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«Alles, was sehr bunt ist, ist sehr giftig»

In Konsumgüterartikeln und Lebensmitteln wimmelt es von Schadstoffen. Wo Fallen lauern und was man gegen die Schadstoffattacke tun kann, sagt Klaus Oberbeil, Autor des Buchs «Die tägliche Dosis Gift».

Blei verbessert die Haftfähigkeit von Lippenstiften.
Blei verbessert die Haftfähigkeit von Lippenstiften.
Daniel Fuchs

Der Dioxinskandal in Deutschland wird in der Schweiz aufmerksam verfolgt. Doch wenn man Ihr Buch liest, fühlt man sich auch hier nicht allzu sicher. Sie schreiben, dass wir in Europa mit rund 50'000 Schadstoffen täglich belastet werden. Klaus Oberbeil: Das ist leider so.

Und die Giftattacke beginnt schon am Morgen: Im Duschgel stecken Bakterienkeime, in der Konfitüre sind möglicherweise Pestizidrückstände Es ist erstaunlich, dass wir trotz all der Giftstoffe heute so alt werden wie nie zuvor. Wir leben zwar lange, aber die meisten sind beeinträchtigt durch Beschwerden, die durch Schadstoffe ausgelöst werden. 68 Prozent aller Patienten, die Arztpraxen aufsuchen, sagen, dass sie sich müde, lustlos und verzagt fühlen, dass sie an Hautstörungen und an Übergewicht leiden. Sie fühlen sich krank, ohne zu wissen warum. Da nur nach vorgegebenen Diagnoseschlüsseln gearbeitet wird, werden die Schadstoffe bei der Diagnose meist nicht erkannt.

Die Aufregung über die mit Dioxin verseuchten Eier ist gross, doch viele essen jeden Tag Lebensmittel, die den höchst umstrittenen Geschmacksverstärker Glutamat enthalten. Glutamat ist nicht nur der am häufigsten verwendete Zusatzstoff in der Lebensmittelindustrie. Er spielt auch als Botenstoff im Gehirn eine wichtige Rolle im Zellstoffwechsel. Und greift damit tief in unsere Nerven- und Gefühlswelt ein.

Was heisst das genau? Werden regelmässig Lebensmittel mit Glutamat verzehrt, dann führt das zu einer übermässigen Aktivierung des Hirnstoffwechsels. Durch die Dauerbelastung leeren sich Neurotransmitterdepots schnell. Das sind die biochemischen Stoffe, die elektrische Reize von einer Nervenzelle weitergeben. Und dieser zu rasche Verbrauch führt zu Stimmungsschwankungen, chronischer Müdigkeit, Angstzuständen bis hin zu mentalen Problemen.

Das klingt erschreckend. Und: Glutamat ist in Babynahrung zwar verboten. Aber nimmt die Mutter Produkte mit Glutamat zu sich, gelangt dieses über die Nabelschnur in den Organismus des Embryos. Viele kleine Kinder sind heute deshalb so hyperaktiv, weil sie schon im Mutterleib damit versorgt wurden.

Leider ist es nicht ganz einfach Glutamat zu entgehen, da es fast überall drinsteckt: in Knabbergebäck oder in Fertigprodukten aus Fleisch und Gemüse. Doch, Glutamat kann man recht einfach entgehen, indem man keine fest verpackten Lebensmittel, wie Pizzen Mikrowellen-, Dosen- oder Fertiggerichte kauft, sondern möglichst offene Produkte.

Wir stellen uns selbst ein Bein, indem wir hauptsächlich nach Aussehen, Duft und Geschmack kaufen. Da müssen wir uns über Glutamat oder künstlich aufgehübschten Salat nicht wundern. Sind denn wenigstens Lebensmittel aus dem Reformhaus unbelastet? Ja. Wer aber hauptsächlich im Supermarkt einkauft, sollte dort wenigstens zu Bioware greifen, denn die ist geringer belastet als herkömmliche Artikel.

Schade, dass die Preise im Reformhaus oder Naturkostladen so hoch sind. Mittlerweile gleichen die Erzeuger von Bioprodukten ihre Preise immer mehr denen herkömmlicher Nahrungsmittel an. Andererseits ist bei Bioware die Nährstoffdichte höher als bei anderen Produkten. So stecken in einer Tomate aus Grossmutters Garten etwa 11 Mikrogramm Folsäure. Dagegen enthält eine Tomate aus einem Treibhaus in Spanien, die mit Chemiedünger herangezüchtet wurde, nur 0,3 Mikrogramm Folsäure. Bioprodukte machen also die Familie schneller satt, und die Sättigung hält länger an.

Doch selbst wenn wir nur noch Biolebensmittel kaufen, drohen weitere Schadstoffattacken. Laut Ihrem Buch wird das Konservierungsmittel Benzoesäure in grossen Obst- und Gemüsebetrieben ins Erdreich eingebracht, und somit ist jeder Mitteleuropäer damit belastet. Dem kann man leider nicht komplett ausweichen. Dasselbe gilt auch für Dioxine. Sie sind im Grundwasser, im Klärschlamm und im Erdreich enthalten und belasten alle Agrarprodukte, die im Boden wachsen. Da sich die Gifte in den Aussenschalen anreichern, hilft es bereits sehr, Rüebli, Spargel oder Kartoffeln sehr grosszügig zu schälen.

