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Die Milch hat ihre Unschuld verloren

Von Kleopatra bis «A Clockwork Orange»: Das Imageproblem der Milch bringt auch kulturell einiges durcheinander. Doch was soll man stattdessen trinken?

Die Symbolkraft verändert sich: Im Film «A Clockwork Orange» zeigt die Milch noch das Spannungsfeld zwischen kindlicher Unschuld und Boshaftigkeit auf. Foto: Mary Evans (Imago Images)
Die Symbolkraft verändert sich: Im Film «A Clockwork Orange» zeigt die Milch noch das Spannungsfeld zwischen kindlicher Unschuld und Boshaftigkeit auf. Foto: Mary Evans (Imago Images)

Dieser Milchporno der Sängerin Fergie grenzte schon im Jahr 2016 an groben Unfug. Aber es wäre doch interessant zu sehen, welche Reaktionen so eine Laktoseorgie heute auslösen würde. Gemeint ist das Video zum Song «M. I. L. F $», in dem die frühere Sängerin der Black Eyed Peas einen attraktiven ­Milchmann im Lieferwagen durch eine Kleinstadt voller «Milfs» fahren lässt. Bei Fergie steht diese Abkürzung jugendfrei für: «Moms I’d like to follow», dazu zählen die Models Alessandra Ambrosio, Chrissy Tei­gen sowie Kim Kardashian.

Im Weiteren wird an Milch­flaschen genippt, Milch in den Ausschnitt gekippt oder darin gebadet. Kim Kardashian duscht halb nackt in einer ­Milchfontäne. Dass hier Mütter zwischen Kind, Stillen und Karriere gefeiert werden sollten, kaufte der Sängerin schon damals keiner ab. Eher ging es wohl darum, sie noch ein bisschen sexier zu inszenieren. Das allgemeine Echo damals: Kipp dir deinen gequirlten, pseudofeministischen Quark sonst wo hin.

Vor allem die Hafermilch der schwedischen Marke Oatly gilt nun als «sexy».

Heute würden die ­Milf-Mägde vermutlich einen Shitstorm in den sozialen Netzwerken aus­lösen, der weniger mit Sexismus als vor allem mit Veganismus und Nachhaltigkeit zu tun hätte. Die Milch hat ja derzeit ein gewisses Imageproblem. Nachdem sie Generationen von Kindern förmlich eingetrichtert wurde, weil sie reich an Kalzium, Eiweiss, Mineralstoffen ist und die Werbung mit «einer extra Portion» Milch sogar verzuckerte Schokolade verkaufen konnte, steht sie nun bei Teilen der ­Gesellschaft auf dem Index. Nicht nur könnten Menschen normale Kuhmilch nicht mal gescheit verdauen, heisst es immer häufiger – sie zu trinken sei zudem Tierquälerei und eine Zumutung für das Klima.

Im Gegenzug ist der Konsum von Ersatzprodukten wie Reis-, Soja- oder Mandelmilch bekanntlich in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Vor allem die Hafermilch der schwedischen Marke Oatly gilt nun als «sexy». In New York war die Nachfrage 2018 so gross, dass es zeitweise zu Lieferengpässen mit verzweifelten Hafer-Latte-Trinkern kam. Wehe dem, der das gute Getränk einfach so, Kim-Kardashian-like, verschwendet.

Sogar Kleopatra badete in Milch – für samtweiche Haut

Aber wenn sich nun die Wahrnehmung von (Kuh-)Milch wandelt, wie verändert das ihre ­ästhetische Konnotation? Milch war ja nie einfach nur ein Getränk, sondern wie Bier oder Champagner angereichert mit jeder Menge Bedeutung. Schon bei den Griechen stand sie symbolisch für Schöpfung: Die Milchstrasse soll der Sage nach durch einen Spritzer aus der Brust der Göttin Hera entstanden sein, als sie Herkules stillte. Dann war da das berühmte Schönheitsritual von Kleopatra, die in Milch badete, weshalb weisse Tropfen jahrelang in Zeitlupe in Duschgelrezepturen flogen, die unsere Haut samtweich machen sollten. Milch war durch und durch: gut.

