So lernen Kinder verlieren

Verlieren gehört zum Leben. Diesem Gefühl mit Gelassenheit zu begegnen, müssen Kinder – und manche Erwachsene – aber erst lernen.

Hoffentlich explodiert er nicht, wenn ihn sein Vater schachmatt setzt: Ein Junge beim Spielen. Foto: Getty Images

Hoffentlich explodiert er nicht, wenn ihn sein Vater schachmatt setzt: Ein Junge beim Spielen. Foto: Getty Images

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Niemand verliert gerne. Aber das ist völlig in Ordnung. Denn schliesslich ist es durchaus ärgerlich, wenn die eigene Spielfigur beim Brettspiel zigmal rausgeworfen wird oder wenn man beim Kartenspiel wieder die niedrigste Punktzahl hat. Aber als gute Verlierer wissen wir, dass es nur ein Spiel ist, und fordern das Glück bei der nächsten Runde erneut heraus.

Kleine Kinder dagegen tun sich mit dem Verlieren noch viel schwerer. Da kann an einem gemütlichen Spieleabend mit der Familie schon mal das Spielbrett samt Figuren an die Wand fliegen und das Beisammensein in Geschrei und Tränen enden. Erwachsene reagieren dann betroffen auf die heftigen Wutausbrüche und wissen oft nicht, ob sie den schlechten Verlierer trösten, ausschimpfen oder einfach ignorieren sollen.

«Verlieren ist für Kinder mehr, als nur nicht zu gewinnen.»Sandra Groenewold, Psychologin

Es besteht kein Grund zur Sorge, dass jähzornige Kinder ihr Leben lang kleine Spielverderber bleiben oder dass es vielleicht sogar ihrer Entwicklung schadet, wenn sie verlieren. Sie werden lernen, mit ihrer Enttäuschung und Wut über einen Misserfolg umzugehen, und brauchen dabei die Unterstützung der Erwachsenen.

Wie ein Versagen

Kinder sind impulsiv, was sie ärgert oder freut, bricht ungefiltert aus ihnen heraus. «Kleinkinder können ihre Gefühle noch nicht kontrollieren und aushalten», sagt Annette Cina, Psychologin und Oberassistentin am Institut für Familienforschung und -beratung an der Universität Freiburg und wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Psychotherapie. «Diese Selbstregulation müssen sie erst lernen.» Solange die Kinder aber ihre Impulse noch nicht kontrollieren können, wird auch der Ärger über das verlorene Spiel klar zum Ausdruck gebracht. Umso mehr, als das Verlieren für die Kleinen eine weitaus tiefer gehende Bedeutung hat als für die älteren Mitspieler.

Mit sechs bis sieben Jahren können Kinder ihre Emotionen besser kontrollieren.

«Verlieren ist für Kinder mehr, als nur nicht zu gewinnen», sagt Sandra Groenewold, Psychologin bei Spielzeit in Zürich, einer gemeinnützigen Organisation zur psychotherapeutischen Begleitung von Kindern, «weil es mit einer ganzen Reihe von negativen Gefühlen verbunden ist wie Scham, Versagen, Wut, Trauer und Enttäuschung.» Dies sei für die Kleinen vor allem deshalb tragisch, weil sie fürchteten, die Anerkennung und Aufmerksamkeit der wichtigsten Bezugspersonen, also in der Regel der Eltern, zu verlieren. Dabei hilft es auch nicht, wenn ein junger Verlierer bereits einige Male gewonnen hat. «Kleine Kinder leben noch ganz im Moment», sagt Annette Cina, «entscheidend ist für sie deshalb, was jetzt passiert.»

Das ändert sich erst im Lauf der ersten Lebensjahre. Voraussetzung dafür ist auch die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten. Mit sechs bis sieben Jahren können Kinder ihre Emotionen bereits besser kontrollieren, sie begreifen, dass zum Spiel Erfolg wie Niederlage gehören, und sie können anderen leichter zugestehen, dass sie gewinnen. Vor allem aber wird das Selbstwertgefühl nicht mehr nur von aussen bestimmt. Sie haben sich nun ein grösseres Polster an erfolgreichen Erfahrungen zugelegt und wissen, dass es anderes gibt, was sie gut können. So fällt es ihnen leichter, einen Misserfolg gelassen wegzustecken.

Gelassen reagieren

Eltern zeigen ihren Kindern am besten, was ein guter Verlierer ist, indem sie mit gutem Beispiel vorangehen. Als gute Vorbilder spielen sie mit Leidenschaft und vollem Einsatz, nehmen aber eine Niederlage mit Humor und freuen sich mit dem Sieger.

Man sollte Kinder nicht aus Angst vor Wutausbrüchen oder Mitleid gewinnen lassen.

Genauso entspannt sollten sie reagieren, wenn die Spielfiguren wieder einmal durch die Gegend fliegen. «Wenn Eltern ein Kind dann ausschimpfen, fühlt es sich zusätzlich missverstanden, was sein Gefühlschaos noch verstärkt», sagt Sandra Groenewold, die in ihrer Behandlung junger Menschen auch mit spielerischen Mitteln arbeitet. Eltern sollten dem Kind lieber erklären, dass sie seinen Ärger verstehen und dass es manchmal schwerfällt, zu verlieren – am besten schon während des Spiels, wenn sie sehen, dass ihr Kind den Spass verloren hat. Bereits dann können sie es anfeuern, trösten oder sich gemeinsam mit ihm über einen misslungenen Spielzug aufregen.

