Zaira, das andere Model

Die seltene Krankheit Friedreich-Ataxie bindet sie an den Rollstuhl. Doch für die 20-jährige Zaira Civitillo im Wohnheim Rossfeld ist das kein Grund, nicht auch ein Model zu sein.

Models hier, Models dort, Models überall. Es wimmelt von Castings für Superstar-Events, von Miss- und Misterwahlen. Viele junge Frauen und Männer träumen von einer Modelkarriere. Von Glanz und Gloria. Von roten Teppichen. Von der auf allen TV-Kanälen vorgegaukelten und nicht mehr nur von der Boulevardpresse gehätschelten glamourösen Welt der Schönen und Reichen. Und vom kühnen Sprung ins Rampenlicht.

Auch die bildhübsche junge Zaira Civitillo, mit langen, schwarzen Haaren und verträumt-grünbraunen Augen, ist Model. Ihr erstes grosses Fotoshooting hat sie für die Berner Coiffeurkette Model Hair gemacht. Wenn man auf deren Website (www.coiffeurmodelhair.ch) nun die Bilder ihres Model-Debüts betrachtet, deutet nichts darauf hin, dass Zaira anders ist als andere Models.

An den Rollstuhl gebunden

Doch Zaira ist behindert, lebt mit der seltenen neurologischen Krankheit Friedreich-Ataxie. Sie ist an den Rollstuhl gebunden, das Posieren für die Fotografin Karin Felderer hat ihr einiges abverlangt. Doch das Ergebnis darf sich sehen lassen. Auf den Bildern überstrahlt sie mit ihrem sympathischen, halb schüchternen, halb neugierigen Lächeln alles, was sie ihm Leben beeinträchtigt. «Die Bilder sind schön», sagt sie, «ich bin stolz darauf, betrachte sie aber auch kritisch.» Ihr Aussehen sei nicht makellos, stellt sie fest, auch wenn man den Rollstuhl wegdenke. Doch: «Es war toll, dieses Shooting. Für mich eine gute neue Erfahrung.»

Den Werbeauftrag von Model Hair gewann Zaira Civitillo unlängst mit ihrer Teilnahme an der ersten Schweizer Miss-Handicap-Wahl in Bern, wo sie von zwölf Kandidatinnen hinter der gehörlosen Corinne Perrat und der querschnittgelähmten Cindy Cadola den dritten Platz belegte. Am Anfang habe sie an diesem Schönheitswettbewerb für Frauen mit einem Handicap nur halbherzig mitgemacht, sagt sie, doch nun sei sie froh, daran teilgenommen zu haben: «Es hat mir viel gebracht. Ich habe neue Erfahrungen gesammelt. Und ich habe andere Frauen mit Handicaps kennen gelernt. Vor ihnen habe ich grosse Achtung. Alle versuchen, ihren Behinderungen zu trotzen.»

Aufgeweckt, intelligent, neugierig

Das tut auch sie, Zaira Civitillo. Sie wohnt im Schulungs- und Wohnheim Rossfeld in Bern, absolviert hier den Basiskurs als Vorbereitung auf die dreijährige KV-Lehre und möchte später im Hotelfach arbeiten, «wenn möglich an einer Hotelréception».

Dass sie wegen ihrer Behinderung derzeit im Heim leben muss, ist für sie nicht einfach. «Ich bin ein Familienmensch», sagt sie, «vermisse während der Woche mein Zuhause in Basel. Doch die Lehre will ich unbedingt machen. Deshalb muss ich mit meiner jetzigen Lebensform zufrieden sein. Auch wenn ich hier in Bern manchmal ein bisschen allein bin.» Zaira ist aufgeweckt, intelligent und neugierig. Und sie ist froh, nicht stets auf ihre Behinderung reduziert zu sein, sondern ihre Stärken zeigen zu können. «Ich bin selbstbewusst», sagt sie, «kontaktfreudig und ehrgeizig. Und auch geduldig – meistens.» Sie steckt sich auch ausbildungsmässig hohe Ziele: «Ich hoffe, dass ich das E-Profil erreiche, das höchste Ausbildungsprofil. Ich bin ziemlich gut in Fremdsprachen, rede Englisch, Französisch und, mit meinen italienischen Wurzeln, natürlich Italienisch.»

Ihre Behinderung schränkt sie zwar ein, sie leidet an Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen. Die Diagnose, dass sie an der seltenen Krankheit Friedreich-Ataxie leidet, wurde gestellt, als sie neun Jahre alt war.

«Als fehlte ihr die Bodenhaftung»

«Sie war ein lebendiges, aktives Kind mit grossem Bewegungsdrang», sagt ihre Mutter Marisa Civitillo, «doch mit acht, neun Jahren begann sie zu stolpern. Und mit vierzehn Jahren kam sie in den Rollstuhl. Es war, als fehlte ihr die Bodenhaftung – die Erdanziehungskraft, die uns mit dem Boden verbindet.» Wenn sie von jemandem gestützt wird, kann Zaira zwar kurz auf den eigenen Beinen stehen, doch ihr Rücken ist operativ versteift. Ohne fremde Hilfe kann sie sich nicht mehr vom Rollstuhl wegbewegen.

Doch sie ist stark. Im Kopf lehnt sie sich gegen die körperliche Einschränkung auf. Sie liebt es auch, sich schön zu machen, sich zu schminken – «nicht nur, um gut auszusehen», wie sie betont, «sondern auch, um es immer und immer wieder zu üben. Denn sonst geht es von der Motorik her plötzlich nicht mehr.»

«Behinderung als Gradmesser»

Sie hat auch gelernt, ihre Ressourcen einzuteilen und allen schlechten Prognosen etwas entgegenzusetzen: ihren Willen, ihre Hoffnung, ihre Lebensfreude. Sie vertraut zwar weiterhin auf «die stetigen Fortschritte der Schulmedizin», doch daneben hofft sie auf eine alternative Therapie aus den USA, die sie alle paar Monate in San Marino erhält. «Sieben Stunden Autofahrt, eine Stunde Behandlung» , sagt Marisa Civitillo, «und Zaira geht es jeweils wesentlich besser.»

Im Übrigen versucht Zaira so zu leben, wie man als junge Frau eben lebt. «Meine Freundinnen und Freunde sind mir sehr wichtig», sagt sie, «sie gehen mit mir in den Ausgang oder zum Shoppen in die Stadt. Oder sie kommen für einen DVD-Abend zu mir.» Sie liebt es auch, mit Bücherlesen in andere Welten einzutauchen. «Liebesgeschichten gefallen mir am besten», sagt sie – und sie hofft, dass eine solche Geschichte auch für sie einmal wahr wird: «Ich sehe meine Behinderung nicht als Hindernis, sondern als Gradmesser für eine Beziehung. Auch wenn ich nicht im Rollstuhl wäre, käme für mich nur ein Mann infrage, der mich auch im Rollstuhl akzeptierte und liebte.»

«Auf eigenen Beinen stehen»

Doch vorerst steht für Zaira die KV-Ausbildung im Vordergrund – und weitere Schritte in die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. «Auch wenn ich im Rollstuhl bin, will ich möglichst auf eigenen Beinen stehen», sagt sie. Und hofft, nach dem ersten erfolgreichen Fotoshooting treffen nun auch weitere Modelengagements bei ihr ein.

«Warum», fragt sie, «soll ich nicht auch das Recht haben, ein Model zu sein?»

Der Bund

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