Es gilt das diktierte Wort

Die Schweiz lamentiert über die Akademisierung aller möglichen Berufe. Ihre kaum zur Kenntnis genommene Kehrseite ist aber die Entakademisierung der Universitäten.

Das Individuelle und Singuläre zählt nicht: Studierende im Lichthof der Universität Zürich. Foto: Reto Oeschger

Das Individuelle und Singuläre zählt nicht: Studierende im Lichthof der Universität Zürich. Foto: Reto Oeschger

Peter Schneider@PSPresseschau

Das Erste, was Christiane Florin an ihren Studenten auffiel, «waren diese grossen Wasserflaschen aus Plastik». Statt an den Brüsten der Weisheit ihrer Alma Mater nuckele die heutige Studentengeneration lieber an der PET-Flasche, stellte die Bonner Lehrbeauftragte für Politische Wissenschaft entsetzt fest. Und schrieb, ausgehend von dieser Beobachtung, prompt ein Büchlein zur grossen Rätselfrage: «Warum die Studenten so angepasst sind.» Es ist gewiss unterhaltsam, die Ressentiments der grassierenden Studentenschelte – Bulimie-Lernen, Fixierung auf Prüfungsrelevanz, Unselbstständigkeit, Credit-Point-Fetischismus, kattastrofale Ottografie – immer wieder aufs Neue zu bedienen.

Wichtiger aber ist es, die Anpassung der Universitäten in den Blick zu nehmen, denn die angepassten Studenten sind ja nur das letzte Glied in der akademischen Nahrungskette. Ich meine die Anpassung an die Ideologie der Universität als Wissensverwertungsmaschine. Das Wort klingt hässlich. Nach angestaubter Systemkritik, unzeitgemässer Bildungsnostalgie und anderen typisch linken Marotten. Exzellenzverachtend und MINT-Fächer-feindlich. Kurz: Nach allem, was wir im globalen Wettbewerb um «die Besten» («war for talent») so sicher brauchen wie einen Pickel auf der Nase oder noch mehr Studenten der Filmwissenschaft, der Psychologie, der Ethnologie, der Sozialgeschichte oder der Literatur.

Kein spontaner Diskurs

Aber die universitäre Bildungsrealität hat eben auch ihre hässlichen Seiten. Zum Beispiel die weitgehende Auflösung des Zusammenhangs von Forschung und Lehre auf der Bachelorstufe. Was die Studenten hier in der Regel geboten bekommen, ist die Verdünnung von Lehrbüchern zu Powerpoint-Präsentationen, die dann als Grundlage für die Prüfungsvorbereitungen dienen. Oder die Abschaffung der Präsenzpflicht in einigen deutschen Bundesländern: Keine Präsenzpflicht heisst nicht etwa, dass man als Dozent keine lästigen Anwesenheitslisten führen muss; sondern, dass die Studenten einen Rechtsanspruch darauf haben, nicht zu einer Veranstaltung erscheinen zu müssen, um eine abschliessende Prüfung zu bestehen.

Mit anderen Worten: Was nicht im Lehrbuch oder auf der Folie steht, muss nicht gewusst werden. Was im Seminar oder der Vorlesung diskutiert wird, ist «off the record» gesprochen. Und irrelevant für das, was man in den Prüfungsordnungen und Modulplänen unter dem Studium des jeweiligen Fachs versteht. Diese Massnahme versteht sich als «inkludierend», das heisst, dass auch Studenten mit Kindern dann studieren können sollen, wenn sie die Zeit dazu finden – und nicht, wenn das Seminar statt­findet. Das ist nett gemeint. Und vor ­allem billiger, als an der Universität Betreuungs­möglichkeiten einzurichten.

Was diese Art der Inklusion jedoch exkludiert, ist der spontane Diskurs. Wer als Dozent ein Pflichtmodul unterrichtet, ist dazu aufgefordert, jedes Jahr dasselbe zu erzählen – um der Vergleichbarkeit des Studiums und der Prüfungsgerechtigkeit willen. Den Inhalt eines Moduls zu ändern, ist ein Akt, der dem Versetzen eines Berges gleicht. Die Freiheit der Wissenschaft stellt man sich anders vor. Kein Wunder, dass die Studenten wie die Professoren ihre Anwesenheit im Hörsaal als Last und nicht als intellek­tuelles Vergnügen empfinden. Die Professoren stören die Studenten in ihrem Lernrhythmus, und die Studenten die Professoren beim ungestörten Forschen und Denken (Ausnahmen, die manchmal sogar ganze Fächer be­treffen, bestätigen die Regel). Wenn geforscht wird, dann geht das in der Regel nicht mehr ohne die «Einwerbung» von sogenannten Dritt­mitteln. Dabei handelt es sich um Geld, das ausserhalb der Universität – bei «der Wirtschaft» – aufgetrieben werden muss; oder halt um Geld, das man als Vertreter eines Fachs, das nun wirklich zu gar nichts nutze ist, beim Nationalfonds beantragen kann. Die Forschung verkrümelt sich so in einzelne «Institute», denen die Universität als eine Art Holding dient und zu denen ein Erstsemester keinen Zutritt hat. Selig, wer Geld generiert. Pech hat, wer auf die Mittel der Universität selbst angewiesen ist.

