Eine Stadt sieht Orange

In Venedig feierte ein Getränk seinen runden Geburtstag. Warum der bereits 1919 erfundene Aperol sich ausserhalb Italiens erst in den letzten Jahren so richtig etablieren konnte.

Dem typischen Aperol Spritz wird Sekt und wenig Mineralwasser beigemischt. Foto: iStock

Dem typischen Aperol Spritz wird Sekt und wenig Mineralwasser beigemischt. Foto: iStock

Nina Kobelt@Tamedia

Es ist ein Lieblingshobby von Lifestyle-Influencern: Ein Glas mit einer Flüssigkeit über Wasser halten. Oder mit einem Glas mit Flüssigkeit vor Wasser posieren und dabei bedeutungsschwanger in die Ferne starren. Oder auf einem Boot ein Glas mit Flüssigkeit … Sie wissen schon. Ende Juni in Venedig sah man viele von ihnen, manche fielen vor lauter Verrenkungen fast in den Canale Grande. Zwar machten die Szenen auch dort keinen Sinn, sahen aber sehr hübsch aus. Das war dem Anlass geschuldet: Aperol, das orangste aller orangen Getränke, feierte Geburtstag, hundert Jahre, in Padua, wo es ursprünglich herkommt, und im nahen Venedig, wo der Drink jahraus, jahrein auf jedem Apero-Tischchen steht.

Wenn ein Drink den Namen Spätzünder verdient hätte, wäre es der Aperol Spritz. Vor hundert Jahren schon haben zwei Brüder das orange Gesöff erfunden. Doch erst in den letzten Jahren beginnt er, sich auch ausserhalb Italiens zu etablieren. Natürlich, weil er so unglaublich instagrammable ist. Doch da ist noch mehr: Er versprüht mit seiner Farbenfröhlichkeit eine gewisse Italianità. Seine Volumenprozente halten sich in vornehmen Grenzen (11 Prozent). Und auf einer Bacaro-Tour durch Venedig – einer Beizentour, auf der es Häppchen, Cicchetti, gibt – macht er sich einfach gut. Visuell und geschmacklich.

Alle kommen damit zurecht

Die Campari-Gruppe, zu der das Getränk heute gehört, feierte Aperols Geburtstag mit grossem Tamtam. Mit Konzerten auf der Piazza San Marco, mit Sofas, welche Künstler für den Getränkehersteller gestaltet haben, sowie einem Comic, der die Geschichte der Spirituose, die wegen ihrer Tiefprozente gar keine ist (nach EU-Recht sind 15 Alkoholprozente vonnöten), veranschaulicht. Die ganze Chose gestaltete sich recht medienwirksam, und das ist vor allem dem scheinbaren Geltungsbedürfnis von Aperol zu verdanken: Man kann ihn einfach nicht übersehen. Weder an einer Bar noch am Tischchen noch in der Dunkelheit auf der Rialtobrücke.

Luigi und Silvio Barbieri hatten 1912 von ihrem Vater ein Spirituosengeschäft übernommen und, so will es die Legende, sieben Jahre lang getüftelt, bis sie den Aperol so hatten, wie sie ihn wollten. An der internationalen Messe von Padua präsentierten sie das Getränk erstmals – und empfahlen, es vor dem Essen einzunehmen.

Ein Drink, den jeder hinkriegt

Beide waren Sportfans; Silvio war Ende der 20er-Jahre gar kurz Präsident des heutigen Drittligisten Calcio Padova, der damals in der Serie A spielte. Sportlern soll das Getränk auch besonders gefallen haben, weil es sich auf einem hochprozentigen Markt als etwas Leichtes abgehoben hat. Was drin ist, bleibt ein Geheimnis, es soll eine Mischung von Kräutern, Rhabarber, Zimt, Chinarinde, gelbem Enzian und Bitterorange sein.

Viel wichtiger: Aperol Spritz ist, ähnlich wie ein Pimm’s in England, dem Ginger Ale und Früchte beigemischt werden, etwas, das selbst die doofsten Barkeeper hinkriegen. Zu beachten ist dabei einzig, dass man zuerst den Sekt ins Glas gibt und erst dann mit einem gleichen Teil Aperol auffüllt, sonst vermischt sich das Ganze etwas mühselig. Zum Schluss einen Spritz Mineralwasser (diese Tradition hatten die Österreicher im vorletzten Jahrhundert in Venedig eingeführt – sie versetzten den Wein mit Wasser) und – wenn es die Saison zulässt – einen Schnitz Orange.

Salbeimäuschen zum Spritz

Aperol Spritz wäre nun einfach ein sehr hübscher Drink, wenn da nicht der Bacaro wäre. Eigentlich etwas zwischen einer Osteria und einer Weinbar, steht der Begriff sinnbildlich dafür, was in Venetien Lebensart ist: Man trifft sich mit Freunden auf einen Drink und auf Häppchen. Oft Stockfisch, er wird als Creme serviert, auf Crostini oder als Salat. Kräuteromeletts und Fleischbällchen oder Folpetti, kleine Tintenfische und Wursträdchen.

Man muss aber nicht unbedingt nach Venedig fahren, um einen Bacaro-Moment zu erleben. Denn zu jedem Spritz werden Salvia Fritta gereicht. Salbeimäuschen heissen sie bei uns und sind einfach herzustellen (und sehen in ihrer noblen Blässe auch auf Instagram gut aus). Das Rezept stammt aus dem Kochbuch «Venedig. Die Kultrezepte» von Laura Zavan (AT-Verlag): 1 Ei verquirlen, 100 g Mehl zufügen und mit 200 ml kaltem Mineralwasser verdünnen, bis ein glatter, ziemlich dicker Teig entstanden ist. 1 l Frittieröl in einem weiten Topf auf 180 Grad erhitzen. 30–40 Salbeiblätter jeweils in den Ausbackteig tauchen und von beiden Seiten goldbraun frittieren. Auf Küchenpapier abtropfen lassen. Salzen und sofort servieren oder im 180 Grad heissen Backofen warm halten.

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