Einschalten zum Abschalten

Hiesige TV-Sendungen übers Essen machen nicht gerade Appetit auf mehr. Sechs aktuelle Formate, bei denen es sich trotzdem lohnt, hineinzuschauen.

Kochen vor Publikum: Auch bei den «Landfrauen» – hier in einer Finalsendung – nicht immer so spannend. Foto: Ueli Christoffel (SRF)

Kochen vor Publikum: Auch bei den «Landfrauen» – hier in einer Finalsendung – nicht immer so spannend. Foto: Ueli Christoffel (SRF)

Nina Kobelt@Tamedia

Rindstatar mit Trüffeln, Mascarpone-Creme, pochiertem Eigelb und Butterbrioche. Sandro Zinggeler kocht das Ganze in 4 Minuten, die Zeit drängt. Das Rezept stammt aus einer Folge «LandliebeTV», während einer Viertelstunde wird dem Publikum, das am Sonntagabend auf Sat 1 hängenbleibt, das Hotel Giessbach nähergebracht. Koch Sandro Zinggeler, der sich selber als Foodartist bezeichnet, ist Kopf dieser Heimatsendung und bereitet am Schluss jeweils ein Menü zu, das thematisch passt und die besuchte Region untermalen soll. Für genaue Erklärungen und Tipps bleibt – auch zu Zinggelers Bedauern – keine Zeit.

Das fällt auf bei Kochsendungen mit Schweizer Protagonisten: Es geht nie einfach nur ums Kochen. Alle Shows verfolgen einen Zweck, der in den meisten Fällen finanziellen Regeln unterliegt, sprich: Satt und zufrieden müssen am Schluss vor allem die Sponsoren sein, nicht unbedingt die Zuschauer. Löbliche Ausnahmen gibt es, zum Beispiel wenig überraschend beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen: SRF versucht mit rührender Ernsthaftigkeit, dem Publikum Land und Leute näherzubringen. Die Folge davon: Die «Landfrauenküche», in der es um regionale Spezialitäten gehen soll, ist am Ende mehr abendfüllender Heimatfilm denn Kochsendung. Das ist zwar total entspannend, aber wenig interessant für Hobbyköche.

Warum kocht ihr nicht einfach etwas – und gut ist?

Bei «Swiss Dinner» geht es theoretisch wirklich nur ums Kochen (und Essen). Doch auch in dieser Show auf verschiedenen Regionalsendern rückt neben einstürzenden (Soufflé-)Bauten oft anderes in den Vordergrund: mangelnde Kochkünste, verwüstete Küchen und schaurige Wohnzimmereinrichtungen der Teilnehmer. Um nicht zu sagen: Diese Sendung ist ein psycholo­gisches Fressen. Kaum muss ein Kandidat oder eine Kandidatin Auskunft geben über Mitstreiter, fallen sie einander in den Rücken. Mit Kochen hat das herzlich wenig zu tun.

Was uns schliesslich ein wenig an den guten, alten «Bumann, der Restauranttester» erinnert. Daniel Bumann wirbelt zwar in seiner Sendung auf 3+ durch viele Küchen, ist aber mittlerweile mehr Seelsorger und Krisenmanager als der Sternekoch, der er mal gewesen ist.

Machen es denn die anderen besser? Ja. Deutschland zum Beispiel. Die zwei Sendungen, die am meisten (Koch-)Spektakel bieten, sind gleichzeitig die erfolgreichsten. «Kitchen Impossible» etwa, eine Erfindung von Tim Mälzer, hat mehrere Preise gewonnen. In der schnellen, dreckigen Show, in der zwei hoch dotierte Köche auf der ganzen Welt Rezepte nachkochen, wird viel getrunken, viel geflucht und vor allem: viel gekocht. Die Sendung lebt einerseits von den eckigen Charakteren der Konkurrenten, andererseits von deren Können. Beides wäre bei hiesigen Köchen garantiert auch zu finden.

Das andere deutschsprachige Highlight rückt Hobby- und Profiköche in den Vordergrund. Bei «The Taste» (aktuell mittwochs 20.15 Uhr auf Prosieben), einem ursprünglich amerikanischen Format, geht es darum, wie Essen schmeckt. In einer Castingshow kämpfen 20 Konkurrenten um den Einzug ins Finale – indem sie jeweils selber gekochte Menüs auf vier Probierlöffeln anrichten. Diese werden von Cornelia Poletto, Alexander Herrmann, Frank Rosin und Roland Trettl, ihrerseits TV-Kochkoryphäen, gekostet und bewertet. Die Sendung macht deshalb so Spass, weil der Titel keine Worthülse ist: Am Schluss entscheidet dank Blinddegustationen der Geschmack.

Immer die gleichen zwei Konzepte

Man müsste also das Rad gar nicht neu erfinden, um ein wenig Schwung in die TV-Kochszene zu bringen. Doch hierzulande klammert man sich zu fest an zwei starre Konzepte, und bei beiden kommt das Essen zu kurz: Entweder stehen in einer Sendung Laien (oder unbekannte Profis) im Vordergrund, die ihre Kreationen einer semiprominenten Jury – oder gleich den eigenen Mitstreitern – vorsetzen und sich beurteilen lassen müssen (warum eigentlich?). Oder dann dreht sich die ganze Chose um eine einzige Person, die Jamie-Oliver-mässig in irgendein Gebiet auf dieser Welt reist (nach Honolulu oder ins Appenzellerland, es spielt keine Rolle, wohin) und aus irgendeinem Grund irgendetwas Lokales zubereitet.

