Das moralische Wettrüsten war noch nie so ausgeprägt

Avocados, rosa Kinderkleider, Emojis für Dunkelhäutige: Die kleinsten Dinge sind zu Statements geworden. Muss das alles so kompliziert sein?

Moralisches Wettrüsten: Lieber mal auf jene zeigen, die eine umweltschädliche Avocado im Einkaufswagen haben. (Bild: Getty Images)

Moralisches Wettrüsten: Lieber mal auf jene zeigen, die eine umweltschädliche Avocado im Einkaufswagen haben. (Bild: Getty Images)

Tina Huber@tina__huber

Selbst eine Institution wie die italienische Küche muss neuerdings Kompromisse eingehen, das realisierte ich kürzlich an einem Geburtstagsessen unter Freunden. Es gab Lasagne, also jenes Gericht, dessen Reiz unter anderem darin besteht, dass alle aus dem gleichen Topf essen. Nur war die Lasagne an diesem Abend dreifach angefertigt worden: einmal ohne Milch und Käse (Laktoseintoleranz), einmal ohne Knoblauch (empfindlicher Magen-Darm-Trakt) und einmal klassisch mit Hackfleischsauce.

Ernsthaft?, dachte ich. Und überlegte, was mich mehr erstaunte: dass jemand überhaupt wagt, ein Essen auszurichten ohne fleischlose Alternative. Oder ob es nicht eher eine Zumutung ist, vom Gastgeber zu verlangen, auf sämtliche Spezialwünsche seiner Gäste einzugehen; sollte man am Geburtstag nicht kochen dürfen, worauf man Lust hat?

Keine Absicht ist keine Option

Wenn selbst eine Lasagne zum Unterfangen wird, das eine vorgängige Umfrage im Freundeskreis zwecks Abklärung von Allergien und Ernährungsphilosophien erfordert: Wie kompliziert ist das Leben eigentlich geworden?

Es sind nicht nur die Ansprüche, die steigen. Noch die kleinste Handlung wird zum Statement darüber, wer wir sind, oder eher: wer wir sein möchten – wie emanzipiert, fortschrittlich, umweltbewusst, engagiert. Jedes Biorüebli, jedes rosa Mädchenröckli, jedes 80-Prozent-Pensum ein Bekenntnis. Dass man mal etwas einfach so tut, ohne tiefere Absicht, ist keine Option.

Alles wird bewertet, alles wird registriert.

Selbst in den Ferien gilt: Sich immer schön auf die Finger sehen. Kürzlich erkundigte sich in der Stilkolumne der «NZZ am Sonntag» eine besorgte Leserin, ob sie in den Afrika-Ferien noch bunte Röcke kaufen dürfe oder ob das eine Form von «cultural appropriation» sei, also kultureller Aneignung (natürlich nicht!).

Alles wird bewertet, alles wird registriert. Gilt leider, wenn ich ehrlich bin, manchmal auch für mich: Kürzlich ertappte ich mich, wie ich innerlich die Stirn runzelte, als ein befreundetes Paar seinem kleinen Sohn ein Edelweisshemd angezogen hatte (Patriotending!). Wenns ihnen gefällt: so what. Und diese «Daumen-hoch-Emojis» in dunklen Hauttönen, die meine Freunde jetzt verwenden, wahrscheinlich als eine Art antirassistisches Statement, muss ich da jetzt mitziehen?

Dieses ohnmächtige Gefühl

Es ist doch so: Wir haben keine Ahnung, was ein gutes – nein: richtiges! – Leben ist, und waren gleichzeitig nie unerbittlicher darin, andere Lebensformen als falsch zu kritisieren. Wir haben Ampelsysteme auf Lebensmitteln und Gendersternchen, aber wissen nicht, wie wir dieses ohnmächtige Gefühl loswerden, uns permanent an irgendetwas oder irgendjemand schuldig zu machen. Plastikverpackte Biopeperoni aus Spanien oder pestizidbelastete im Offenverkauf aus der Schweiz? Beides böse. Darum mal lieber mit dem Finger auf jene zeigen, die eine Avocado im Einkaufswagen haben.

