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Thomas Schenk und der Grosse Runs

Wenn Literaturschauplätze und reale Ortschaften miteinander verschmelzen: auf der Wanderung rund um Einsiedeln mit dem Verfasser des Buchs «Im Schneeregen».

Kurz nach Wanderstart: Rückblick zum Kloster Einsiedeln. Links Fahne mit der Muschel, Motiv der Jakobspilger.
Kurz nach Wanderstart: Rückblick zum Kloster Einsiedeln. Links Fahne mit der Muschel, Motiv der Jakobspilger.
Thomas Widmer
Jesus am Kreuz über Einsiedeln.
Jesus am Kreuz über Einsiedeln.
Thomas Widmer
Fastfoodreklame made in Einsiedeln.
Fastfoodreklame made in Einsiedeln.
Thomas Widmer
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«Mit dem Zug nach Einsiedeln, von dort rasch durch das Dorf, am Marienbrunnen vorbei, am Johannisbächli entlang und gleich in den Chlosterwald, hier nun biblische Gestalten vor Augen, wissen Sie, ich bin auf den Kreuzweg gekommen, der Professor nickt, er kennt den Pilgerpfad, führt steil in die Höhe, beim grossen Kreuz kurz Luft geschöpft, ein schöner Blick aufs Klosterdorf, der aufgenagelte Jesus eigentlich zu beneiden um die Aussicht...»

So, das war Literatur. Ein gewisser Matthias Schwitter spricht da, im Spital, zu seinem Arzt. «Im Schneeregen» heisst die eben erschienene Erzählung, die in und um Einsiedeln spielt. Ihr Verfasser, Thomas Schenk, ist ein früherer Redaktionskollege, und er tut in meinem Wandertrupp «Fähnlein Fieselschweif» mit.

Auf zum Katastrophengebiet

Eine Literaturwanderung drängt sich auf umso mehr, als ich das Buch unheimlich süffig geschrieben finde und grossartig verdichtet. Und also begaben wir uns am Pfingstsamstag mit Thomas nach Einsiedeln es wurde eine hübsche Unternehmung zwischen Kultur und Natur. Bei besagtem Kreuz über Einsiedeln, das wir via Kloster erreichten, stellte uns Thomas seinen Schwitter vor. Dieser überkontrollierte Mensch arbeitet in Zürich in einer Bank und wird immer mehr von seinen Ticks gefangen. Auch die spontane Beatrice kann ihn nicht befreien.

Wir zogen weiter: Friherrenberg, Chälen, Uf em Tritt. Bereits hatten wir viel gesehen. Die Mythen am Horizont. Aber auch, unten bei Trachslau, eine Riesenkiesgrube. Später, auf Amslen, erklärte Thomas, was es mit dem Buchtitel auf sich hat: Schwitter verwickelt sich in eine Besessenheit mit Schneeregen. Zwischen Einsiedeln und Ibergeregg will er das meteorologische Phänomen erkunden, das voralpine Gelände hat dafür die richtige Mittellage. Und es ist coupiert, so dass Schwitter jederzeit schnell höher hinauf oder wieder hinab kann, um im Schneeregen zu bleiben.

Über schweisstreibende Spitzkehren erreichten wir den Amselspitz. Schwitter muss superfit sein, dass er im Pflotsch solche Brutalohalden auf und ab hasten kann. Wir rasteten. Der Jahrhundert-Orkan Lothar von 1999 ist noch präsent: Baumstümpfe und -splitter überall, die anklagend aufragen, dies ist Katastrophengebiet.

Auf der Urweltschrunde passiert es

Vor dem Gschwändstock stoppten wir, stiegen via Stockhütte ab zu einem Forststrässchen. Es umkreist auf mittlerer Höhe den Grossen Runs, einen zum Sihlsee führenden Schlund. Nun vollzogen wir auf dem Strässchens ein U: hinauf zum höchsten Punkt und am Gegenhang wieder abwärts, der Kante des Grossen Runs entlang, dessen Bach ein ungeheures Geschiebefeld angerichtet hat.

In dieser Urweltschrunde, steuerte Autor Schenk bei, passiert es: Schwitter übernimmt sich, kollabiert. Oder war es ein Selbstmordversuch? Jedenfalls findet ihn, an eine Tanne gelehnt und bewusstlos, ein Bauer.

Und wie geht die Sache weiter? Ich empfehle, dass man hier wandert, mit Thomas Schenks Buch im Rucksack. Der Grosse Runs ist eine beeindruckende Geröll- und Erosionswüste im Kontrast zur Sihlsee-Lieblichkeit; muss man sehen. Und «Im Schneeregen» ist eine feine Schweizer Neuerscheinung; muss man lesen. Von Gross unten am Sihlsee fuhren wir im Bus retour nach Einsiedeln, wo Antiheld Schwitter im Krankenhaus erwacht und das Geschehene rekonstruiert. Fazit: Wandern bei Sonnenschein ist schlauer als im Schneeregen.

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