Von ihrem Engagement bei den «Voyeuren» verspricht sich Lisa Mösli einen Nutzen bei der Jobsuche.

Nach dem Studium möchte sie im Kulturbetrieb arbeiten. «Leider gibt es mehr Bewerbende als Stellen, darum brauche ich eine Sache, die mich auszeichnet. Allein mit der Leidenschaft fürs Theater ist es eben noch nicht ­getan.»

Berner Zeitung

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