Gleichzeitig sollten einem Kind jedoch Grenzen gesetzt werden, empfiehlt Sandra Groenewold: «Schmeisst ein Kind die Spielfiguren durch den Raum, dann darf es zwar wütend sein, aber das gemeinsame Spiel darf es nicht kaputt machen.» Und wenn so ein tobendes Kind die Spielrunde verlässt, ist auch dies kein Drama. Meistens dauert es nicht lange, bis es sich beruhigt und zurückkommt, weil die Neugierde und die Freude am gemeinsamen Spiel siegen.

Ein Teil des Lebens

Um Kinder nicht zu überfordern, ist die Auswahl der Spiele entscheidend. Denn wenn die Kleinen keinen Erfolg haben, nagt dies nicht nur am Selbstvertrauen, es kann zudem den Spass am Spielen nehmen. Altersgerechte Spiele geben Kindern eine Chance zu gewinnen. Empfehlenswert sind zu Beginn Spiele, in denen Teams gegeneinander oder wie im Klassiker «Obstgarten» alle Spieler gemeinsam antreten, sodass nicht einer allein Letzter werden kann. Kinder können dadurch allmählich eine Vorstellung bekommen, dass es beim Spielen nicht nur auf das Können ankommt, sondern dass Gewinnen auch viel mit Glück zu tun hat.

«Es ist wichtig, zu wissen, dass Verlieren nichts mit der Person zu tun hat.»Annette Cina, Psychologin

Im Spiel sammeln Kinder Erfahrungen, die ihnen im späteren Leben nützen. Vor allem Verlierenlernen ist wichtig, da man wie im Spiel auch im Leben nicht ständig auf der Gewinnerseite steht. «Wir haben nicht immer alles unter Kontrolle, auch wenn wir uns grosse Mühe geben», sagt Annette Cina. «Deshalb ist es wichtig, dass wir merken, dass Verlieren nichts mit der Person zu tun hat und dass wir nicht gleich aufgeben, sondern noch einen Versuch wagen.» Auch für Sandra Groenewold ist klar, dass Kinder vom Verlieren profitieren, da sie die damit einhergehenden Gefühle kontrollieren lernen.

Beide Expertinnen halten deshalb auch nichts davon, Kinder aus Angst vor Wutausbrüchen oder Mitleid gewinnen zu lassen. Nur bei den ganz Kleinen sei dies erlaubt, wenn zu viele Niederlagen drohten. Aber auch dann nur massvoll und so, dass es die Kinder nicht merken. Nicht nur, weil sie sonst die Freude am Spiel verlieren, sondern vor allem, weil sie dadurch in der Vorstellung bestärkt werden, ohne Anstrengung immer der Beste zu sein und einen Anspruch auf das Gewinnen zu haben.

Mit zehn Jahren sollte ein Kind seine Gefühle im Griff haben. Denn spätestens dann bekommt es Probleme in Schule und Freizeit, wenn es auf Misserfolge immer noch mit unbeherrschten Wutanfällen reagiert. Hier hilft es, dem schlechten Verlierer geduldig zu vermitteln, dass man nicht immer gewinnen kann und wie ein solches Verhalten auf andere wirkt.

Anders dagegen in der Pubertät, in der es um die Anerkennung im Freundeskreis geht. In dieser Phase fällt es Mädchen wie Buben schwer, mit Misserfolgen umzugehen. Sie befürchten, dass darunter ihr Ansehen leiden könnte. Die Jugendlichen brauchen dann zu Hause umso mehr Bestätigungen ihres Selbstwertes. Die Eltern können Jugendlichen vermitteln, dass eine schlechte Leistung nicht die ganze Person infrage stellt, und ihnen zeigen, wo ihre Stärken liegen.

Wenn Kinder mit Unterstützung der Eltern die Erfahrung machen dürfen, dass ein Misserfolg kein Weltuntergang ist, kommen sie leichter durchs Leben. Denn wer mit Anstand und Humor verlieren kann, kann auch gelassen geniessen, worauf es nicht nur bei Sport und Spiel wirklich ankommt: dass man gemeinsam mit anderen eine aufregende und spannende Zeit verbringt.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 02.03.2018, 10:41 Uhr

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So klappts mit dem Verlieren

Altersgerecht spielen:
Für Anfänger sollte es keine komplizierten Regeln, wenig Spielmaterial und kurze Spielzeiten geben.

Spielform finden:
Team-, Bau- und Geschicklichkeitsspiele eignen sich als Einstieg, ab Vorschule auch Gesellschaftsspiele.

Gefühle zulassen:
Verständnis für den Ärger wirkt beruhigend auf Verlierer.

Gewinnen lassen:
Nur die Kleinsten und auch nur, wenn sie unbedingt ein Erfolgserlebnis brauchen.

Rollenspiele einsetzen:
Wer einmal Räuber und dann Gendarm, Prinzessin oder Untertan ist, lernt
die Welt aus der Sicht des Mächtigen und des Unterlegenen zu sehen.

Mannschaften bilden:
Denn gemeinsam verliert es sich leichter.

Regeln ändern:
Nur vor dem Spiel, damit alle eine Chance haben.

Vorbild geben:
Damit Kinder lernen, wie man auch beim Verlieren fair bleibt.

Situation einschätzen:Müdigkeit und Konzentrationsmangel können die Wut steigern.

Verlierer loben:
Wer verliert, hat sich trotzdem Mühe gegeben.

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