Zum Hauptinhalt springen

Macht mein Psychoanalytiker etwas falsch?

Seit einiger Zeit habe ich zweimal wöchentlich Sitzungen bei einem Psychoanalytiker. Ich bin 22 und befasse mich intensiv mit meinem Bewusstsein und Unbewusstsein. Wie weiss ich, ob die Sitzungen eine falsche Richtung nehmen und ob der Psychoanalytiker eventuell einen falschen Ansatz bei mir verfolgt? Muss ich mich da ganz auf mein Gefühl verlassen?H. K.

Liebe Frau K. Was immer eine «falsche Richtung» oder ein «falscher Ansatz» innerhalb einer Psychoanalyse auch bedeuten mag – worauf wollen Sie sich sonst verlassen? Nicht dass ich damit der wissenschaftlich aufgepeppten Gefühlsduselei einer sogenannten «Bauchintelligenz» das Wort reden will, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass aus einer Analyse etwas werden kann, wenn die Analysandin über längere Zeit das Gefühl hat, im falschen Film zu sein bzw. auf der falschen Couch zu liegen. Sowenig ein Orgasmus ein Orgasmus ist unabhängig von dem, mit dem man ihn hat, sowenig ist eine Analyse einfach eine Analyse, gleichgültig, mit wem man sie macht. Eine

Analyse ist nämlich (auch) Geschmackssache. Der Stil, die Rhetorik, ja selbst die Praxiseinrichtung müssen einem passen. «Passen» kann auch bedeuten, dass man das alles irgendwie erfrischend «anders» findet, denn nicht nur Gleich und Gleich gesellt sich bekanntlich gern, auch Gegensätze ziehen sich an. Das hat mit der Analyse selbst noch nicht viel zu tun, ausser, dass natürlich auch die Wahl des Analytikers nicht jenseits der Zuund Abneigungen steht, die einen auch sonst im Leben herumtreiben. Also wird man – beizeiten – auch auf die Bedingungen der Wahl zu sprechen kommen, aber nicht, um sie als «falsche» Voraussetzungen zu denunzieren, sondern um auch in diesem Punkt vielleicht etwas Neues über sich zu erfahren. Zum Beispiel über seine Tendenz, die Analyse selbst zur Befriedigung seines «moralischen Masochismus›» zu benutzen, indem man sie in ein quälendes Beichtverfahren verwandelt.

Aber nun noch einmal zurück zu den «falschen Richtungen» und «Ansätzen»: So etwas könnte es geben, wenn die Psychoanalyse die Form der Anwendung eines allgemeinen Wissens auf einen speziellen Fall wäre: Frau X ist ein Fall von Y, also sollte der Analytiker wie immer in solchen Fällen Z tun. So funktioniert eine Analyse aber (hoffentlich!) nicht. Sondern als ein Pingpong von Rätseln, Fragen, Antworten, Deutungen, die immer (auf und hinter der Couch) vorläufig bleiben – ganz so wie im richtigen Leben, das ja auch keinen Ansatz und keine bestimmte Richtung verfolgt, sondern immer wieder unerwartete Wendungen nimmt. Und wenn doch, dann hilft eben manchmal eine Psychoanalyse, das allzu eingespurte Leben von der Schiene zu hieven, um wieder mehr Raum für Exkursionen ins Unvorhersehbare zu schaffen.

Senden Sie Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch