Wipp, wipp, hurra

Ein Kunstprojekt an der Grenze zwischen den USA und Mexiko bringt Menschen auf beiden Seiten in Bewegung.

Der Zaun trennt, die Wippe verbindet: Kunstprojekt an der Grenze zwischen USA und Mexiko. Video: Tamedia

Man ist es ja gewohnt, dass Kunst «verstören» oder mindestens die Sehgewohnheiten «unterlaufen» soll. In diesem Fall berührt sie aber erst das Herz und danach das Hirn. Vielleicht ist die verblüffende Wipp-Aktion an der Grenze zwischen den USA und Mexiko deshalb so ungemein erfolgreich.

Ein Video zeigt drei pink eingefärbte Wippen, die sich durch das triste Stahlmonster zwischen Sunland Park und Ciudad Juárez schieben. Der absurd hohe, aggressiv in die Wüstenei gerammte Wall, mehr Kriegsgerät als «Lattenzaun» (im Sinn von Christian Morgensterns berühmtem Gedicht), wird auf diese Weise vom Krisensymbol der Exklusion in ein Spielgerät der Interaktion umgedeutet. Und somit auch in ein fulminantes Nachdenkgerät.

Beide Länder hängen sinnlich zusammen

Denn die beiden Architekturprofessoren Ronald Rael (University of California, Berkeley) und Virginia San Fratello von der San José State University, die sich die Aktion ausgedacht haben, wollen mit den Wippen klarmachen, dass beide Seiten, die mexikanische wie die US-amerikanische, unmittelbar politisch, aber auch sinnlich-räumlich zusammenhängen: Was man auf der einen Seite tut (wippen), hat Folgen auf der anderen Seite (wippen).

Der Architekt schreibt in seinem Instagram-Post: «Kinder und Erwachsene sind nun zur Erkenntnis gekommen, dass die Handlungen auf beiden Seiten eine Auswirkung haben.» Friedrich Schiller würde das gefallen, der einst geschrieben hat: «Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.» Zum Beispiel an der Grenz-Wippe.

Die erste Wippe war Zufall

Eine Wippe ist das denkbar einfachste Spielgerät. Man kann sich gut vorstellen, wie der zufällige Blick auf einen Baumstamm, der auf einem Stein liegt, am Beginn der Wippengeschichte steht. Und jeder Mensch, der das Kind in sich nicht verleugnet, weiss, dass es grossen Spass macht, die Wippe versuchsweise in die Balance zu bringen. Aber auch: dass, sagen wir, fülligere Kinder an der Wippe absolut im Vorteil sind. Endlich mal.

Was direkt zu Donald Trump führt: Der amerikanische Präsident könnte diese Kunstaktion gewichtig bereichern. Das wunderbar grenzüberschreitende Picknick, das vor einiger Zeit der französische Street-Art-Künstler Jean René (genannt «JR») organisierte, hat Trump leider verpasst. Aber womöglich liegt ihm das Wippen mehr.

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