Wenn sie sich angreifbar macht, freuen sich ihre Gegner: Die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg, bevor sie über den Atlantik segelt. Foto: Reuters

Ein bizarres Beispiel dieses moralischen Wettrüstens zeigte sich, als die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg per Segelschiff nach New York abreiste. Nachdem eine deutsche Zeitung geschrieben hatte, eine Flugreise wäre klimafreundlicher gewesen, drehten Thunbergs Kritiker in den sozialen Medien mal rasch durch. Endlich! Die heilige Greta macht sich schuldig!

Thunberg hätte, schrieb sinngemäss ein Nutzer auf Twitter, schwimmend den Atlantik überqueren können, und es hätte sich noch jemand gefunden, der ihr vorgeworfen hätte, sie trete mit den Füssen die Fische im Meer. Und so steht jeder auf seiner Scholle, wacklig, und bearbeitet die anderen mit moralischen Steinwürfen. Hauptsache, der andere taumelt mehr als man selber.

Was will man entgegnen, wenn jemand sagt: ‹Das hat mich verletzt›?

Kürzlich las ich im Jugendmagazin «izzy» folgenden Spruch: «Ich möchte so selbstbewusst sein wie Menschen, die keine Handyhülle besitzen.» Völlig absurd, doch irgendwie auch treffend. Besonders (aber nicht nur) für meine Generation, die unter 35-Jährigen. Die oft genug Nebensächlichkeiten diskutieren, als wären sie Staatsaffären. Kein Zufall, dass man uns, die Generation Y (why?), nach einer Frage benannt hat.

Und so diskutieren wir endlos, wägen ständig ab, ob wir irgendjemandem auf die Füsse treten; und dabei schwingt immer ein Subtext mit: Was ich tue, ist wahnsinnig bedeutend. Vielleicht könnten wir alle mal kurz zurücklehnen? Seit wann gleicht unser Leben einem einzigen langen Küchentischgespräch, an dem wir, vom Rotwein beseelt, uns nächtelang wahnsinnig wichtig und ernst nehmen und dabei nicht merken, dass wir um uns selbst kreisen?

Gefühle ersetzen Argumente

Kommt hinzu, dass es oft nicht mehr darum geht, wer die Wahrheit auf seiner Seite hat, sondern die Moral. Und wo Moral zur Kampfpartie wird, sind Gefühle die Waffen. Die deutsche Philosophin Svenja Flasspöhler sagte kürzlich in einem Interview: «Wenn an die Stelle von Argumenten Gefühle treten, ist an Diskutieren nicht zu denken. Das würgt alles ab.» Dann entgegnet man abweichenden Meinungen nicht mit Kritik. Sondern ist empört. Oder verletzt. Und was will man noch entgegnen, wenn jemand sagt: «Das hat mich verletzt»? Ein Satz, der, erzählte kürzlich eine Bekannte, ihrem Kind in der Schule als argumentatives Werkzeug gelehrt wird.

Und der, besonders wenn er von einer Minderheit geäussert wird, jeder Debatte das Genick bricht. Auch wenns dann absurd wird. Letztes Jahr entfernte Google das hartgekochte Ei aus seinem Salat-Emoji – die Veganer hatten sich ausgeschlossen gefühlt. In den USA geht die Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten so weit, dass Unis Triggerwarnungen aussprechen, wenn in Kunst oder Literatur heikle Inhalte besprochen werden, die Studierende verstören oder kränken könnten.

Harmlos oder politisch? Auch ein rosa Mädchenkleid kann ein Statement sein. Foto: Reuters

Die Debatte über den Umgang mit kontroversen Werken hat mittlerweile auch die Schweiz erreicht. Und am Treffen der Klimajugend in Lausanne konnten die Aktivistinnen und Aktivisten jederzeit die Diskussion unterbrechen, indem sie mit ihren Händen ein Dach über dem Kopf formten und signalisierten, dass sie sich «unwohl» fühlten.

Im Italienischen gibt es den schönen Begriff «Menefreghismo» (von it. «me ne frego»: «mir doch egal»). Er umschreibt eine Art hingebungsvolle Gleichgültigkeit, eine Nonchalance, mit der man die kleinen Widrigkeiten des Alltags wegwischt. Der Bus, der nicht kommt; das Hemd, das am Kragen zerknittert ist. Oder eben: die Widersprüchlichkeiten, denen wir uns Tag für Tag stellen müssen. Sollten wir uns nicht ein bisschen mehr davon angewöhnen?

In Italien, heisst es, isst man auch die beste Lasagne.

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