Doppelbelastung Studium/Beruf

Lernen dann, wenn sich andere vergnügen: Wie es ist, Arbeiten und Studieren zu vereinen.

Sie pendelt zwischen zwei Welten: Simona Marty wohnt und arbeitet in Zürich und studiert in St. Gallen. Foto: Reto Oeschger

Sie pendelt zwischen zwei Welten: Simona Marty wohnt und arbeitet in Zürich und studiert in St. Gallen. Foto: Reto Oeschger

Im Nachhinein vergisst man, welche Anstrengungen, Strapazen oder gar Qualen ein herausfordernder Lebensabschnitt mit sich bringen kann. «War eigentlich alles gar nicht so schlimm», sage auch ich, wenn ich jetzt, kurz vor dem Master-Abschluss, auf die letzten beiden Jahre zurückblicke. Auf zwei Jahre, in denen ich viele Abende und Wochenenden hinter den Büchern verbrachte. Zwei Jahre, in denen ich Freunden und Familie längst keine Erklärung mehr liefern musste, weshalb ich die Einladung zum Essen oder auf die Skipiste ausschlug.

Mit Jahrgang 1986 gehöre ich nicht nur zur Generation Y, sondern auch zu den Ersten, die Mitte der Nullerjahre im Bologna-System studieren konnten. Und ich nutzte die Chance auf einen Berufseinstieg nach dem dreijährigen Bachelor-Studium. Damals war ich 24 Jahre alt und hatte das Glück, nach einem Praktikum eine Festanstellung ergattern und wertvolle Berufserfahrung sammeln zu können. Drei Jahre später traf ich eine Entscheidung, die mein Leben nochmals umkrempelte: 27-jährig ging ich ­zurück an die Uni, für einen Master in ­International Affairs an der Universität St. Gallen. Nicht etwa, weil ich mit ­meinem Job als Inlandredaktorin bei «20 Minuten» unzufrieden war, sondern weil ich den Eindruck hatte, mit «bloss» ­einem Bachelor keine ausreichend ­fundierte Ausbildung zu haben.

Unabhängig dank Master

Damit war ich nicht alleine. Auch bei meinen Freundinnen, die sich nach dem Bachelor ins Arbeitsleben stürzten, machte sich bald Ernüchterung breit. Zwar genossen sie ihr selbstbestimmtes Leben, aber sie fürchteten sich, den Anforderungen der Arbeitswelt längerfristig nicht genügen zu können. Viele unserer Gespräche kreisten um die Suche nach der beruflichen Orientierung und darum, wo wir unseren Platz als junge Akademikerinnen in der Gesellschaft sehen. «Ich möchte mein Leben selbst finanzieren können und nicht von einem Mann abhängig sein», kam eine meiner Freundinnen zum Schluss. Eine andere meinte: «Ich strebe nach einer Kaderposition, dafür muss ich weiter in meine Ausbildung investieren.» Ein Master-­Studium schien uns unumgänglich. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass mein Entscheid zum Master-Studium allein auf Wissbegierde beruhte. Natürlich wollte ich meine Kenntnisse vertiefen. Doch sehnte ich mich auch danach, mir eine möglichst gute Ausgangslage für eine künftige Karriere zu verschaffen. Zuletzt trieb mich das Bedürfnis nach ­Sicherheit zurück an die Uni.

50 Prozent arbeiten und nebenbei den IA Master in St. Gallen absolvieren: Das war der Plan. Nur Studieren kam für mich nicht infrage. Dank meinem frühen Berufseinstieg hatte ich mich an einen gewissen Lebensstil gewöhnt: ­eigene Wohnung, gelegentliche Abend­essen in Lieblingslokalen, ab und zu ein verlängertes Wochenende. Mir gefiel meine neu gewonnene finanzielle Unabhängigkeit, und ich war nicht bereit, ­alles schlagartig wieder aufzugeben. Auch meinen Job als Redaktorin wollte ich nicht an den Nagel hängen, hatte ich doch bereits viel Zeit und Energie darin investiert. Der Fuss musste in der Tür bleiben. Mein beruflicher Werdegang sollte durch das Studium nicht zum Erliegen kommen – viel eher sollte er vorangetrieben werden.

Es dauerte nicht lange, und die Doppelbelastung machte sich bemerkbar. Zwei Sachen, die besonders schmerzten: Ich hatte weniger Geld und weniger Freizeit. Mehrmals die Woche pendelte ich zwischen Zürich und St. Gallen. Jeweils zwei bis drei Tage war ich in der Redaktion und an der Uni verpflichtet, Nachtschichten wurden unumgänglich. Die verbleibende Zeit musste ich wohlüberlegt einsetzen. Das doppelte Pensum liess mich nicht nur längere und immer ausgefeiltere To-do-Listen schreiben – es zwang mich auch zu einer effizienteren Arbeitsweise und dazu, Prioritäten zu setzen. Ich lernte, mich auf Wesentliches zu konzentrieren. Wie sich jetzt zeigt, sind das Kompetenzen, die nicht nur die Vereinbarkeit der beiden Welten vereinfachen, sondern auch im Beruf von grossem Nutzen sind.

Alltag und Abwechslung

Doch auch wenn die Doppelbelastung Job und Studium anstrengend ist und viel Disziplin erfordert – das Zusammenspiel ist spannend, abwechslungsreich und bereichernd. So bin ich an einem Tag die Journalistin, die Fragen stellt, und am anderen die Studentin, von der Antworten erwartet werden. Fordern mich redaktionelle Deadlines und die Verantwortung im Job, finde ich in der Anonymität und Unverbindlichkeit des Unialltags Pause und Zerstreuung. Raucht mir der Kopf vor Seminararbeiten, bietet mir die Arbeit in der Reaktion den nötigen Abstand. Gerade dieses Hin und Her schätze ich. Es erlaubt mir, beide Welten von aussen zu betrachten.

Jetzt, am Ende meines Master-Studiums, erkenne ich, dass die Befürchtungen meiner Freundinnen und mir zu wenig differenziert waren. Unsere Generation sucht den Erfolg und ist so gut ausgebildet wie keine zuvor. Es wird immer andere geben, die uns überholen werden. Dennoch haben wir heute unzählige Möglichkeiten, uns beruflich zu verwirklichen, auch zu einem späteren Zeitpunkt. Wichtig ist also nicht, welchen Weg wir einschlagen, sondern dass wir ihn einschlagen und dass wir von ihm überzeugt sind. Denn nur dann sind wir bereit, volle Leistung zu zeigen und Opfer zu bringen. Auch wenn der Weg zum Ziel voller Hürden ist, lohnt sich die Mühe, denn am Ende werden wir zurückblicken und sagen: «So schwer war es nun doch nicht.»

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