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Wie beim Looping auf der Achterbahn

Das Rhönrad ist ein Sport für Leute, die gerne Achterbahn fahren und keine Vorurteile haben.

«Iss dann nicht zu viel Znacht, sonst kommts wieder hoch», spöttelt der Kollege, als ich mich am Mittwochabend auf den Weg in die Turnhalle Buchholz in Thun mache. Auf dem Programm steht Rhönradfahren. Dabei, sagt er, soll es einem schwindlig bis schlecht werden, denn auf diesem Rad sitzt man nicht, sondern man steckt mittendrin – des Öfteren kopfüber.

Vor der Halle warten einige Mädchen, die sich angeregt über ihre «Kür» an der kommenden Schweizer Meisterschaft unterhalten. Sie sprechen nie von «fahren», sondern immer von «turnen». Später schwant mir warum: Die Mädchen absolvieren im und am Rad Übungen, die mir noch vom Geräteturnen bekannt sind – Felgaufzug, Rundschaukeln und Saltoabgang. Einziger Unterschied: Sie tun dies nicht an einer immobilen Stange, sondern an einem Rad aus zwei Reifen, das beinahe ständig in Bewegung ist – was die ganze Sache natürlich um einiges schwieriger gestaltet.

Oh oh, am Reck war ich noch nie gut. Trainerin Maja Wagner hat aber zum Glück Erfahrungen mit blutigen Anfängern. Erst muss ich von Holm zu Holm laufen und rolle so mit dem Rad durch die Halle. Viele einfache Übungen später schliesslich befestigt Maja meine Füsse in einer Bindung, während ich mich mit den Händen an den Holmen festhalte. Das Hallenfenster reflektiert mein Spiegelbild: Es erinnert mich an Leonardo da Vincis Zeichnung vom Goldenen Schnitt – und das sieht gar nicht so schlecht aus. Dann setzt Maja das Rad in Bewegung, und bald bin ich kopfüber wie beim Loo-ping auf der Achterbahn. «Strecken, strecken», ruft sie , und ein Blick ins Fenster bestätigt: Der Goldene Schnitt ist zu einer krummen Banane geworden.

«Körperspannung ist das Wichtigste beim Röhnradturnen», sagt Maja. Und auf meine Frage, ob man das als Erwachsene überhaupt noch lernen könne, meint sie: «Doch doch, ich selbst habe auch erst mit dreissig begonnen.» Allerdings lerne man als Kind schon viel schneller. Und wie steht es mit den Gefahren? «Wer sich nicht konzentriert, fährt sich schon mal über die Hände – aber das macht man höchstens einmal», sagt Markus Wagner, der Ehemann von Maja, der ebenfalls als Trainer amtet. Auch blaue Flecken kann es geben, wie ein Blick auf die Beine der Mädchen beweist. Egal. Der Spass ist ihnen anzusehen, vor allem bei einer Übung, die sich Spirale nennt und bei der zwei Mädchen aufs Mal im Rad stehen und es gleich einem überdimensionalen Fünfliber tellern lassen – wie eine Berg- und Talfahrt auf der Chilbi.

Erstaunlich, dass sich das die Knaben freiwillig entgehen lassen und Rhönrad als Mädchensport abtun. Vorurteile haben schon viele von ihrem Glück abgehalten: wie zum Beispiel meinen Kollegen, der nicht weiss, dass Rhönradturnen gar nicht schwindlig macht.

Kontakt: wagner.maja@bluewin.ch, Telefon 033 335 58 93.

Schweizer Meisterschaft im Rhönrad: Turnhalle Progymatte Thun, Samstag, 15., und Sonntag, 16. November, 11–18 Uhr.

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