Lebensmittel sind das eine. Auchin Körperpflegeprodukten und Kosmetika stecken viele ungesunde Substanzen, zum Beispiel Blei in manchen Lippenstiften. Blei verbessert die Haftfähigkeit. Bei einem Test unter 33 bekannten Herstellern entdeckte die US-Initiative Campaign for Safe Cosmetics, dass 61 Prozent der Lippenstifte Blei enthielten. Das Schwermetall wird im Körper gespeichert. Es beeinträchtigt den Zellstoffwechsel und kann auf lange Sicht zu einer Einschränkung mancher Gehirnfunktionen führen. Ausserdem führt es dazu, dass die Leber an Leistungsfähigkeit verliert und Schadstoffe nicht mehr optimal ausscheidet.

Aber wie kann es sein, dass manche Kosmetikhersteller Blei verwenden? Diese Industrie muss sich auch an Regeln halten. Dort hält man sich an die zulässigen Mindeskonzentrationen, die bei Lippenstiften sehr niedrig sind. Deshalb sehen die entsprechenden Aufsichtsbehörden bei der entsprechenden Vorschriftenlage keine Risiken.

Sehr bedenklich stimmen auch Parabene, Konservierungsstoffe, in Deos. Es gibt Studien aus den USA, die nachweisen, das Brustkrebs bei Frauen zuerst an der linken Brust auftritt. Es wird vermutet, dass die meisten Frauen Rechtshänderinnen sind und daher Deo viel stärker in der linken Achselhöhle aufsprühen als in der rechten. Und diese Sprays strotzen vor Duft- und Aromastoffen, die sofort über die Haut in die Hautzellen und ins Blut eindringen.

Andererseits: Wir alle wollen gut riechen und kommen daher um Deos nicht herum. Kaufen Sie sie in Naturkostläden. Die bieten längst eine Palette aller möglichen Konsumartikel an.

Sie warnen im Buch* auch vor dem Nanotrend. Der ist mittlerweile im Lebensmittelsektor ein innovativer Forschungszweig. Nanopartikel, also winzige Teilchen, fügen sich in die Molekülstruktur eines Lebensmittels ein und verändern es. So machen sie zum Beispiel Salz und Zucker rieselfähig. Oder sorgen dafür, dass Gebäck schön glänzend aussieht.

Wo genau liegt nun die Gefahr? Es entstehen Miniteilchen, die es bislang so nie gegeben hat,und sie können einfach so in die Zellen eindringen. Vom Immunsystem werden sie nicht erkannt, da sie naturfremd sind. Unser Genmechanismus bräuchte eine Million Jahre, um sich daran anzupassen Das ist eine reine Giftzufuhr für den Körper.

Die Belastung mit Schadstoffen schreitet also täglich voran. Sie stecken ja auch in Kleidern. In Ihrem Buch steht, dass Dermatologen die starke Häufung von Neurodermitis bei Kindern auf die Billigkleidung zurückführen, die sie täglich tragen. Ja. In Deutschland beispielsweise wurden acht Farbstoffe als gefährdend in Kleidungsstücken deklariert. Sie sollten möglichst nicht verwendet werden. Da die meisten aber günstig kaufen wollen und 90 Prozent der preiswerten Textilien aus Billiglohnländern in Asien stammen, lässt sich die Giftoffensive nicht abwehren.

Was ist die Alternative: Nur noch teurere Kleidung kaufen oder secondhand, wenn das Budget knapp ist? Helle Kleidung und Textilien sind weitgehend frei von diesen schädlichen sogenannten Azo-Farben. Dagegen ist alles, was sehr bunt ist, in der Regel sehr giftig. Auch Schwarz ist übrigens eine Farbe, die intensiv ins menschliche Gewebe eingeht. Und muss es unbedingt für die Kinder einmal bunt sein, dann das Produkt vor dem ersten Tragen fünfmal waschen. Dadurch wird die Giftbelastung schon um 80 Prozent reduziert.

Bei der Kleidung hört es nicht auf. Teppiche, Plastikgegenstände, alles ist kontaminiert. Leider kommt es in manchen Bereichen durch Regelungen des Gesetzgebers sogar zu verheerenden Doppelwirkungen. So müssen zum Beispiel Teppiche feuersicher sein und werden mit Flammschutzmitteln behandelt, die besonders aggressive Toxine wie TBBPA enthalten. Und dann krabbelt das Baby auf dem Teppich herum und nimmt die Fransen in den Mund.

Gibt es noch irgendeinen Ausweg aus der täglichen Gifthölle? Mein Tipp: Misten Sie zu Hause aus. Werfen Sie alten Kunststoff, Medikamente, chemische Reinigungsmittel weg. Dann ersetzen Sie nötige Gebrauchsgegenstände durch unbedenkliche Waren aus dem Reformhaus. Versuchen Sie, bei Lebensmitteln Bioware zu kaufen. Und bleiben Sie bei all dem konsequent.

* «Die tägliche Dosis Gift», Klaus Oberbeil, Heyne, 2011, 15.50 Franken.

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