Etwa bei «Foodventure – Zbinden in Vietnam». Die Idee der Sendung ist uralt, neu ist einzig – Entschuldigung! – TV-«Frischfleisch» Fabian Zbinden, der Berner, dem man gerne dabei zusieht, wie er auf irgendeiner staubigen Strasse steht, auf einem undefinierbaren Küchlein herumkaut und sich dann selber in den lokalen Kochkünsten versucht. Dass die Destination wohl von der geldgebenden Airline gewählt worden ist, realisiert man glücklicherweise erst am Ende.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen – solche Sendungen sind toll. Vor allem am Feierabend, wenn man herunterfahren kann. Und so richtig schlecht schmecken Schweizer Kochsendungen ja auch nicht. Aber eben auch nicht richtig gut.


Die Bodenständige

Was: Das Konzept ist einfach, die Umsetzung aufwendiger: Landfrauen kochen Spezialitäten aus ihrer Region. «SRF bi de Lüt – Landfrauenküche» zeigt zum 12. Mal sieben Frauen, die sich ins Zeug legen, damit beim gemeinsamen Znacht dann alles perfekt ist.

Warum schauen? Essen wird fast nebensächlich, ja. Dadurch kommen jedoch auch Kochmuffel auf ihre Kosten: Die Landfrauen führen einen in Ecken des Landes, von denen man gar nicht wusste, dass sie überhaupt existieren. (Fr, ab 16. Nov., 20.05 Uhr, SRF 1)


Die Trashige

Was:Basierend auf dem deutschen «Perfekten Dinner», das aus der Channel-4-Serie «Come Dine with Me» hervorgegangen ist, versuchen sich in «Swiss Dinner», das auf diversen Regionalsendern läuft, Hobbyköche als perfekte Gastgeber. Profikoch Erik Haemmerli gibt in jeder Folge seinen Senf dazu, und kaum sitzt ein Teilnehmer alleine vor der Kamera, zieht er über seine Konkurrenten her.

Warum schauen?Besseres Trashfernsehen finden Sie nirgends. (Sa, 18.20 Uhr – stündl. Wiederholung –, TeleZüri, Tele M1, TeleBärn, TVO)


Die Musikalische

Was?Das Konzept von «Schudel on the Rocks» funktioniert seit Jahren: René Schudel kocht, während Musiker so tun, als ob sie helfen würden. Das ist manchmal sehr lustig (oder sehr, sehr anstrengend, haben Sie die Folge mit Trauffer gesehen?). In der neuen Staffel schwingen unter anderem Rolf Stahlhofen (Söhne Mannheims), Francine Jordi und Slädu den Kochlöffel.

Warum schauen?Die Sendung ist kurz, unterhaltsam und inte­ressant, ja, vielleicht ist es überhaupt die einzige zurzeit, bei der man kochen lernen kann. (Mi, 18 Uhr, Prosieben)


Die Originelle

Was? Koch Sandro Zinggeler fährt jeweils an einen bestimmten Ort in der Schweiz. Dort kocht er, was zur jeweiligen Folge von «LandLiebeTV» passt. Beispiele? In der Jurte gibts gefüllten Kürbis (aus dem mongolischen Ofen) mit Nüsslisalat-Pesto, bei der Schindelmacherin einen Saibling mit Kartoffelschuppen.

Warum schauen? Zinggeler hat coole, schräge Ideen (zum Beispiel haben wir von ihm gelernt, dass es so etwas wie Broccoli-Couscous gibt). Und: Diese Mini-Dokus über die Schweiz sind einfach schön. (So, ab 28.10., 19.55 Uhr, Sat 1)


Die Schnelle

Was? Torsten Götz ist ein ehemaliger 5-Stern-Hotel-Küchendirektor. Wie eine Aura aus Puderzucker umgibt ihn deshalb seine Erfahrung. Mit dem «Kitchen Case», einer mobilen Küche auf vier Rädern, besucht er Büros, Werkstätten oder Sportclubs und kocht dort mit Angestellten. Kochfaule sollen sehen, wie schnell ein anständiger Zmittag entstehen kann.

Warum schauen? Leider geht morgen die letzte Folge dieser Staffel auf Sendung: Götz besucht die Ordensschwestern im Kloster Wurmsbach in Rapperswil-Jona. Göttlich! (So, 19.55 Uhr, Sat 1)


Die Kosmopolitische

Was? Seinen Ruf als «Hollywoodkoch» wird er nicht mehr los, seit er in Robert De Niros Restaurant Nobu in Los Angeles kochte. Glamour umgibt den Berner Fabian Zbinden auch in seinem ersten Fernsehprojekt «Foodventure – Zbinden in Vietnam».

Warum schauen?Szenekoch plaudert mit Einheimischen und kocht mit regionalen Zutaten: Obwohl schon gefühlte tausend Mal in ähnlicher Form gesehen, macht das kurze Roadmovie Spass. Zbinden ist ein Naturtalent – ja, wir wagen zu sagen: Endlich gibt es einen Schweizer Jamie Oliver! (Freitags, 19.55 Uhr, Sat 1)

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