Während man bei uns vor allem über die zunehmende Akademisierung aller möglichen Berufe lamentiert, ist die Entakademisierung der Universitäten weit fortgeschritten. Wenn der Bachelorabschluss als Ausweis der Berufsfähigkeit («Employability») fungieren soll, dann haben Elemente der historischen Reflexion von Erkenntnissen keinen Platz. Dabei bedeutet Praxisbezug in der Universität nicht vor allem, eine Berufsausbildung zu erhalten; sondern, Kenntnisse und Erfahrungen mit der wissenschaftlichen Praxis, ihrer Geschichte und ihren Veränderungen zu erwerben. Und zwar nicht nur auf den drei ersten Pflichtfolien zu den verstorbenen Grössen des Fachs.

Zur Abschreckung

Auf Bachelorstufe aber schreitet die Wissenschaft unbeirrt im Gleichschritt mit den Auflagen der Lehrbücher voran. Als «Take-away» in der Randspalte mit den Kurzfassungen des Lauftexts eines Lehrbuchs zur Entwicklungspsychologie finden sich dann solche Sätze zum Einprägen: «Die Entstehung von Geschlechtsunterschieden kann am ehesten durch ein Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren erklärt werden.» Merke! Bildung als Chance? Eher: Studium als Bewährungsstrafe dafür, dass man es überhaupt angefangen hat.

Man sagt, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Psychologiestudenten das Fach gewählt habe, um mit dessen Hilfe besser der eigenen Knorze Herr zu werden. Solche Psycho-Flausen werden den Studenten schnell ausgetrieben, indem man zuerst einmal Statistik zu lernen hat. Statistik ist gewiss ein hochinteressantes Gebiet, das auch Erstsemester tatsächlich begeistern könnte – wenn man es denn nicht oftmals als Disziplinierungs- und Abschreckungsinstrument einsetzen würde, um den Studenten klar zu machen, dass unquantifizierbare Subjektivität, alles Individuelle und Singuläre, nicht zählt.

Wie soll ein Studium bei den Studenten Begeisterung für ein Fach wecken, wenn Bildungspolitiker ihnen vor allem damit in den Ohren liegen, dass die Qualität der Matura stetig sinke, dass ein Drittel der Maturanden gar nicht studientauglich sei, dass die jungen Leute vor allem nur deshalb studieren wollten, weil ihre Helikopter-Eltern vom Akademisierungswahn befallen seien, und dass eine Berufslehre ohnehin besser sei? Anders ausgedrückt: Dass sie besser gar nicht an der Uni sein sollten. Da steht einer als Neuling verloren in der Uni und muss sich vorkommen, als sei er ins Assessment-Training der Navy Seals geraten: Nur die Fittesten werden es schaffen. In manchen Fächern und an manchen akademischen Einrichtungen ist man geradezu stolz auf die Durchfallquote, so, als handle es sich dabei um einen universitären Leistungsausweis. Wer ein freundliches, ermutigendes und aufmunterndes Wort bräuchte, dem wird der Eindruck vermittelt, eine fatale Fehlentscheidung getroffen zu haben, noch bevor er überhaupt einen Hörsaal von innen gesehen hat. Die allgegenwärtige Rhetorik, wonach man nur die Besten der Besten für ein Studium brauchen könne, sorgt allein schon aus statistischen Gründen dafür, dass sich ungefähr 95 Prozent eines Jahrgangs als überflüssig und unerwünscht vorkommen müssen. Denn wie immer man auch selektioniert, die Gausssche Kurve der Normalverteilung hat ihre quantitative Spitze halt immer rund ums Mittelmass (das gilt nicht nur für die Studenten, sondern auch für die Lehrenden). Aussergewöhnliche Gedankenblitze sind per definitionem die Ausnahme, solides Denken ist (hoffentlich) die Regel. Aber wo es Ausrutscher nach oben gibt, da gibt es auch solche nach unten.

Das alles wäre der eifrig produzierten Aufregung nicht wert, wenn nicht ständig evaluiert und gerankt würde – eine Übung, die so kindisch ist wie der Wettbewerb unter Geschwistern, wer sein Tellerchen zuerst leer gegessen hat.

Wenn das Erdöl kommt

Man geht also gerne auf die Studenten los, statt die latent antiintellektuelle Bildungs­feindlichkeit der Bildungspolitik zu denunzieren. Die schielt einerseits ängstlich darauf, «was die Wirtschaft braucht», und kokettiert andererseits mit der Ankurbelung der Produktion von Nobelpreisträgern. Und in diesem Zwischenraum zwischen Aus­bildung auf der einen und Spitzen­forschung auf der anderen Seite möchte sie am liebsten nicht mit der Glockenkurve belästigt werden, welche die real existierenden Studenten beschreibt. Aber auf wen soll man denn sonst los­gehen? Studen­ten kommen und gehen. Mit dem Universitätssystem hingegen muss man sich arrangieren, wenn man sich dort auf Dauer einrichten will.

Dies ins Poesiealbum all jener Politiker, die das Wort «Bildung» offenbar nicht aussprechen können, ohne sogleich beschwörend das Mantra von «unserer wichtigsten Ressource» hinterherzuschicken. Nicht auszudenken, was passierte, wenn man unter dem Mittelland einen riesigen Erdölsee entdeckte.

Peter Schneider ist Psychoanalytiker, Lehrbeauftragter am Psychologischen Institut der Uni Zürich und TA-Autor.

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