Wie viel Abhängigkeit ist gesund?

Werbung, Drogen, das Smartphone, Freunde – manches hilft, anderes schadet uns. Eine neue Ausstellung im Vögele-Kulturzentrum ergründet das weite Spektrum der Abhängigkeit.

Der Marlboro-Mann, der für Freiheit, aber auch Gefangensein steht. Foto: Hannes Schmid, Cowboy#05, 2007, Öl auf Leinwand

Der Marlboro-Mann, der für Freiheit, aber auch Gefangensein steht. Foto: Hannes Schmid, Cowboy#05, 2007, Öl auf Leinwand

Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

Der Cowboy steckt sich eine Zigarette an. Fast meint man, man stehe vor einem Plakat. Doch der Marlboro-Mann ist hier ein Ölgemälde, gemalt von Hannes Schmid, der als Fotograf jene Bilder schoss, die sich als Traum von Freiheit ins kollektive Gedächtnis brannten. Jene des rauchenden Mannes, der durch unendliche Weiten reitet. Das ist Freiheit, das ist Unabhängigkeit. Und ein Mythos? Zigaretten machen abhängig, wie vieles andere in unserem Alltag auch. Aber ist das nur schlecht? Das fragt die neue Ausstellung im Vögele-Kulturzentrum in Pfäffikon und geht dabei weit über den Aspekt der Sucht hinaus.

«Abhängigkeitsverhältnisse sind oft unsichtbar», sagt Mirjam Bayerdörfer, eine der beiden Kuratorinnen. Um sie greifbar zu machen, spannte das Vögele-Kulturzentrum zusammen mit ehemaligen und aktuell Studierenden der F+F-Schule für Kunst und Design in Zürich. Die Recherchen brachten sieben Stationen hervor, die ergründen sollen, wer, wie von wem oder wovon abhängig ist.

Täglich sind wir von Werbung umgeben. Was würde den Raum füllen, wenn sie nicht da wäre? Foto: Joshua Geiger, werbefrei, 2019, Fotografie

An was würden wir etwa denken, was einkaufen, wenn wir nicht ständig den Glücksversprechen der Werbung ausgesetzt wären, fragt Joshua Geiger in seiner Arbeit «werbefrei» und lässt dabei die Inhalte von Werbeflächen an öffentlichen Orten verschwinden. Weiter hinten in einer Vitrine liegen Schweizer Abstimmungsbüchlein, mit Leuchtstift sind beliebte Begriffe markiert: «Souverän», «freiheitlich», «selbstbestimmt».

Von der Mitte des Raumes her hört man, wie es tönt, wenn jeder in einer Gesellschaft selbst bestimmen möchte. In einem Video spielen Punks «Reise nach Jerusalem», ohne sich an die Regeln zu halten, von denen das Spiel, aber wohl auch mehr, abhängt. Das Video ist laut, chaotisch.

Abhängigkeiten werden hier weder nur negativ noch einfach als eine Kette aus Kausalitäten, die sich in eine Richtung fortsetzt, gezeigt.

Geordnet hingegen sind die Wege, auf denen die Besuchenden durch die Ausstellung geführt werden. Sie sind inspiriert von Auflagen, von denen Räume abhängig sind. Fluchtwege, grün gestrichene Gänge aus Holz, verlaufen in zwei sich kreuzenden Achsen durch den Raum.

Durch sie kann man ein Stück weit der Überforderung entfliehen, die einen überkommt, denkt man an all die Abhängigkeiten, die unseren Alltag prägen. Eine Tasse Kaffee, der Wecker, das Auto. Beziehungsgeflechte unter Freunden, Arbeitskolleginnen, der Familie. In letzteren fühlt man sich im Idealfall aber auch aufgehoben, verstanden, spürt Gemeinschaft. Abhängigkeiten werden hier weder nur negativ noch einfach als eine Kette aus Kausalitäten, die sich in eine Richtung fortsetzt, gezeigt. Sie seien kreisförmig zu lesen, so Kuratorin Bayerdörfer.