Und dann wurde sie in den Neunzigern sogar noch eine Spur erotisch. Kate Moss, Naomi Campbell, Heidi Klum oder Christian Bale im Batman-Kostüm – sie alle warben in der ­legendären «Got Milk»-Werbekampagne mit einem kleinen Milchbart für den Konsum dieses eigentlich so uncoolen Kinderdrinks. Vor ein paar Jahren wurde die Kampagne eingestellt, offenkundig, weil sich die amerikanische Milchwirtschaft das Marketing nicht mehr leisten konnte. Mittlerweile wäre es wahrscheinlich ohnehin schwierig, noch Testimonials für das Produkt zu gewinnen.

Wer heute in einem trendbewussten Coffeeshop auf die Frage, welche Milch man für seinen Kaffee bevorzuge, unbedarft mit «normale» oder gar «Vollmilch» antwortet, wird bisweilen argwöhnisch betrachtet. In der Schweiz ist der Milch-Pro-Kopf-Konsum zwischen 2007 und 2017 von 63,4 auf 51,9 Kilogramm zurückgegangen; Amerikaner trinken im Vergleich 40 Prozent ­weniger als Mitte der Siebziger. Kuhmilch zu trinken, ist auf dem Weg, einen ähnlichen Ächtungsgrad zu erreichen wie Rauchen, Dieselfahren oder in Alufolie gewickelte Schulbrote.

War auch James Deanein Milchbubi?

Vor allem im Film bringt die veränderte Rolle der Milch ein ganzes Zeichensystem ins Wanken. Dort waren es häufig ja gerade nicht die klassischen Milchbubis, die vor der Kamera zu diesem ­Getränk griffen. James Dean hält sich nach dem Autorennen mit tödlichem Ausgang in «Denn sie wissen nicht, was sie tun» verzweifelt eine kalte Milchflasche an die Schläfe, setzt sie an und stürzt dann hastig grosse Schlucke davon hinunter – Sinnbild dafür, dass wir es hier eigentlich noch mit einem Halbstarken zu tun haben.

Auch die jugendlichen Hauptdarsteller in Stanley Kubricks «A Clockwork Orange» trinken nicht zufällig (mit was auch immer versetzte) Milch, bevor sie sich ihrem Gewaltrausch hingeben. Die weisse Flüssigkeit sorgte verlässlich für ein optisches Spannungsfeld zwischen kindlicher Unschuld und einem bösen oder verkorksten Charakter. Ob Jean Reno in «Leon der Profi», Javier Bardem in «No Country for Old Men» oder Christoph Waltz in «Inglorious Basterds» – bevor sie jemanden erledigen, genehmigen sie sich erst einmal ein schönes Glas Milch. Echte Helden wie James Bond hingegen nehmen einen echten Drink, natürlich mit Alkohol.

Der Philosoph sprichtvon einem Anti-Wein

Schon der französische Philosoph Roland Barthes schrieb in «Mythen des Alltags» von Milch als «Anti-Wein», der in seiner «Reinheit, in Verbindung mit der kindlichen Unschuld, auch als Zeichen einer unverzerrten, ungehemmten, vielmehr ­ruhigen, makellosen, durchsichtigen Kraft in voller Harmonie mit der Wirklichkeit» gesehen werden könne. Wahrscheinlich hätte sich Bar­thes nie träumen lassen, dass Milch mal vom «Anti-Wein» zum «Anti-Getränk» mutieren ­könnte. Die nächste Filmfigur jedenfalls, die ein Glas Milch trinken wird, zeigt keine Brüche – sondern eben nur, dass sie wirklich ein bisschen böse ist.

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