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Die Angst vor der Vergewaltigung reist mit

Mit einer teuren Kampagne hat Indien den Tourismus auf 6,6 Millionen Besucher gesteigert. Doch wegen der vielen Meldungen von sexuellen Übergriffen suchen Reisende nun nach Alternativen – vor allem Frauen.

In Indien vergeht kein Tag ohne Schlagzeilen über Vergewaltigungen: Inderinnen demonstrieren in Mumbai gegen die sexuelle Gewalt. (August 2013)
In Indien vergeht kein Tag ohne Schlagzeilen über Vergewaltigungen: Inderinnen demonstrieren in Mumbai gegen die sexuelle Gewalt. (August 2013)
Reuters
In den acht Monaten seit der Gruppenvergewaltigung hat sich in Indien etwas getan: Mahnwache in Delhi. (29. Dezember 2012)
In den acht Monaten seit der Gruppenvergewaltigung hat sich in Indien etwas getan: Mahnwache in Delhi. (29. Dezember 2012)
AFP
Der Fall löste heftige Proteste auf der ganzen Welt aus. Vor allem in Indien gingen Tausende Menschen auf die Strassen. (29. Dezember 2013)
Der Fall löste heftige Proteste auf der ganzen Welt aus. Vor allem in Indien gingen Tausende Menschen auf die Strassen. (29. Dezember 2013)
AFP
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Judith Jensen hat eine lange Liste von Dingen, die sie bei ihrer Indien-Reise nicht tun will: Die dänische Touristin wird sich kein Taxi heranwinken, nicht in zweifelhaften Hotels absteigen und vor allem nicht nach Einbruch der Dunkelheit ausgehen - alles, um nicht Opfer sexueller Gewalt zu werden. «Ich habe so viel über Vergewaltigung in Indien gehört und gelesen, dass ich jetzt ein ständiges Gefühl der Bedrohung habe», sagt die 42-Jährige und bringt damit das Gefühl vieler ausländischer Urlauberinnen in Indien auf den Punkt.

Mit seiner «Incredible India»-Werbekampagne hat das indische Tourismusministerium die Zahl ausländischer Besucher in den vergangenen Jahren auf durchschnittlich 6,6 Millionen jährlich gesteigert. Doch die Erfolge werden durch den im Ausland wachsenden Eindruck gefährdet, Indien sei kein sicheres Reiseziel - vor allem für Frauen.

Ein rettender Sprung aus dem Fenster

Die tödliche Gruppenvergewaltigung einer jungen Studentin in Neu Delhi im Dezember machte international Schlagzeilen und warf ein Schlaglicht auf das Ausmass der sexuellen Gewalt gegen Frauen in Indien. In den folgenden Wochen verstärkte eine Reihe von Übergriffen auf Ausländerinnen das Gefühl der Unsicherheit noch.

In der Nacht zum Samstag wurde eine Schweizer Fahrradtouristin in zentralen Bundesstaat Madhya Pradesh vor den Augen ihres gefesselten Ehemanns von mehreren Dorfbewohnern vergewaltigt und ausgeraubt. Im Januar wurde eine südkoreanische Studentin im selben Bundesstaat betäubt und vergewaltigt. Täter war der Sohn des Besitzers des Hotels, in dem sie wohnte. Und in der Nacht zum Dienstag sprang eine britische Touristin in Agra aus Angstvor einem sexuellen Übergriff aus dem Fenster ihres Hotelzimmers, als zwei Männer versuchten, sich Zugang zu verschaffen.

Warnung vor sexueller Gewalt

Es gebe keinen Grund zur Sorge, betonen die indischen Behörden. Ausländer würden überall auf der Welt Opfer von Kriminalität, und die Mehrheit der ausländischen Indien-Besucher erlebe keine Übergriffe. Doch viele Länder betonen die Notwendigkeit von Vorsichtsmassnahmen bei Indien-Reisen. Das Auswärtige Amt in Berlin ergänzte am Montag seine Reisehinweise: Der Rat, dass Reisende, insbesondere Frauen, sich in Indien «stets von Vorsicht leiten lassen» sollten, wurde durch den Einschub «insbesondere vor dem Hintergrund zuletzt vermehrt berichteter sexueller Übergriffe» erweitert.

Das US-Aussenministerium fordert Touristinnen zur Beachtung «strenger Sicherheitsvorkehrungen» auf. Sie sollten - vor allem nachts - nicht allein Taxi fahren. Das Schweizer Aussenministerium warnt seit vergangenem Monat in einem Reisehinweis vor zunehmender sexueller Gewalt in Indien und rät Touristen, nur in grossen Gruppen und mit örtlichen Fremdenführern zu reisen.

Ein Minister von Madhya Pradesh forderte gar, Ausländer müssten sich stets auf den örtlichen Polizeistationen melden und ihre Reisepläne bekannt geben - ein wenig realistischer Vorschlag, wenn man wie viele Urlauber zahlreiche Städte in wenigen Tagen besucht.

Bali oder Thailand als Alternative

Die dänische Urlauberin Jensen, die mit ihren blonden Haaren beim Ausflug auf einen Markt in Neu Delhi sofort auffällt, erinnert sich noch an eine sorglose Reise als Rucksacktouristin durch Indien vor gut zehn Jahren. Diesmal ist sie mit ihrer zehnjährigen Tochter unterwegs, und alles ist anders: Ihr Mann erkundigt sich mehrmals pro Tag per SMS besorgt nach dem Wohlergehen der beiden.

«Es ist ganz klar, dass die Berichte über Vergewaltigungen Folgen für die Besucherzahlen haben werden», sagt die 42-Jährige. «Viele Frauen werden lieber nach Bali oder Thailand fliegen, wo es weniger Sicherheitsbedenken gibt.»

AFP/wid

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