Wie eine Katze, die sich in den eigenen Schwanz beisst – Tonjaschja Adlers Blick auf Abhängigkeiten. Foto: Katharina Wernli

Doch wie verhält es sich etwa mit ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, in denen die in den oberen Etagen offenbar klar das Sagen über Angestellte haben? Die Gesellschaft sei nicht abhängig von Investoren, den sogenannten Arbeitgebenden, sondern von jenen, die wirklich Arbeit geben, jenen, die als «Arbeitnehmende» gelten, hört man Nationalrätin und Unternehmerin Jacqueline Badran an einer der Audiostationen sagen.

Wütend und zugleich humorvoll ziehen sich die grossen schwarzen Lettern von Tonjaschja Adlers ABC der UnMöglichkeiten zu diesem Kreis, in dem nichts so ist, wie es scheint, über die Wand hinweg – «Ich kann, will und darf nicht», heisst es auf dem ersten der drei Bilder. Egal, wie man die Betonung legt, das ABC hält einen gefangen.

Das berührendste Werk ist aber wohl das von Gianluca Trifilo, platziert in einem Raum voller Verlockungen und Statussymbole, die wir konsumieren, um unsere Identität zu formen. Es beginnt harmlos, mit einem Stück Luxusmode, es endet in der harten Welt des Drogenentzugs. Um Letztere dreht sich Trifilos Arbeit. Er zeigt Auszüge aus dem Schriftverkehr rund um Abhängige. Briefe von Versicherungen, aus dem Strafvollzug, von Ärztinnen. Jedes Gramm Methadon im Substitutionsprogramm wird festgehalten, jede negative Urinprobe dokumentiert, jeder Rückfall.

Ein ganzes Netz aus Institutionen kommuniziert über die Sucht, nur der Abhängige selbst hat in der Korrespondenz keine Stimme. Gianluca Trifilos Werk über Abhängigkeit. Foto: Katharina Wernli

Man könnte die Stationen der Ausstellung wohl unendlich weit fortsetzen, sich in Auflistungen aller erdenklicher Abhängigkeiten verlieren. Doch die Macherinnen und Macher setzten sich klare Grenzen, beleuchten bewusst einzelne Aspekte. Vor allem gelingt es ihnen, zum Nachdenken anzuregen, nicht zuletzt durch die vielfältige Umsetzung. Das schafft Raum für einige bequeme, aber auch viele unbequeme Wahrheiten über einen selbst, das eigene Beziehungsnetz, die Gesellschaft.

Schnell fühlt man sich verleitet, sich in jene Traumwelt zu wünschen, wo man frei zu sein glaubt, in jene mit dem weiten Horizont und den unendlichen Steppen. Der Marlboro-Mann ist schon dort – gefangen von seiner Zigarette und seinem Auftrag, uns Unabhängigkeit zu verkaufen.

Mitmachen in der Ausstellung

  • Besuchende können sich während der Ausstellung überlegen, wovon sie abhängig sind. Die Antworten werden in einem Atelier ganz hinten in der Ausstellung gesammelt und später von Mitgliedern der Recherchegruppe in die grünen Fluchtwege geschrieben.
  • Woran erkennt man, dass man suchtgefährdet ist?
  • Zusammen mit der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich entwickelten die Macherinnen und Macher der Ausstellung einen Fragebogen, der Antworten liefern und dazu anregen soll, sein eigenes Verhalten unvoreingenommen unter die Lupe zu nehmen.
  • Einen Kaffee umsonst bekommt, wer sich an den Tisch ohne Beine wagt. Mindestens zwei Personen müssen daran Platz nehmen, natürlich können sie sich nicht unabhängig voneinander setzen. Gleich nebenan wartet die Installation «Coffee seeks its own level» von Allan Wexler. Die vier Kaffeetassen sind mit Schläuchen verbunden. Eine einzelne Tasse anzuheben, bringt die anderen zum Überlaufen. Koordination ist gefragt.

«Abhängig? Wer, wie von wem oder wovon», Vögele-Kulturzentrum, Pfäffikon SZ, bis 22. März 2020. Mehr Informationen: voegelekultur.ch

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